oder auch: (Hallo PK!) Die Mehrheit machts.
Eine Abspaltung von der Catholica war durch den Augustinermönch nicht beabsichtigt, und selbige ist um das Sektendasein nach ihrer Abspaltung von der Orthodoxen (= der rechten Lehre folgenden) christlichen Kirche vor allem wegen ihrer räumlichen Ausdehnung und wegen der Anzahl ihrer Mitglieder herumgekommen.
In der Folge von 1517 sind in sehr großer Zahl Abspaltungen, Gruppierungen, Teil- und auch eigenständige Organisationen in dem von Anfang an nie homogenen Lager der evangelischen bzw. reformierten bzw. lutherischen bzw. protestantischen (usw. usw.) Kirchen entstanden.
Da sich aus Luthers Ablehnung des Papsttums implizit auch eine solche der gesamten einheitlichen Organisation ergibt, hat im Gegensatz zur Catholica keine evangelische oder (s.o.) Organisation die Legitimation, zwischen Kirche und Sekte zu unterscheiden - erstere hat niemals mehr als drei Nachfolger Petri gleichzeitig gekannt und hat mithin grosso modo eben eine Allumfassende, allein seligmachende bleiben können.
Außer den vielen zentrifugalen Tendenzen gabs in der reformierten (evangelischen etc., s.o.) Szene nur herzlich wenige zentripetale, repräsentiert etwa durch Melanchthon, der von den bis ins Äußerste sich über die richtige und aus der Schrift allein abzuleitende Nachfolge Christi streitenden Fraktionshelden, die sich teilweise noch ärger bekämpften als den gemeinsamen vielbösen Gegner in Rom, sagte, es handele sich dabei um „friedhässige Clamantes“.
Ja, und was machen wir jetzt mit der evangelischen Sekte? Welcher von beiden ist etwa des Sektierertums verdächtig, wenn es in Heilbronn einen evangelikalen und einen landeskirchlich orientierten Posaunenchor gibt?
Sind die Herrnhuther eine Sekte? Die Liebenzeller? Die Zwinglianer? Die Calvinisten? Die Hutterer? Vielleicht gar das Gustav-Adolf-Werk eine Sekte im Schafspelz? - wenn das Konzept der einheitlichen Organisation einmal aufgegeben ist, lässt sich das bloß noch aus dem Blickwinkel dessen definieren, der Kirchensteuer, Landesbehörden und dergleichen auf seiner Seite hat. Theologisch funktionierts nicht mehr.
Mir kam als württembergisch-landeskirchlich von einer Pfarrerstochter erzogenen Knaben der erste Besuch in einem lutherischen Gottesdienst in Niedersachsen ziemlich unheimlich vor, während umgekehrt mein Vetter aus Langenhagen im württembergisch ev. Gottesdienst sich schon fast bei den Bilderstürmern in der Schweiz wähnte, weil ihm die außer dem Geläut zum Vaterunser fast gänzlich abwesende Ritualisierung suspekt war. Und dann noch eine Predigt, in der die Begriffe „Herr“, „Glaube“ und „Wort“ maximal je zweimal vorkamen! Schon fast ketzerisch. Also: mit dem Gefühl kann man da auch nichts machen, das bezieht sich immer aufs Seh- und Hörgewohnte.
Da hilft nicht einmal der Sektenbeauftragte und das, was er zu dem Thema als strukturelle „Merkmale“ zum Besten gibt. Noch gar nicht so lang, dass ich festgestellt habe, dass ausgerechnet „Simplify your Life“ engste personelle Verbindungen mit der ganz biederen offiziellen Evangelischen Landeskirche in Bayern hat - also keine Sekte, offenbar.
Wer noch? Wer nicht? Und: Was folgt auf die Beantwortung der Frage, wenn sie denn möglich wäre - Verbieten und Verbrennen wolln wer ja eigentlich nicht mehr, denke ich.
Schöne Grüße
MM