Nazi-Deutschland

Guten Abend,

in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: „Eines der wesentlichen Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer Kulturnation auf Unterschichtniveau“ (sinngemäß), womit hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein paar Meinungen.

Danke, Stucki

Hi!

in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und
das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: „Eines der wesentlichen
Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer
Kulturnation auf Unterschichtniveau“ (sinngemäß), womit
hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein
paar Meinungen.

Ich verstehe den Satz grundlegend anders. Das Downsizing einer Kulturnation auf Unterschichtniveau verknüpfe ich mit der Vertreibung und Vernichtung der kulturellen Intelligenz im damaligen Deutschen Reich. Trotz oder gerade wegen der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen in der Weimarer Republik konnte sich in der Vor-NS-Zeit eine kulturelle Vielfalt bilden, wie sie wohl einmalig war. Ob Film, Musik, Theater, Malerei - Deutschland bot absolute Weltklasse.

Nach dem 30.Januar 1933 wurden viele Künstler von den Nazis konsequent verfolgt, entweder weil sie den rassischen Vorstellungen der Nazis nicht entsprachen, die Nazis die Werke für „entartet“ hielten oder die Künstler schlicht in Opposition zu den Nazis standen. Wer Deutschland nicht rechtzeitig verließ, wurde verhaftet oder mindestens mit Arbeitsverbot belegt.

Der „künstlerische Blutzoll“ im Dritten Reich war hoch.

Betroffene Schriftsteller:
Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Heinrich Mann, Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Carl von Ossietzky

Betroffene Maler:
Paul Klee, Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Otto Dix, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz

Betroffene Regisseure und Schauspieler:
Fritz Lang, Max Ophüls, Billy Wilder, Erich von Stroheim, Curt Sidomak, Robert Siodmak, Max Reinhardt, Otto Preminger, Marlene Dietrich, Peter Lorre, Curt Bois

Die Folgen dieses Exodus waren so stark und dauerhaft, dass sie bis weit in die 1950er und Anfang der 1960er hineinwirkten. Nicht ohne Grund wird gesagt, dass der Mainstream der deutschen Kinofilmproduktionen in den 1950ern der Reichskulturkammer unter Führung von Goebbels sehr gut gefallen hätte.

Grüße
Heinrich

Kästner dazu
Hallo!

»Das interessanteste und traurigste Buch, das über das Dritte Reich geschrieben werden muss, wird sich mit der Verderbung des deutschen Charakters zu beschäftigen haben. Niemals in unserer Geschichte hat ein solcher Generalangriff auf die menschlichen Tugenden stattgefunden. Nie zuvor sind Eigenschaften wie Zivilcourage, Ehrlichkeit, Gesinnungstreue, Mitleid und Frömmigkeit so grausam und teuflisch bestraft, nie vorher sind Laster wie Rohheit, Unterwürfigkeit, Käuflichkeit, Verrat und Dummheit so maßlos und so öffentlich belohnt worden.«

Erich Kästner (eine Meinung)

Gründlicher lassen sich die Zustände in Deutschland zu dieser Zeit wohl kaum beschreiben. Es begann mit Geschrei und Anpöbelei und endete mit der systematischen Vergasung jüdischer systematisch entrechteter Menschen und sowjetischer Kriegsgefangener. Deutschland war bis zu diesen 12 Jahren eine Kulturnation, während dieser 12 Jahre und auch heute bin ich da nicht sicher. Sergej Kulibaba

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Guten Abend,

in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und
das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: „Eines der wesentlichen
Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer
Kulturnation auf Unterschichtniveau“ (sinngemäß), womit
hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein
paar Meinungen.

Das ist auch nur eine teilweise richtige Antwort. Der Nationalsozialismus war auch in erster Linie eine Folge der Repressalien und Demütigungen europäischer Nationen, die als Sieger im Ersten Weltkrieg hervortraten.

Das man dabei auf einen (zu allem entschlossenen) Urwillen für Gerechtigkeit und Sühne stieß, der sich aus Deutschen Tiefen erhob, sollte nicht verwundern. Diese Kraft liegt nun mal in den Tiefen und man sollte nicht von ihr erwarten, geistige Freiheiten kultivieren zu wollen.

Damit will ich natürlich den NS nicht entschuldigen, aber es ist immer gut, alles im Gesamt zu sehen.

gruß
rolf

Hallo Stucky,

hierzu kann man freilich nicht sehr viel mehr sagen als seine IMHO:

in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und
das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: „Eines der wesentlichen
Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer
Kulturnation auf Unterschichtniveau“ (sinngemäß), womit
hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein
paar Meinungen.

allgemein wird doch der Faschismus eher auf dem Niveau der Mittelschicht angesiedelt, also in den Denkstrukturen des sog. Kleinbürgertums, weniger in denen der Arbeiter (Unterschicht).

Was sich ja bereits an der Wählerschichtanalyse der Reichtagswahl 1932 zeigt (im übrigen gilt dies für die Mussolini- und Franco-Regime genauso).

Darüber hinaus scheint der Widerspruch zwischen „Kulturnation“ und „Judenhass“ weit kleiner zu sein, als man gemein hin annimmt.
Der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman beispielsweise hält die These von der Judenvernichtung als „Triebdurchbruch“ oder „Rückfall in die Barbarei“ für vollkommen falsch, spricht dagegen dabei von der „Vervollkommnung von Zivilisation und Rationalität“ (was er natürlich nicht affirmativ meint).

Viele Grüße
franz

Lieber Rolf,

Du gibst hier einen unglaublichen Scheiß von Dir!
(Ok, liebe Mods, ich entschuldige mich und formuliere besser: einen nicht zu beschreibenden Denkmüll!)

Das ist auch nur eine teilweise richtige Antwort. Der
Nationalsozialismus war auch in erster Linie eine Folge der
Repressalien und Demütigungen europäischer Nationen, die als
Sieger im Ersten Weltkrieg hervortraten.

Erstens setzt Du hier voraus, daß die „Repressalien und Demütigungen“ reiner Willkür entsprangen - dem ist nicht so: spätestens seit Fritz Fischers „Der Griff nach der Weltmacht“ ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland (natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.
Zweitens übersiehst Du augenscheinlich, daß der Nationalsozialismus Wurzeln in irrationalen Ideologien hatte, die schon vor dem 1. WK virulent waren.

Das man dabei auf einen (zu allem entschlossenen) Urwillen für
Gerechtigkeit und Sühne stieß, der sich aus Deutschen Tiefen
erhob, sollte nicht verwundern. Diese Kraft liegt nun mal in
den Tiefen und man sollte nicht von ihr erwarten, geistige
Freiheiten kultivieren zu wollen.

Der „Urwille für Gerechtigkeit und Sühne“? Und dann „aus deutschen Tiefen“? Wo doch die Deutschen am 1. WK schuld waren?

Deutlicher kannst Du die Behauptung vom „Downsizing einer Kulturnation“ nun wirklich nicht bestätigen!
Hätte es nicht im Vermögen und der Fähigkeit einer „Kulturnation“ liegen müssen, Verantwortung für das Geschehene, Gewollte, sehenden Auges Betriebene zu übernehmen?

Gruß - Rolf

Erstens setzt Du hier voraus, daß die „Repressalien und
Demütigungen“ reiner Willkür entsprangen - dem ist nicht so:
spätestens seit Fritz Fischers „Der Griff nach der Weltmacht“
ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland
(natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt
und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.

Ich habe das Buch nicht gelesen, aber es ist ein Buch und nicht mehr. Und es gibt viele Bücher.

Zweitens übersiehst Du augenscheinlich, daß der
Nationalsozialismus Wurzeln in irrationalen Ideologien hatte,
die schon vor dem 1. WK virulent waren.

Ich kenne diese Szenerie sehr gut. Sie hat dazu beigetragen, dem NS einen ideologischen Boden zu geben, kann aber meines Erachtens, nicht für das eigentliche Entstehen des NS verantwortlich gemacht werden.

gruß

Hallo Rolf,

Das ist auch nur eine teilweise richtige Antwort. Der
Nationalsozialismus war auch in erster Linie eine Folge der
Repressalien und Demütigungen europäischer Nationen, die als
Sieger im Ersten Weltkrieg hervortraten.

Erstens setzt Du hier voraus, daß die „Repressalien und
Demütigungen“ reiner Willkür entsprangen -

Der Diktatfrieden von Versailles war Willkür und sowohl die
Hauptursache für die Wirtschaftsmisere in Deutschland als
auch für die Sympathien mit dem Revisionisten Hitler. Sogar
Friedrich Ebert sprach vom „Schanddiktat von Versailles“!

Lies mal was über z.b. das völkerrechtswidrige Ignorieren der
Abstimmung über die nationale Zugehörigkeit von Oberschlesien
und die Vorstösse der polnischen Armee gegen Deutschland und
Russland in den 20er Jahren. Ohne dieses Wissen beurteilt man
notgedrungen die Repression gegen Polen unvollständig.

dem ist nicht so:
spätestens seit Fritz Fischers „Der Griff nach der Weltmacht“
ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland
(natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt
und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.

LOL - der schreibt aber über die Ursachen des 1. Weltkrieges
und hier geht es um die Demütigungen nach diesem … und un-
umstritten ist Herr Fischer wahrlich nicht.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsschulddebatte

Zweitens übersiehst Du augenscheinlich, daß der
Nationalsozialismus Wurzeln in irrationalen Ideologien hatte,
die schon vor dem 1. WK virulent waren.

Aus diesen Wurzeln kroch so manches: Homöopathie, Wunschelrutengänger,
‚Urkostfreunde‘ und andere Okkulte saugen heute noch davon *grins*
Dazu nur -> Dr. Mengele war Homöpath und wollte in den KZs deren
Wirksamkeit nachweisen. Die SS-Wachmänner waren selbstverständlich
durch Mittel der ‚jüdischen‘ Medizin geschützt.

Das man dabei auf einen (zu allem entschlossenen) Urwillen für
Gerechtigkeit und Sühne stieß, der sich aus Deutschen Tiefen
erhob, sollte nicht verwundern.

Wo doch die Deutschen am 1. WK schuld waren?

Diese Sichtweise wurde in den 60er Jahren, also lange nach dem
Nationalsozialismus, propagiert und kann allein deshalb als Vor-
wurf an die politische Diskussion in Weimar nicht erhoben werden.

Hätte es nicht im Vermögen und der Fähigkeit einer
„Kulturnation“ liegen müssen, …

Wenn du die Latte für eine ‚Kulturnation‘ so hoch hängst, dann
gab es bisher auf diesen Planeten keine einzige!

…Verantwortung für das Geschehene, Gewollte, sehenden Auges
Betriebene zu übernehmen?

So kann man die Frage nur stellen, wenn all das was du in der Frage
schon behauptest, wirklich der damaligen Sichtweise entspräche. So
eine Position hat meines Wissens nach aber niemand in der Weimarer
Republik der ganzes ‚Kulturnation‘ gegenüber öffentlich vertreten.
Das gab es nur als Kritik ‚der Linken‘ an ‚das Kapital‘.

In dem Zusammenhang sollte man auch den Begriff ‚Kulturnation‘ mal
gründlich hinterfragen. Eigentlich stammt er doch aus dem Sprach-
schatz des Imperialismus und wurde geschaffen um die Unterdrückung
der Kolonien zu rechtfertigen. Wenn man über die Negation davon,
die ‚Nicht-Kulturnation‘ nachdenkt die sich z.B auf Indien bezog,
wird einem einiges klar und man hütet sich dieses Begrifflichkeit
zu verwenden.

Viele Grüße

Jake

Hallo,

ich denke, so kann man das nicht stehen lassen.

Es haben schließlich nicht M;illionen von Menschen damals von einen Tag auf den anderen ihre Bildung und Erziehung vergessen und ihre Mainung geändert. Also da anzunehmen, die Deutschen wären über NAcht verlödet, ist Käse.

Eine andere Frage ist, was davon sichtbar wurde und in Erscheinung trat.
Denn Fakt ist eins - mit den Nazis war nicht gerade die geistige Elite an die Macht gekommen. Das war bestenfalls Kleinbürgertum, wenn nicht gar der tiefste Plebs. Und da sich die ganze Truppe ja volksnah geben wollte, mußte sie sich quasi auf Stammtischniveau begeben. Von dort kamen ja die Schlägertruppen der SA und SS, die den Rückhalt des Regimes bildeten. Und bei denen mußten sich die Machthaber anbiedern.

Zudem kam, was in jeder Diktatur irgendwann kommt - eine massive Einmischung auch in alles, was Kultur und Kunst betrifft. Ich erinner da nur an die Berufsverbote für jüdische bzw. regimekritische Künstler, an die Bücherverbrennung und an die Entfernung der modernen (entarteten) Kunst aus den Museen.
Das alles läßt nach außen natürlich ein Bild entstehen, das von keinem hohen Niveau zeugt.

Natürlich gab es trotzdem noch die frühere geistige Elite. Aber die war kaltgestellt und an die seite geschoben - und hielt das Maul, weil es ja letztlich gefährlich werden konnte, aufzumucken.

Und eins noch: Das Ganze hat eigentlich nichts mit der Vernichtung der Juden und dem deutschen Rassenwahn zu tun.
Denn einen latenten Antisemetismus gab es in Deutschland auch schon vorher, der war keine Erfindung der Nazis. Und von dem waren auch teile des Bildungsbürgertums schon längst infiziert. Das war schon zu LKaiser zeitemn so und auch ind er Weimarer Republik.
Die hätten an sich die Juden nie umgebracht - das nicht. Aber keiner hatte von der Sache was dagegen, daß diese aus führenden Positionen in Kunst und wirtschaft verschwanden. Wo genau sie hinverschwanden - das wollte doch gar keiner so genau wissen.
Und auch der Mythos von der Überlegenheit der Deutschen ist viel älter. Die deutschen als führende Kulturnation, der deutsche Soldat als der beste Soldat, deutsche Treue, deutsches Heldentum - das war wirklich keine Erfindung der Nazis. Die haben das auf die Spitze getrieben, zugegeben.
Aber vom Grundsatz her waren weite Teile des deutschen Bildungsbürgertumes (auch die, die vorher und nachher für den Ruf Deutschlands als Kulturnation gewirkt haben) durchaus mit diesen Ideen infiziert.

Gernot Geyer

Hallo Franz,

Der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman beispielsweise hält die
These von der Judenvernichtung als „Triebdurchbruch“ oder
„Rückfall in die Barbarei“ für vollkommen falsch, spricht
dagegen dabei von der „Vervollkommnung von Zivilisation und
Rationalität“ (was er natürlich nicht affirmativ meint).

So rum kann man es vielleicht auch nicht gerade
absolutieren. Es ist korrekt, dass lt. Himmler
der Antisemitismus „lediglich eine Reinlichkeits-
frage“ der „arischen Rasse“ sein sollte; und somit
die von den „neuen arischen Eliten“ verlangte
„Unkrautvernichtung“ eine höherentwickelte Struktur
in „nie dagewesener Reinheit und Schönheit“ zum Ziele
hatte.

Insofern sollte man natürlich hinweisen, dass
es aus der individuellen Sicht des KL-Wächters
eben kein „Rückfall in“ sondern ein „Aufstieg aus“
der Barbarei (hier: der „Judenbarbarei“) war.

Aber das ist wahrscheinlich nicht das ganze Bild.
Vielmehr ist es so, dass die gesamte Geschichte
und der gesamte Kulturbetrieb „auf den Führer hin“
bzw. auf das, was man darunter verstehen wollte,
neu ausgedeutet wurde.

Diese „Neuausdeutung“ und die darauffolgenden
Handlungen und Wertungen wurden ja üblicher-
weise aus der Sicht der „gekippten“ Kultur
als „Rückfall in die Barbarei“ gewertet.
Und im Speziellen die verbindliche „Gleichschaltung“
aller Schichten auf diese neue Kulturauslegung.

Oder so.

Mein Senf.

Grüße

CMБ

Hallo Rolf,

über diesen Herrn habe ich mich doch noch etwas schlau gemacht.

spätestens seit Fritz Fischers „Der Griff nach der Weltmacht“
ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland
(natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt
und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.

Über die Sühneaktionen von solchen links angekommenen Ex-Nazis habe
ich meine eigene Meinung. Meistens übertreiben und verfälschen sie
nach 1945 genauso wie davor. Link dazu:
http://www.zeit.de/2004/04/L-Glosse_04

Ich gebe Fischer durchaus recht, das die Flottenpolitik von
Wilhelm II und von Tirpitz die Hauptursache für die Isolation
Deutschlands und damit für den Kriegsausbruch und -verlauf war
und das diese Politik unweigerlich zum Wettrüsten und zum Krieg
mit England führen mußte. Nur halte ich vorallem Wilhelm II für
zu dumm um dies absichtlich zu tun. Ihm ging es um blindes nach-
äffen der von ihm so verehrten britischen Kultur und Militärmacht.

Viele Grüße

Jake

Hallo Semjon,

Es ist korrekt, dass lt. Himmler
der Antisemitismus „lediglich eine Reinlichkeits-
frage“ der „arischen Rasse“ sein sollte; und somit
die von den „neuen arischen Eliten“ verlangte
„Unkrautvernichtung“ eine höherentwickelte Struktur
in „nie dagewesener Reinheit und Schönheit“ zum Ziele
hatte.

Diese Unkrautvernichtungs-Metaphorik hat Bauman dazu veranlasst, den NS-Staat als „Gartenstaat“ zu bezeichnen; das Garten-Denken halte ich in der Tat für typisch kleinbürgerlich, weniger für proletarisch (wenn ich denn Mittel- und Unterschicht dafür ersetzen darf).

Insofern sollte man natürlich hinweisen, dass
es aus der individuellen Sicht des KL-Wächters
eben kein „Rückfall in“ sondern ein „Aufstieg aus“
der Barbarei (hier: der „Judenbarbarei“) war.

Mit dem „Rückfall in die Barbarei“ hab ich die gängige aus der psychoanalytisch inspirierten Sozialpsychologie entnommene These gemeint, dass sich der Nationalsozialismus als „Triebdurchbruch“ erklären liese, nach dem Muster: endlich ist es dem KZ-Wärter erlaubt, sadistisch zu quälen, schon bricht sein Trieb durch…

Dagegen liese sich aus den unterschiedlichsten Richtungen einiges einwenden.

Diese „Neuausdeutung“ und die darauffolgenden
Handlungen und Wertungen wurden ja üblicher-
weise aus der Sicht der „gekippten“ Kultur
als „Rückfall in die Barbarei“ gewertet.
Und im Speziellen die verbindliche „Gleichschaltung“
aller Schichten auf diese neue Kulturauslegung.

Also Du meinst im Klartext, dass die Juden es geschafft hätten (mithilfe der Siegermächte wohl) den Deutungsrahmen des „Rückfalls in die Barbarei“ allgemein verbindlich durchzusetzen?

Damit kann ich mich allerdings recht wenig anfreunden.

Viele Grüße
franz

Hallo Franz

Insofern sollte man natürlich hinweisen, dass
es aus der individuellen Sicht des KL-Wächters
eben kein „Rückfall in“ sondern ein „Aufstieg aus“
der Barbarei (hier: der „Judenbarbarei“) war.

Mit dem „Rückfall in die Barbarei“ hab ich die gängige aus der
psychoanalytisch inspirierten Sozialpsychologie entnommene
These gemeint, dass sich der Nationalsozialismus als
„Triebdurchbruch“ erklären liese, nach dem Muster: endlich ist
es dem KZ-Wärter erlaubt, sadistisch zu quälen, schon bricht
sein Trieb durch…

Ich fürchte, ich habe das noch nicht so
richtig verstanden. Einerseits war es ausser-
ordentlich streng verboten und auch verpönt,
irgendwelche Anzeichen von „Triebdurchbruch“
zu zeigen, gerade der SS-Kodex liess nur
Verachtung dafür übrig. Andererseits ist
es eben so, dass sich in Berufen wie
„KL-Aufseher“ bestimmte Charaktere ver-
stärkt einfinden. Deren (individuelle) Exzesse
wurden aber, so ich informiert bin, niemals geduldet -
und ggf. sogar bestraft. „Triebverzicht“ war absolut
nötig, um im Einklang mit dem Kodex zu leben.

Sogar noch 1944 wurde Kaminski als Kommadeur
der 29. SS-Div. (http://en.wikipedia.org/wiki/29th_Waffen_Grenadier_D…)
hingerichtet, weil die offenen Mord-Exzesse seiner
Soldaten bei der Rückeroberung Warschaus „der SS unwürdig“
wären.

Diese „Neuausdeutung“ und die darauffolgenden
Handlungen und Wertungen wurden ja üblicher-
weise aus der Sicht der „gekippten“ Kultur
als „Rückfall in die Barbarei“ gewertet.
Und im Speziellen die verbindliche „Gleichschaltung“
aller Schichten auf diese neue Kulturauslegung.

Also Du meinst im Klartext, dass die Juden es geschafft
hätten (mithilfe der Siegermächte wohl) den Deutungsrahmen
des „Rückfalls in die Barbarei“ allgemein verbindlich
durchzusetzen?

Hehe! Eigentlich bin ich es doch, der hier immer
mal provoziert :wink:

Hoffentlich enttäusche ich Dich nicht, aber der
„Deutungsrahmen“, der unter den Nazis aufgestellt
wurde, ersetzte ja einen Vorhergehenden. Und da die
Nazi-Weltsicht des „Sieges der arischen Blutes“ sich
nicht als zweckmässig erwies, sollte es nur vernünftig
für das Individuum sein, auf den vorhergehenden Atavismus
zurückzufallen.

Damit kann ich mich allerdings recht wenig anfreunden.

Ich will Dich ja nicht ganz enttäuschen; vielleicht
kann man sagen, dass die Deutschen schnell gelernt
haben, dass Rassenhaß wie „Judenhaß“ in offener Form
nicht geduldet wird. Und daran haben die (West-)Alliierten
sicherlich Anteil. Im Osten Deutschlands wurde das Problem
gelöst, indem man es einfach ignorierte („Juden? sowas
gibt es gar nicht“ - „Auschwitz? Dort starben Antifaschisten,
Sowjetbürger und polnische Kommunisten“).

Auch eine nette Variante.

Grüße

CMБ

Hallo,

sicherlich Anteil. Im Osten Deutschlands wurde das Problem
gelöst, indem man es einfach ignorierte („Juden? sowas
gibt es gar nicht“ - „Auschwitz? Dort starben Antifaschisten,
Sowjetbürger und polnische Kommunisten“).

Du irrst. Es wurde nicht ignoriert - es spielte einfach keine Rolle, welcher Nation die Toten angeörten oder welcher Religion. Tot ist schließlich tot - da wird so was unwichtig.
Und natürlich wurde auch die Unterdrückung und Vernichtung der Juden themnatisiert. „professor Mamlock“ war Pflichtprogramm im Deutschunterricht und die Reichskristallnacht war Pflicht im Geschichtsunterreicht. Die ermordeten Juden wurden genau so wie die anderen Völker erwähnt im ehemaligen KZ Buchenwald - und wie oft ich dort oben war aus allen möglichen Anlässen, weiß ich echt nicht mehr. Das war einfach Pflichtprogramm.
Im Übrigen haben im Osten auf Befehl der Russen die Juden (soweit sich ehemaige Eigentümer und deren Erben noch finden ließen) auch ausnahmslos und völlig unbüroktatiscvh schon 1945/46 ihr arisiertes Eigentum wiederbekommen.

Und eins noch: Es gab in der DDR eine Trennung von Kirche und Staat - nicvht nur auf dem Papier. Da spielte die Religion des einzelnen im Alltag einfach keine Rolle - das war Privatsache. Danach wurde in keinem staatlichen Fragebogen gefragt, die Frage nach der Relogionszugehörigkeit war regelrecht verboten, weil das in die Privatsphäre eingegriffen hätte.
Und deshalb hat sich für mich die Frage, ob es Juden gab in der DDR, praktisch nie gestellt und für alle anderen auch nicht. weil es eh egal war, welchen Glauben der neben mir hatte.

Gernot Geyer

2 „Gefällt mir“

‚Schanddiktat von Versailles‘
Hallo Jake,

Ich will auf Deine Aussagen hier nicht im Einzelnen eingehen, nur einige (oberlehrerhafte :wink:) Anmerkungen.

Der Diktatfrieden von Versailles war Willkür und sowohl die
Hauptursache für die Wirtschaftsmisere in Deutschland als
auch für die Sympathien mit dem Revisionisten Hitler.

Na ja, da sind noch einige Dinge hinzu gekommen: absolute Ablehnung und Bekämpfung der Republik und Demokratie durch die führenden Schichten, Weltwirtschaftskrise u.a. Der wirtschaftliche Todesstoß kam meines Wissens durch das Abziehen amerikanischer Kredite, die Amerikaner hatten selbst genug Probleme.

Sogar Friedrich Ebert sprach vom „Schanddiktat von Versailles“!

„Schanddiktat“ bzw. „Schandvertrag“ ist ein Begriff von Scheidemann: „Wer diesen Schandvertrag unterschreibt, dem soll die Hand verdorren!“

Gruß, Stucki

Hallo Jake,

über diesen Herrn habe ich mich doch noch etwas schlau
gemacht.
Über die Sühneaktionen von solchen links angekommenen Ex-Nazis
habe
ich meine eigene Meinung. Meistens übertreiben und verfälschen
sie
nach 1945 genauso wie davor. Link dazu:
http://www.zeit.de/2004/04/L-Glosse_04

Dieser Artikel gibt bei Weitem nicht Deine Verdammnis über Fischer her! Bestenfalls ein passiver Anpasser war er danach. Aber da hat es viele gegeben: Heidegger (der noch 1944 an den Endsieg glaubte!), die Physiker Heisenberg und Max Planck, Karajan, Richard Strauss und und und …

… Nur halte ich vorallem Wilhelm II für
zu dumm um dies absichtlich zu tun. Ihm ging es um blindes
nachäffen der von ihm so verehrten britischen Kultur und
Militärmacht.

„Ich wollte, ich könnte jeden Tropfen englischen Blutes aus mir heraus pressen.“ Auch von Wilhelm. Nein, dieser Mann ist wirklich zu wankelmütig, um ihn ernst zu nehmen. Heute so und morgen so, nein: diese Stunde so und nächste Stunde so. „Die größte Fehlbesetzung der Geschichte“, sagte King Edward von England.

Gruß, Stucki

Danke für die Meinungen …
… es ist etwa das, was ich erwartet habe. Auch ich halte diese Aussage für gewagt, besser für nicht zutreffend. Schon alleine, weil die Nazis zunächst in den Unterschichten und der Arbeiterschaft, weniger Anhänger hatten als dem Durchschnitt entsprach! Dann muss man berücksichtigen, dass dieses „Downsizing“ von der Mittel- und Oberschicht vorgenommen wurde. Das kommt ja in einigen Aussagen auch durchaus raus.

Besonders gefallen haben mir das Kästnerzitat und davor Heinrichs Auslassungen.
„Der „künstlerische Blutzoll“ im Dritten Reich war hoch“, sagt er - der wissenschaftliche mindestens ebenso. Es macht mich immer wieder traurig oder wütend, was damals alles kaputt gemacht wurde. Übrigens schon vor bzw. mit dem 1. WK! Deutschland war da schon kulturell und technisch Spitze. Und dann kommen die aristokratischen Idioten daher und meinen, auch „einen Platz an der Sonne“ haben zu müssen. Noch nach dem 1. WK war Deutsch die „Lingua Franca“ in vielen geisteswissenschaftlichen Fächern, wenn man bestimmte Fächer studieren wollte, war Deutschland die Adresse (ein bekannter Vertreter, der das mal sagte, war z.B. der vor kurzem verstorbene George F. Kennan), die deutsche Technik hatte schnell wieder aufgeholt … nicht drüber nachdenken.

Gruß und schönen Sonntag, Stucki

Sogar Friedrich Ebert sprach vom „Schanddiktat von Versailles“!

„Schanddiktat“ bzw. „Schandvertrag“ ist ein Begriff von
Scheidemann: „Wer diesen Schandvertrag unterschreibt, dem soll
die Hand verdorren!“

Aber das Schanddiktat von Brest-Litowsk, dagegen hatte in D keiner was…

tatsächlich war Brest-Litowsk mit eine Ursache, dass die Westalliierten nicht mehr an einen Verhandlungsfrieden glaubten und bereit waren, die Sache auszukämpfen.

Gruß
Mike

DDR & Holocaustrezeption
Hallo Gernot

sicherlich Anteil. Im Osten Deutschlands wurde das Problem
gelöst, indem man es einfach ignorierte („Juden? sowas
gibt es gar nicht“ - „Auschwitz? Dort starben Antifaschisten,
Sowjetbürger und polnische Kommunisten“).

Du irrst. Es wurde nicht ignoriert - es spielte einfach keine
Rolle, welcher Nation die Toten angeörten oder welcher
Religion.

Ich denke, das ist nicht 100%-ig so zu sehen. Ich kenne
im Zusammenhang mit der DDR-Vergangenheitsrezeption nur
die Zahl „über 20 Millionen vom Faschismus hinge-
mordete Sowjetbürger“.

Tot ist schließlich tot - da wird so was unwichtig.
Und natürlich wurde auch die Unterdrückung und Vernichtung der
Juden themnatisiert. „professor Mamlock“ war Pflichtprogramm
im Deutschunterricht und die Reichskristallnacht war Pflicht
im Geschichtsunterreicht. Die ermordeten Juden wurden genau so
wie die anderen Völker erwähnt im ehemaligen KZ Buchenwald -
und wie oft ich dort oben war aus allen möglichen Anlässen,
weiß ich echt nicht mehr. Das war einfach Pflichtprogramm.

Ist das so zu werten? Oder ist das eine romantische Vision
aus der Retrospektive?

Im Übrigen haben im Osten auf Befehl der Russen die Juden
(soweit sich ehemaige Eigentümer und deren Erben noch finden
ließen) auch ausnahmslos und völlig unbüroktatiscvh schon
1945/46 ihr arisiertes Eigentum wiederbekommen.

Hmmm, da steckt imho auch mehr dahinter; dazu fand ich
folgendes:frowning:http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?r…)

 Dafür steht das Schicksal eines Mitglieds im Zentralkomitee
 der SED, Paul Merker, der früh die Einzigartigkeit des Holocaust
 betonte und sich für eine "Wiedergutmachung" der DDR an den
 Juden einsetzte. Im Zuge der Stalinisierung der SED wurde die
 Restitution des "arisierten" Vermögens der Juden mit dem
 Hinweis auf die untragbaren Kosten für die deutsche Arbeiter-
 klasse abgelehnt, auch weil damit 'jüdische Kapitalisten'
 ent schädigt und kapitalistische Eigentumsverhältnisse
 restauriert würden.

 Der Höhepunkt der Parteikampagne gegen Merker und andere
 Parteifunktionäre in der DDR fand 1952 / 53 während der Zeit des
 Pragers Slansky-Prozesses statt. Die Angeklagten waren überwiegend
 Juden, die in der Tschechoslowakei teilweise zum Tode verurteilt
 wurden.

 Die einsetzende Entstalinisierung seit 1953 verhinderte zwar
 einen Schauprozess gegen Merker, aber er blieb politisch
 kaltgestellt. Die Begleitmusik dieser Säuberungen waren im
 postnazistischen Ostdeutschland vertraute antisemitische
 Bilder, Codes und Stereotypen wie 'Volksschädling',
 'Zersetzungsarbeit', 'einschleichen', oder 'weitverzweigte 
 Netzwerke der Zionisten'.

 Haury charakterisiert die spezifisch ostdeutsche Form des
 sekundären Antisemitismus: "Damit weist der Antizionismus in
 der DDR auch eine spezifisch 'nationale' Komponente auf,
 sowohl bezüglich seiner 'deutschen' inhaltlichen Füllung - die
 Ablehnung der Wiedergutmachung - als auch in seiner Argu-
 mentationslogik - der Täter-Opfer-Verkehrung - als auch bei 
 seinen Antrieben - Deutschnationalismus und der damit verbundene 
 Wunsch nach Entlastung von Schuld."

 Dieser ostdeutsche Antizionismus diente der SED u. a. zur
 Schuld- und Erinnerungsabwehr gegen die NS-Verbrechen
 ...

Und eins noch: Es gab in der DDR eine Trennung von Kirche und
Staat - nicvht nur auf dem Papier. Da spielte die Religion des
einzelnen im Alltag einfach keine Rolle - das war Privatsache.

Ja genau. Das meinte ich, als sich sagte, das Problem
wurde ignoriert. Mit „Problem“ meinte ich die ver-
nichtung des europäischen Judentums. Eine
„Privatsache“?


Und deshalb hat sich für mich die Frage, ob es Juden gab in
der DDR, praktisch nie gestellt und für alle anderen auch
nicht. weil es eh egal war, welchen Glauben der neben mir
hatte.

Ja, es wurden also 5-6 Millionen Juden vorsätzlich innerhalb
einer „Ideologie“ umgebracht. Dass sie umgebracht wurden,
weil sie Juden waren, wurde in der DDR „offiziell“
imho so niemals thematisiert. Und man nenne auch nicht
Juri Becker, denn dieser war sicherlich nicht
DDR-Linienkonform.

So ist mein Kenntnissstand. Man belehre mich bitte
eines besseren, ich wäre dankbar für jeden Hinweis,
der meinen Irrtum geraderückt.

Grüße

CMБ

1 „Gefällt mir“