Lächerlich
Aus diesem Grund hätte gerade
Haider seine Worte mit Bedacht wählen sollen und sich nicht zu
bestimmten Äusserungen - ob nun unbeherrscht oder nicht -
hinreissen lassen sollen, wenn er nicht will, dass man ihn in
eine Ecke stellt. Doch wie aus Protokollen der
Nationalrats-Sitzungen ersichtlich wird, besitzt er keine
Kontrolle über sich, insofern braucht sich niemand zu wundern,
wenn man gegen ihn angeht.
Lächerlin, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird.
Man hat Jörg Haider nichts anderes vorzuwerfen als das, was seit Bestehen der Bundesrepublik im Bundestag Usus war. Gegen die Ausdrücke, die dort gefallen sind, nimmt sich Haider mit seinem „Westentaschen-Napoleon“ für Chirac beinah wie ein armer Waisenknabe aus, also beruhigt Euch mal:
_In Fragen der Etikette waren die Parlamentarier noch nie besonders zimperlich. Den ersten Ordnungsruf im Deutschen Bundestag verzeichnet das Protokoll am 20. September 1949. Hetzer , schleuderte der KPD-Vertreter Karl Renner vom Plenum aus Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) entgegen.
Die Zahl der Ordnungsmaßnahmen für Parlementarier, die sich im Ton vergriffen, hat seit 1949 die Tausender-Marke überschritten. Es gibt kaum ein Schimpfwort, mit dem in den vergangenen 50 Jahren nicht der politische Gegner im Bundestag traktiert wurde.
Auf das Tierleben - Ratte, Schlange, Stinktier, feiger Hund, Karnickel - griffen die Volksvertreter ebenso zurück auf auf eine deftige Fäkalsprache. Festgehalten sind auch Begriffe wie Berufsrandalierer, Gangster, Galgenkandidat, Harzer Roller, Lackschuhpanther, Möchtegern-Schimanski, Nadenstreifen-Rocker. Petersilien-Guru, Putzlumpen, Massenmörder, Pistolero, Pogromhetzer oder Giftspritze.
Obwohl das Reservoir ziemlich ausgeschöpft war, fiel Findigen aber immer noch eine Neuschöpfung ein, um ins Protokoll zu kommen.
Zu den Novitäten aus den letzten Jahren gehörten der kläffende Goldhamster , der Betonbolschewist , die Beamtenkuh oder die Weihnachtsgans.
Als einsamer Spitzenreiter auf der Parlaments-Schimpfliste hat sich Herbert Wehner verewigt, der es auf 58 Ordnungsrufe in Bonn brachte. Zählt man seine verbalen Verstöße in seiner turbulenten Zeit im sächsischen Landtag während der Weimarer Republik hinzu, sind es etwa 100.
In die Fußstapfen Herbert Wehners zu treten, bemühte sich lange Zeit Joschka Fischer. Als Grünen-Fraktionschef sammelte er innerhalb von zwei Jahren gleich ein Dutzend Ordnungswidrigkeiten.
Heiner Geißler titulierte er als Eckensteher , den CDU-Abgeordneten Althammer als christliche Dreckschleuder , Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann war für ihn ein bleifreier Hanswurst und US-Präsident Ronald Reagan ein schießwütiger Zelluloid-Cowboy.
Eine eigene Spezies in der Bonner Schimpfsammlung waren jahrelang auch Chauvi-Sprüche. Sie sehen besser aus, als sie reden , rief Michael Glos von der CSU der SPD-Kollegin Anke Martiny zu.
Auch Helmut Kohl reihte sich mit einem Ausrutscher ein. Wenn ich Sie betrachte, verstehe ich, daß Sie für die Gleichberechtigung der Männer eintreten , ließ er Herta Däubler-Gmelin von der SPD von oben herab wissen. Der Kanzler entschuldigte sich später dafür.
Gelegentlich wurden nicht nur verbale Ausrutscher, sondern auch andere parlamentsfremde Praktiken gerügt. So bekam die Grünen-Abgeordnete Gertrud Schilling in den lebhafteren Tagen ihrer Partei 1989 einen Ordnungsruf, weil sie eine Frisbee-Scheibe durch den Plenarsaal schweben ließ, um gegen Tiefflüge zu demonstrieren.
Ihrem Fraktionskollegen Christian Ströbele wurde das Wort entzogen, weil er sich am Rednerpult aus Protest gegen das Vermummungsverbot bei Demonstrationen Sonnenbrille und Mütze aufsetzte.
Trotz schlechter Umgangsformen und sprachlicher Ungehörigkeiten im Plenum hielten es die meisten Parlamentarier mit einem vielzitierten Wort von Hans Dichgans: Ich möchte hier leidenschaftlich für das Recht der Abgeordneten eintreten, Unsinn zu reden. Es ist eines der Grundrechte des Parlaments , hatte der erfahrene CDU-Parlamentarier 1967 geworben._