Urteilslogik, Meinungsfreigeit und Freindseligkeit
Tach Marion,
das ist ja wie Gedankenübertragung, denn genau:
Du meinst also, das was Möllman so von sich gibt, fällt auch
auf die FDP zurück ?
Du meinst weiterhin, das, was der Vorsitzende oder Vize des
Zentralrats der Juden sagt, fällt jedoch nicht auf ebendiesen
zurück ?
Diese Besonderheit ist mir aufgefallen als eine, die für den Begriff „Antisemitismus“ von seinen semantischen Hütern aus der Sozialwissenschaft (und keineswegs von „den Juden“) tatsächlich in Anspruch genommen wird.
Alle nicht speziell und extra gebildeten Menschen halten den Begriff „Antisemitismus“ zunächst für das negative Ende von theoretisch möglichen Meinungen über Juden, welche, wie jedes Urteil, nicht nur von den Vorurteilen der Urteilenden sondern auch vom Verhalten des „Beurteilungsgegenstandes“ geprägt wird.
So dürfte die Lebenserfahrung von Menschen, die auch selbst immer wieder „beurteilt“ werden, gestrickt sein und dem folgt auch wohl ihr Sprachverständnis.
Wenn es nun heißt, keineswegs könne ein Handeln von Juden, gleichviel, oba als Moderator oder Regierungschef, Einfluss darauf haben, ob sich „Antisemintismus“ herausbilde; ob er zu- oder abnehme; vielmehr werde dies unter Antisemiten ausgemacht, dann entsteht Verwirrung - eben bei allen nicht extra und speziell gebildeten Menschen.
Wenn es heißt, bei einem „jüdischen Thema“ sei das so, dass jeder Hinweis auf die allgemeine Urteilsregel „sowas kommt von sowas“, einen neuen Antisemiten erschaffe, dann haben die Leute „schlechte Karten“, eine „Antisemitwerdung“ überhaupt zu noch verhindern.
Bzw. wenn solch eine „Antisemitwerdung“ einmal passiert ist, hat der frischgebackene „Antisemit“ keine Chance zu verstehen, wie das geschehen konnte, wenn er nicht zufällig herausfindet, dass das Wort nicht ein Urteil, sondern eine innere Haltung von Leuten bezeichnen soll, die in einer bestimmten Weise mit der „Moderne“ verkracht sein sollen. Und auf deren Seite soll man sich dann geschlagen haben. Ohne die überhaupt zu kennen.
Nichts gegen elegante Theorien. Aber es ist wohl nicht ganz fair, den Leuten die Kenntnis einer bestimmten Theorie abzuverlangen, und sie nur bei deren allfälliger Berücksichtigung im Sprachgebrauch erst im Vollbesitz ihrer Würde (außerhalb des Verdiktes „Antisemit“) zu belassen.
Wie sollen die Leute den logischen Anforderungen von Sonderwortbedeutungen nachkommen, die sie praktisch nicht kennen (können). Das man, um „Antisemit“ zu werden, gar keinen Semiten persönlich zu kennen, geschweige denn zu hassen braucht; das ahnt nicht nur kaum jemand, sondern das ist auch vom Sprachgebrauch her sehr ungewöhnlich.
Eine Parallele zu unseren Diskussionen bei FF sehe in ganz gewagter Analogie folgendermassen und relativierend zu oben:
Man kann im Unterschied zu dem „Urteilsdiskurs“, von dem die Leute erstmal ausgehen, aber auch einen anderen Diskurs „erblicken“:
Wenn ein frisch aus der Sicherheitsverwahrung entlassener Vergewaltiger und Frauenmörder direkt zum besten geben würde, welche Frauen nach seiner Meinung mit welchem Verhalten der Frauenfeindlichkeit im allgemeinen und besonderen zuarbeiten würden, dann würde man das wahrscheinlich als ein bisschen anstössig enpfinden, obwohl es innerhalb der Begriffslogik des Urteilsbegriffs bleibt, oder bleiben mag.
Das Dilemma sehe ich so, wie es in der Losung: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ auch versucht wird, zum Ausdruck zu bringen.
Man kann sagen, egal was passiert, Hass auf Frauen, oder Hass auf Juden können nicht Resultate kognitiv legitimer Urteils-bildungsprozesse sein, und deswegen sei es unzulässig, einen Zusammenhang zwischen einem Verhalten von Frauen oder von Juden und deren „Beliebtheit“ herzustellen, so wie es anstössig wäre, zu sagen, dass so wie diese oder jene Frau sich gebart, sei es kein Wunder sei, dass es Vergewaltigungen gibt.
Ich finde aktuell, dass tatsächlich für die „Wertschätzungsbeziehungen“ zwischen Völker, Religionen, Bevölkerungsgruppen und Geschlechtern komplexere Beziehungen gelten als in der einfachen „Urteilslogik“ für die Beliebtheit von z.B. Fussballfans. (Fussballvereine kann man sperren oder auflösen, deswegen können ihre Fans sie auich unbelienbt machen) Mit einer kompletten Übernahme der „Urteilslogik“ a la Fussballverein würde man tatsächlich die Shoah in einen logischen Raum von „Mitverursachbarkeit“ durch die Opfer hineinziehen. Das wäre noch kein „Geschichtsrevisionismus“ sondern eine „Umkehr der Beweislast“. Im Augenblich gilt: Die Shoah war und konnte nur Sache von Antisemiten sein; wenn die Sonderlogik der Begriffs kippt, würde das bedeuten, dass die Juden an ihrem Unglück auch einen Anteil gehabt haben könnten und es stünde zur diskursiven Disposition inwieweit das konkret der Fall war. Und zu dieser Disposition steht das heute qua Selbstverständnis und z.Tl. auch qua Rechtslage in Deutschland nciht.
Ob es das nicht vielleicht besser sollte, ist noch wieder eine andere Frage. Denn wenn man eine Möglichkeit theoretisch ausschliessen will, fördert man u.U. ihr Entstehen als Tatsache.
Natürlich können wir heute kein Verdikt mehr über irgend ein Volk zulassen. Wir können die Albaner z.B. nicht so behandeln, wie das römische Imperium die Vandalen behandelt hat. Da hatten die Vandalen Pech und die Albaner Glück. Nun schimpfen viele Leute auf Albaner und sagen auch, bei jeder Vollstreckung des Kanuns (Blutrachegesetz) dass die sich sehr unbeliebt machen ohne das man deswegen sagen würde, dies sei eine Parteinahme für Slobodans Vertreibungspolitik.
Eigentlich müssten wir alle Menschen(gruppen) als der Urteilslogik ausnehmen, weil wir nirgendwo mehr „vollstrecken“ wollen (und können). Wir tun das aber, soweit überhaupt, nur bei den Juden; und diese Differenz schafft Böses Blut.
Mindestens aber muss man den Leuten sagen, dass sich das Thema für sie anhört, wie ein Fall von „Urteilslogik“, dass er das aber nicht ist und dass viele andere Fälle das auch nicht sind, und dass es sich tatsächlich etwas komisch anfühlen mag, dass wir mit der Ausnehmung von Menschngruppen aus der Urteilslogik mal bei den Juden anfangen. Es sollte bei dem Privileg nicht bleiben sondern uns vielmehr dazu überleiten, unser Urteilsverhalten insgesamt zu zivilisien.
Verwickelte Sache.
Ist so ähnlich wie zu Sowjetzeiten, wo SU-Kritik wegen Tschnobyl auch als „antikommunistisch“ stigmatisiert wurde.
Grüsse,
Thomas
ps, sorry wegen Tippfehlern, keine Zeit zum korrigieren.