Hallo zusammen,
sehr interessante Diskussion, zu der ich mich nun auch zu Wort melden möchte. Nachdem hier einige wohl Wert auf „Referenzen“ legen, ich bin (nur) Vater zweier Söhne, fahre sowohl Fahrrad als auch Auto und kenne die besagten Tücher, wobei wir aber einen Tragegurt verwendet haben (NICHT auf dem Fahrrad).
STVO §21/3:
„Auf Fahrrädern dürfen nur Kinder unter 7 Jahren von mindestens 16 Jahre alten Personen mitgenommen werden, wenn für die Kinder besondere Sitze vorhanden sind und durch die Radverkleidung oder gleich wirksame Vorrichtungen dafür gesorgt ist, daß die Füße der Kinder nicht in die Speichen geraten können.“
Sie hat also eine Ordnungswidrigkeit begangen, da man ein Tragetuch keinesfalls als „besonderen Sitz“ interpretieren kann. Ein direkte Anzeige bei der Polizei hätte nur etwas gebracht, wenn weitere Zeugen vorhanden gewesen wären oder ein Polizist es selbst gesehen hätte. Das Jugendamt ist hier wohl nicht der richtige Ansprechpartner, auch wenn die Dame durchaus fahrlässig gehandelt hat.
Abgesehen von den Fakten finde ich in dieser Diskussion das Verhalten einiger „Tuchfans“ interessant. Sie fühlen sich sofort angegriffen, obwohl niemand hier generell dem Tragetuch seine positiven Eigenschaften und Auswirkungen auf die Psyche von Mutter und Kind abstreitet. Dennoch wird vehement mit aberwitzigen „Argumenten“ gearbeitet. Das Tuch sei auf alle Fälle sicherer als ein Kindersitz. Ja, erinnert mich an den Test Helm gegen Mütze. Beide wurden von einer hohen Brücke geworfen, der Helm war danach total zerstört, die Mütze vollkommen unversehrt. Nein, das war jetzt nicht nur billige Polemik, ich wollte damit verdeutlichen, dass bei einem Unfall ein geprüfter(!) Kindersitz samt Helm trotzdem besseren Schutz bietet als ein Tragetuch. Begründung: Gute Kindersitze bieten auch einen Seitenaufprallschutz, der zusammen mit dem Helm Kopf- oder Rückenverletzungen verhindert. Dieser Schutz ist beim Tuch, selbst bei korrekter Anwendung und bestem Material, keinesfalls gegeben, egal ob sich das Kind nun vorne oder auf dem Rücken (wie oft bei den Naturvölkern) befindet. Im Gegenteil wird doch das Gewicht der Mutter zur zusätzlichen Gefahr, die Quetschungen und Brüche verursachen kann. Außerdem wird die Bewegungsfreiheit durch ein vor die Brust montiertes Tuch samt Kind eingeschränkt. Dies kann jeder selbst nachvollziehen, ich kenne es von einem „Tuchtest“ als auch vom Tragen des Tragegurtes. Natürlich hat man beide Hände frei, dennoch ist man eingeschränkt. Die gilt besonders beim Radfahren. Eine Beeinflussung des Gleichgewichts ist bei beiden gegeben, ich glaube auch nicht, dass ein Kleinkind auf dem Kindersitz wie wild rumzappelt.
Natürlich hat auch der Kindersitz Nachteile. Auch hier ist kein 100%iger Schutz gegeben (den es sowieso nicht gibt). Sicherheitstechnisch besser sieht es da bei den Anhängern aus. Der ADAC und auch die Allianz haben diese mal geprüft und sind zu einem recht guten Ergebnis gekommen sofern einige Punkte beachtet werden (Überrollbügel, Kupplung darf sich nicht lösen, muss aber drehbar sein, Gurte usw.). Er beeinflusst weder das Fahrverhalten des Rades noch den Bewegungsfreiraum des Radfahrers, allerdings kann er durchaus schneller übersehen werden, wobei die Tests ergaben, dass der Anhängern nicht überrollt, sondern höchstens zur Seite geschoben wird. Trotzdem kann es dabei zu ernsthaften Verletzungen der Insassen kommen.
Ein Kleinkind auf dem Fahrrad mitzunehmen bietet immer eine Gefahr, die sich je nach verwendeter Einrichtung minimieren lässt. Das Tragetuch (auch den Tragegurt) halte ich aus den genannten Gründen für fahrlässig und leichtsinnig, zumal wohl keiner dem Kind im Tragetuch einen Helm anlegen würde.
Nochmal zur Klarstellung: Es geht hier um den klaren Sachverhalt „Fahrradfahren mit Tuch“. Es geht nicht darum, das Tragetuch als solches schlecht zu reden. Für jedes Anwendungsgebiet gibt es bessere und schlechtere Lösungen. Das Tragetuch auf dem Fahrrad ist schlicht und ergreifend verboten laut STVO und war dementsprechend verantwortungslos und leichtsinnig von der Mutter!
mfg
Jolly