Hallo Kate,
ich glaube, ich verstehe jetzt.
Doch denke ich, daß dies nicht die einzig möglichen Haltungen sind, die einer zu irgendwelchen Erlebnissen einnehmen kann. Ich habe den Verdacht, daß in unserer Kultur dem Begriff der Schuld eine viel zu große Wichtigkeit gegeben wird und daß dies ein christliches Erbe ist. Aber darüber weißt Du sicher viel besser Bescheid.
Ich könnte mir auch eine Haltung vorstellen, in der man für Dinge, die schlecht laufen, weder bei sich noch bei anderen irgendeine Schuld sucht, die Schuldfrage einfach als uninteressant betrachtet, da sie nicht lösungsorientiert ist, und in pragmatischer Entspanntheit das Beste aus der Situation macht. Vielleicht wäre es eine Art von Erlösung, könnten wir den Begriff der Schuld ersatzlos aus unserer Sprache streichen.
Ich glaube, daß tatsächlich einige Menschen zu einer solchen Haltung finden, also nicht zwecks eigener Entlastung anderen die Schuld geben, aber auch nicht sich durch übermäßige Zweifel und Selbstvorwürfe niederdrücken. Diese Menschen können gesund alt werden, ohne dafür fies werden zu müssen.
Als Beispiele führe ich einige Menschen an, denen ich das irgendwie zutraue. Daß sie existierten, versöhnt mich etwas mit der Tatsache des Altwerdens:
Kardinal Franz König (Erzbischof von Wien, 1905 - 2004)
Margarethe Schütte-Lihotzky (Architektin, „Frankfurter Küche“, 1897 - 2000)
Leopold Vietoris (Mathematiker, 1891 - 2002)
Grüße,
I.