Interessantes zum Lesen
Die meisten Deutschen sind stolz auf ihr Vaterland
Das Bewusstsein der Deutschen im Wandel
Von Klaus-Peter Schöppner
Berlin - „Deutsche - wir können stolz sein auf unser Land.“ Das ist nicht nur eines der Themen, mit denen die Union wieder zur Sachpolitik zurückkehren will. Das ist auch der Text eines SPD-Wahlplakats aus dem Jahr 1972, mit dem Willy Brandt damals seinen unvergessenen Sieg errang. Bereits vor knapp 30 Jahren kam fortschrittlichen Sozialdemokraten das über die Lippen, was ihre jetzigen Aushängeschilder Schröder und Rau als eher peinliche Attacke abtun, weil sie eine politische Diskussion über den Nationalstolz der Deutschen vermeiden wollen. Und damit ziemlich weit neben der Gefühlslage vieler Deutschen liegen. Denn 45 Prozent halten die momentane Diskussion über unseren Nationalstolz für wichtig, 52 Prozent dagegen für überflüssig.
Vornehmlich die Anhänger von PDS und SPD sind gegen eine neue Debatte. Offenbar befürchten sie aus wahlstrategischen Gründen eine mögliche Mobilisierung der eher konservativen Wähler. Das womöglich zu Recht; denn tief im Herzen hat sich das Bewusstsein der Deutschen offensichtlich gewandelt: Immerhin glauben inzwischen 60 Prozent nach einer emnid-Umfrage für N-tv, dass wir Grund haben, auf unser Vaterland stolz zu sein. Nur 35 Prozent glauben das nicht. Unter den Rentnern sind sogar 72 Prozent stolz auf das deutsche Vaterland. Unter den unter 30-Jährigen nur 36 Prozent.
Ziemlich neu ist, dass sich die Mehrheit der Deutschen dazu bekennt, auf ihre Nation stolz zu sein. Ein Grund dafür mag Trittins rüde Attacke gegen die Gemütslage eines großen Teils der Deutschen gewesen sein. Ein anderer das unterschwellige Gefühl, dass es jetzt endlich, 56 Jahre nach Kriegsende an der Zeit ist, auch mal das anerkennen zu dürfen, was wir erreicht haben. Die deutsche Geschichte umfasst schließlich mehr als die Zeit zwischen 1933 und 1945.
Deutschland ist auch Asylaufnahmeland, Land der friedlichen Wiedervereinigung, Wirtschaftswunderland. Doch die Deutschen tun sich immer noch schwer mit jeder Art von Patriotismus, weil sie sich ständig hin- und hergerissen fühlen zwischen der Scham über unsere Verbrechen der Nazi-Zeit und dem Stolz auf das, was vorher oder nachher war. All die umstrittenen Begriffe wie Vaterland, Nation, Heimat, Nationalhymne haben inzwischen große Sympathie bei den Deutschen: Besonders „Heimat“ ist ein Begriff, der 94 Prozent sympathisch ist. „Nation“ und „Nationalhymne“ finden 79 Prozent sympathisch, „Vaterland“ 77 Prozent.
Wer bei uns Nationalsymbole als zu pathetisch, zu deutschtümelnd abtut, der kritisiert eine schweigende Mehrheit. Und wer kritisiert, wenn viele Deutsche nationale Interessen in der Außenpolitik stärker vertreten sehen wollen, der unterstützt die Meinung einer lautstarken Minderheit. Viele Deutsche scheuen sich offenbar immer noch, ihre Meinung offen auszusprechen. Und dulden damit stillschweigend, dass ihr Nationalbewusstsein allzu leicht in die rechte Ecke gedrängt wird. Was inzwischen zu unterschwelligem Frust gegen die Berliner Politik geführt hat: 81 Prozent der Deutschen fordern die Bundesregierung auf, die deutschen Interessen bei internationalen Verhandlungen stärker zu vertreten. Für nur 16 Prozent ist das nicht wichtig. Besonders empfindlich sind die niedrig Gebildeten. Unter ihnen kritisieren gleich 85 Prozent, dass die Bundesregierung häufig zu unterwürfig handle. Fast 70 Prozent der Deutschen fühlen sich weiterhin beunruhigt über die politischen Verhältnisse bei uns. Möglicherweise hat die überall zu spürende große Verunsicherung als Folge von Globalisierung, EU-Erweiterung, Multikulti-Gesellschaft und technischer Revolution nun das Bedürfnis nach emotionaler Geborgenheit gestärkt. Was die Meinungsforscher daran merken, dass sich auf einmal eine Mehrheit wünscht, dass die Politik wieder größeren Wert auf Heimat, Vaterland und Deutschland legen soll. Diese Werte sollen wieder mehr zählen, fordern 68 Prozent der Deutschen. Nur 30 Prozent wollen das nicht.
Die Welt vom 03.04.01
P.S.: Dieser Artikel soll nicht meine Haltung widerspiegeln, ich finde ihn angesichts der Diskussion recht lesens- und für mache nachdenkenswert.
CIAo