etwas zum Wesen von Religion…
Hi Tessa
Ein „guter“ Mensch zu sein heißt schlichtweg nicht viel mehr als eben Mensch zu sein, insofern Mensch zu sein darin besteht, das, was er an sich schon ist, nun auch zu werden.
Das aber hat nichts mit Religion zu tun. Die von dir zitierten israelitischen (dann jüdischen) Gebote (daß sie in der Form von den Christen nur übernommen wurden, ist ja mehrfach gesagt worden) sind natürlich Basis-Regelwerke für soziale Lebensformen. Es sind keine eigentlich religiösen Statements und außerdem im damaligen mesopotamischen Raum allgemein bekannt.
Aber viele Religionen, und insbesondere die vielen archaischen orientalischen, haben die Eigenart, daß in ihnen religiöse Inhalte mit sozialen, lebenspraktischen besonders eng verbunden wurden - und mit einem Gottesbegriff, in dem der Gott der permanente, immer gegenwärtige und aufmerksame Begleiter der menschlichen (individuellen und gesellschaftlichen) Geschichte ist, steht die jüdische Religion allerdings auch religionshistorisch betrachtet einzigartig da.
Eine eigentlich religiöse Bestimmung liegt jedoch vielmehr in den ersten drei Geboten. Hier wird der Gottesbegriff vorbereitet (noch etwas im Kontrastprogramm zur Ablösung von vormaligen Polytheismen), der sich dann später in der Form „Gott ist nur Einer“ manifestiert, der dann ebenfalls von den Christen so übernommen wurde. Hier liegt dann erst das, was eigentlich eine Religion (und zwar fast jede, so daß es fast definitorisch sein mag) ausmacht: Daß sie eine Form der Bestimmung ist , was der Mensch an sich sei (dies im Unterschied zu Philosophien, die das ihrerseits nur als Fragestellung fassen können). Zugleich liegt dann im Wesen von Religionen ein (wiederum jeweils sehr unterschiedlicher) Ansatz, warum der Mensch erst werden müsse, was er an sich schon ist.
Diese Bestimmungen kommen dann aber naturgemäß nicht mehr aus der Empirie des menschlichen Zusammenlebens und sind daher mehr als nur Abstraktionen eines optimierten Sozialverhaltens. Sie haben daher auch ihren „Zweck“ nicht nur darin, sondern gehen weit über die nur biologisch-psychisch-soziale Verfassung des Menschen und der Gesellschaft hinaus. Und darin liegt IMHO das Erstaunliche an der Tatsache aller eigentlichen religiösen Erscheinungen, daß es ja gerade der Mensch selbst ist, der sich aus einem über ihn selbst hinausreichenden Kontext her bestimmt und versteht und nicht nur aus dem von ihm unmittelbar sinnlich erfaßbaren.
In dem von dir angesprochenen christlichen Kontext zeigt sich das zum Beispiel in dem hier vorhandenen einen"Gebot", das ich speziell in der johanneischen Fromulierung allein als „reliöses“ bzw. religionsdefinierendes erkenne: (Joh. 15.12) „Das ist mein Auftrag, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe“ (für mich ein wesentlicher Unterschied zu den sonstigen Formulierungen der Synoptiker „liebt den anderen…“. Der „Johannes“-Text bezeichnet das typischerweise auch als „Auftrag“ (entolê): D.h. es ist etwas, das getan werden soll , es wird nicht vorausgesetzt, daß es bereits getan wird. Und dieser Auftrag ist eben etwas nicht mehr psychologisch und auch nicht bloß ethisch Erfaßbares - das wäre viel zu kurz gefaßt, viel zu banal. Er ist schlicht übermenschlich, und deshalb ist es so enorm wichtig, daß er hier als von einem Menschen gegeben aufgefaßt wird (das Übermenschliche manifestiert sich dann darin, daß dieser Mensch als göttlicher „Gesandter“(!) aufgefaßt wird, so bezeichnte er sich bei Johannes - und nur da - selbst).
Daß der Mensch sich selbst von einem über ihn hinausgehenden Standpunkt interpretieren kann (was ich, wie gesagt, für das Entscheidende an religösen Denkweisen halte), zeigt derselbe Autor dann nochmal in der Formulierung: (1. Joh. 3. 19-20) „Darin werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind [das ist ein Wahrheitsbegriff, der mit dem philosophischen nicht die Bohne zu tun hat!], und [darin] werden wir unser Herz beruhigen, daß, wenn auch unser Herz uns [selbst!] verurteilt, der Gott größer ist als unser Herz, und er alles weiß“. Darin liegt etwas, an das keine Psychologie heranreicht und mit einer solchen auch nicht nachvollzogen werden kann. Und trotzdem zeigt sich die ganze Tiefe dieses Gedankens erst dann, wenn erfaßt wird, daß es dennoch ein menschlicher Gedanke ist.
Und das hat weder mit Moral, noch mit Psychologie, noch mit Regelung sozialer Normen etwas zu tun.
Grüße
Metapher