der ‚durchgeknallte‘ Neffe
*oooooooooooolala*
Vorab: ich finde es toll, dass hier im Board so schnell so viele Antworten kommen und versucht wird zu unterstützen.
Allerdings schalten sich in diesem Board, häufiger als in anderen (Medizin, Recht etc.), interessierte Nicht-Profis ein (Laien will ich sie gar nicht nennen). Meist mit (sehr) guten Argumenten und Tips, aber in diesem Fall wirkt es etwas hektisch und läuft teilweise etwas aus dem Ruder, wenn ich mir die letzten Beiträge ansehe. In den genannten Boards werden die Beiträge von den Hinweisen geziert, dass einem der Gang zum Anwalt/… nicht erspart bleibt. Hier ist es ähnlich- abhängig von der Fragestellung. So viel zu „bin ich hier richtig“.
Zur Situation:
Wie vor mir schon erwähnt, scheint da einiges schon längst aus dem Ruder gelaufen zu sein, was in der Familie offensichtlich gar nicht so wahrgenommen wurde:
Er begann (heimlich) zu trinken
(es wurden Unmengen an Spirituosenflaschen in seinem Zimmer
gefunden, in den unmöglichsten Verstecken!)
gleichzeitig kam ein Brief von
seiner Bank, dass er sein Konto horrend überzogen hat
Das Durchsuchen des Zimmers des noch dazu volljährigen Sohnes,
sowie das Lesen der Post ist ein massiver Eingriff in seine Privatsphäre. Eine ganz ganz schlechte Basis für einen Dialog und gegenseitiges Vertrauen. Es ist seitens der Eltern nur zu verständlich, dass sie sich sorgen. Trotzdem ist dieses Vorgehen ein massiver Vertrauensmissbrauch und sollte eines der letzten Mittel sein. Hier offenbar nicht so geschehen, denn das (beiderseitige) misstrauen scheit mir schon längst tiefverankert:
Der Kerl stellte auf stur, knallte seiner Mutter die Tatsache
an den Kopf, dass es sie nichts angehen würde, dass er eine
Freundin habe, die Türkin sei und er sich mit ihr heimlich
(ihrer Familie wegen, die seien total altmodisch) treffen
würde. Meine Schwägerin war hell entsetzt und fragte ihn, ob
er sich der Gefahr bewusst sei, denn eine türkische Familie
lebt nach ihrer Familienehre.
Ein Sohn, der seinen Eltern nicht von seiner Beziehung berichten mag, sich in einer schwierigen Situation keine Hilfe von ihnen verspricht.
Den hohen Ausgaben nach, scheint das aber nicht nur irgendeine „Flamme“ zu sein. Wahrscheinlich erwartete er diese Reaktion bereits.
Für sie war klar, dass
man etwas unternehmen musste und sie sagte ihrem Sohn auch,
dass sein Leben so nicht mehr weitergehen kann.
Das Ende vom Lied war, dass er seine nötigsten Dinge
zusammenpackte und mit den Worten: Ihr seht mich hier nie mehr
wieder!, verschwand.
Logische Konsequenz. Der Junge steht, ob nun freiwillig oder zur Rede gestellt, vor seinem Trümmerhaufen und erntet statt Unterstützung und Hilfestellung nur Vorwürfe und Unverständnis.
Ich könnte, nur anhand der kurzen Infos, ewig weiterschreiben.
Aber es geht mir nur darum zu verdeutlichen, dass dort demnach schon lange der Haussegen schief hängt. Hier könnte, sobald sich die Situation etwas beruhigt hat eine Familientherapie helfen. Ich bezweifle jedoch fast, aufgrund der Infos und dem Alter, dass der Sohn da noch ein großes Interesse dran hat. Aber Anlass für ein ruhiges (!) Gespräch, in dem sich beide Seiten Fehler eingestehen dürfen, ist es alle Mal.
Die vorigen Argumente dienen nicht dazu, die Verantwortung den Eltern zu übergeben oder ihnen hier Vorwürfe zu machen. Das möchte sich hier doch bitte niemand anhand der spärlichen Informationen anmaßen. Vielmehr geht es darum zu zeigen, dass keiner der beteiligten Personen „irre“ zu sein scheint. Zwangseinweisung, Psychiater- all das fiel in einigen der vorigen Beiträge. In meinen Augen, nur anhand dessen was Du hier schreibst, eine unangemessene Reaktion. Wenn jemand Gothic-Musik hört, im schwarzen Trenchcoat auf dem Friedhof herumrennt und Probleme mit seinen Eltern hat, ist er noch lange nicht krank!
Befragt man Jugendliche warum sie in dieser oder jenen Clique sind, sind die Antworten meist dieselben: die nehmen mich halt wie ich bin, die verstehen mich, machen mir nicht dauernd Vorwürfe usw usf.
Ein anderes Problem scheint der Alkoholkonsum zu sein.
Nun trinken viele Jugendliche gerne und vor allem gerne viel Alkohol.
Häufig fallen auch diejenigen etwas aus dem Rahmen, die früher kaum etwas getrunken haben und ihre Grenzen erst später kennenlernen müssen. Inwieweit die „Flaschenbatterie“ für ihn allein bestimmt war oder ach für Freunde/ von Freunden nach und nach mitgebracht etc. lässt sich von hier aus nicht beurteilen. Ebenso wenig, wie die Frage, ob überhaupt ein Alkoholproblem besteht. Die Tatsache, dass er diese versteckt, spricht jedoch erneut für das mangelnde Vertrauen in die Eltern und die Annahme, dass diese keinen Respekt vor seinem Zimmer / seinen Schränken zeigen werden.
Was nun tun?
Ruhe bewahren, die Fakten klären.
Bis gestern Abend haben die Eltern nur in
Erfahrung bringen können, dass er nachts durch die Wälder
wandert, dort auch schläft und heute morgen haben sie nun
erfahren, dass seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat
(heute morgen).
Woher wissen sie das? Den Kumpel bitten ihn aufzusuchen und mit ihm zu sprechen. Der soll ruhig die Angst der Eltern um ihren Sohn transportieren. Signalisieren, dass sich die Eltern sorgen, aber ihm nichts vorwerfen.
Gibt es kein Gespräch zwischen Kumpel und Sohn oder ein beunruhigendes, kann man durchaus die Polizei informieren.
Auf die entsprechenden Beratungsstellen wurde bereits verwiesen.
Per Telefon/ Persönlich ist es einfacher sich ein Bild zu machen.
Allerdings darf man seitens der Polizi keinen großen Alarm erwarten.
Die Beurteilungsmaßstäbe sind dort andere.
Was können die Eltern tun? Polizei einschalten? Wenn man ihn
findet, was sollen sie dann tun? Ihn für einige Zeit
„einweisen“ lassen?
Nein. Gesprächsbereitschaft signalisieren. Keine Vorwürfe. Leise Töne. Ihn kommen lassen, statt ihn zu bedrängen/ ihm ein Gespräch aufzuzwingen. Aber: wenn nichts kommt, den Gesprächsbedarf nach einigen Tagen anmelden (Kommst Du bitte auf uns zu, wenn … wir möchten da gern nochmal drüber reden), nicht unter den Tisch fallen lassen. Bindung schaffen ohne zu erdrücken. Ruhe reinkommen lassen. Danach erst den Alkohol ansprechen (auch dann erst die Zimmerdurchsuchung ansprechen- er wird enttäuscht und sauer sein), nach der Motivation einer Familientherapie fragen ggf. Beratungsstellen Alkohol. Aber alles sehr vorsichtig und in Maßen dosiert. Nicht gleich alles auf einmal und mit der Betonung von Ängsten und Unterstützung statt in Vorwürfe abzudriften. Guten Kontakt zu seinen Freunden halten. Wenn man selbst nicht weiterkommt, sind die eine gute Adresse.
Herzliche Grüße
Frosch