langer Buchauszug ueber den Neid
Auf den Neid möchte ich gerne ausführlicher eingehen, da er das Glück
des Einzelnen und die Festigkeit der Gesellschaft beeinflusst. Warst
du schon einmal neidisch?“ „Ja“, sagte Rudolf. „War das ein
angenehmes oder ein unangenehmes Gefühl?“ „Ein unangenehmes.“ „Es
minderte also deine Zufriedenheit und dein Glücklichsein?“ „Ja.“ „Was
ist Neid?“ „Neidisch ist der, der haben will, was der Beneidete
hat.“ „Das ist eine Form des Neides. Manch ein Neider will aber gar
nicht haben, sondern er will nur, dass der Beneidete nicht hat. So
gibt es zwei Formen des Neides: Das Begehren und das Missgönnen eines
Gutes, das dem Beneideten gehört. Aus diesen beiden ergibt sich oft
eine Mischform, die sich darin äußert, dass der Neider das Gut nicht
nur ebenfalls, sondern anstelle des Beneideten haben will. Nimm an,
du hättest einen schönen Apfel und machtest dich daran, ihn zu
verspeisen. Dann könnte ich folgende Gefühle oder Wünsche hegen: Ich
könnte gleichgültig sein, ich könnte mich freuen, dass dir ein Genuss
zuteil werden wird, ich könnte wollen, dass auch ich einen Apfel
hätte, ich könnte wollen, dass du den Apfel nicht hättest, oder ich
könnte wollen, dass ich selbst den Apfel an deiner statt hätte. Die
letzten beiden Gefühle sind Gefühle des Neides, das ihnen
vorhergehende in der Reihe ist manchmal Neid, manchmal aber auch
einfaches Begehren eines Gutes, unabhängig davon, dass jemand anders
es besitzt oder nicht. Was hältst du von dieser Einteilung?“ „Sie
scheint mir richtig.“
„Wenn du aber genau beobachtest, dann wird dir nicht entgehen, dass
Neid sich nicht auf ein körperliches Gut, wie ein Apfel eines ist,
sondern immer sich auf seelische Güter richtet. Wenn ich jemandem
seinen Apfel neide, dann nur, weil jener durch ihn Zufriedenheit
erlangen wird, und auf diese richtet sich mein Neid. Der Apfel ist
nur Mittel oder Gegenstand meines Neides, nicht aber die Ursache oder
wahres Ziel. Wenn dir der Apfel nicht schmeckte und du ihn
widerwillig, mit Ekel herunterwürgtest, dann empfände ich keinen
Neid, wenngleich ich den Apfel vielleicht trotzdem gerne hätte, weil
ich zufällig Äpfel mag. Neider können es einfach nicht ertragen, wenn
andere glücklicher oder zufriedener zu sein scheinen als sie selbst
es sind, machen oft bestimmte Güter für deren Zufriedenheit und Glück
verantwortlich und glauben, dass sie selbst gleichermaßen glücklich
und zufrieden wären, wenn sie diese Güter ebenfalls hätten. Oft
reicht ihnen das aber noch nicht, sondern sie wollen glücklicher und
zufriedener sein als die anderen, was sie erreichen zu können
glauben, wenn die Güter den anderen genommen und in den eigenen
Besitz überwechseln würden. Manchmal besteht die Genugtuung des
Neiders schon darin, dass der andere verliert, was ihn glücklich zu
machen schien. Wenn ich nicht glücklich bin, dann sollst du es auch
nicht sein. Stimmst du mir darin zu, dass Neid sich eigentlich auf
Gefühle und Erfahrungen richtet, die der Beneidete dem Neider voraus
hat?“ „Ja, so wird es wohl sein.“
„Ist dir auch aufgefallen, dass Neid selten sich auf Menschen
richtet, die unermesslich reich sind, sondern mehr auf den Nachbarn,
der etwa gleich viel besitzt wie man selbst? Wenn dieser aber nur
wenig mehr hat und damit auch noch glücklich ist, dann erwacht der
Neid. Daher kommt es, dass wir manchmal sagen, der Nachbar habe
dieses und jenes, das ich gerne hätte, aber dafür müsse er auch
einiges Unangenehmes ertragen. So etwas sagen wir oft nur, um unseren
Neid zu besänftigen, der ja ein unangenehmes Gefühl und nach
allgemeiner Auffassung hässlich ist. Deshalb lebt der Neid oft im
Unbewussten und treibt uns von dort zu manchen Taten oder Gedanken,
deren Ursache wir ganz woanders suchen, weil wir unseren Neid nicht
wahr haben wollen.
Dass Besitz allein noch keinen Neid auslöst, zeigt sich auch an
Reichen, die jene Armen mit viel freier Zeit, um diese beneiden.
Viele Menschen sind nicht nur gelegentlich neidisch, sondern
grundsätzlich. Dieser grundsätzliche Neid ist eine andauernde
Unzufriedenheit mit der Gegenwart, verbunden mit dem Irrglauben, dass
andere Menschen ihre Zufriedenheit aus Gütern bezögen, die dem Neider
fehlen. Am schönsten ist es für den Neider aber, selbst beneidet zu
werden. Deshalb ist er fortwährend auf der Suche nach Neuem, was er
anderen voraushaben kann. Ihn weiß die Werbung auszunutzen, denn sie
verspricht, dass der Besitz des gepriesenen Gutes auf zweierlei Weise
glücklicher mache, nämlich durch den Besitz selbst und durch die
Entfachung des Neides anderer, der dann als Bewunderung verschleiert
umschmeichelt. Die Werbung schürt den Neid in der Gesellschaft, denn
die Menschen beneiden jene, welche in der Werbung zu sehen sind, und
jene, welche Güter aus der Werbung besitzen. Dieser zur allgemeinen
Kultur erhobene Neid wird von der Werbung gelobt, als wäre er eine
menschliche Tugend. Dabei ist er nur eine wirtschaftliche Tugend, die
die menschlichen Tugenden unterdrückt. Wir können sogar so weit
gehen, den Neid als kulturelle Voraussetzung für den Kapitalismus zu
begreifen, denn er treibt die Menschen zu großen Anstrengungen, ihrer
vermeintlich beklagenswerten Lage der Besitzlosigkeit zu entkommen,
welche sich in fleißiger Arbeit und fleißigem Kaufen zeigen.
Was aber ist hässlich am Neid? Wir erkannten bereits, dass er
unzufrieden mache und damit dem Glück im Wege stehe. Oder anders:
Neid ist hässlich, weil er bewirkt, dass ein Mensch über das Glück
eines anderen traurig wird, sich an dessen Unglück aber erfreut.
Weiterhin weckt er aber auch das Gefühl, Opfer von Ungerechtigkeit zu
sein, in der Art: ‚Warum geht es dem da besser als mir?’ Umgekehrt
entspringt der Neid auch oft einer wirklichen Ungerechtigkeit. Jedoch
ist das Gefühl, ein Opfer von Ungerechtigkeit anderer Bürger, der
ganzen Gesellschaft oder gar des Schicksals zu sein, häufiger bei
Neidvollen anzutreffen. Ein großer Teil aller Feindseligkeit hat
ihren Ursprung in unbewusstem Neid. Sich als Opfer von
Ungerechtigkeit zu sehen, weckt Wut und diese geht einher mit dem
Willen zur Gewalttätigkeit. Eine Gesellschaft, in der der Neid
verbreitet ist, ist gewalttätiger als eine, in der die Menschen sich
miteinander freuen und einander ihren Besitz gönnen. Neid führt über
die Wut zur Schädigung anderer oder über die Enttäuschung zur
Traurigkeit. Aus diesen Gründen wollen wir ihn unserer Gesellschaft
nicht haben. Deshalb gibt es bei uns keine Werbung und alle Bürger
bekommen etwa gleich viel Geld. So wird der Neid von wirtschaftlicher
Seite vermindert. Da in einer Gruppe, in der alle gleich viel haben,
manche Menschen den anderen ihre größere Zufriedenheit neiden,
richtet sich auch die Erziehung auf eine Verbannung des Neides aus
den Herzen der Menschen. Wer Neid an sich entdeckt, der braucht sich
nicht zu schämen, und er darf den Neid auch nicht ins Unbewusste
vertreiben, sondern er muss seine Einstellungen so ändern, dass aus
der neuen Sichtweise kein Grund mehr besteht, neidisch zu sein. Jeder
muss seine eigene Begrenztheit einsehen. Auch Folgendes ist eine der
Erziehung nützliche Tatsache: Ein Neider wird, wessen
Selbstentfaltung behindert wird, so dass er sich nach fremden Werten
richten muss, die er nicht erfüllen kann, wie Reichtum, bestimmte
Kleidung oder beruflichen Erfolg. In jedem Menschen steckt etwas, das
er besonders gut kann. Diese Begabung muss entdeckt und gefördert
werden. So kann der Mensch sich entfalten und hat es nicht mehr
nötig, Fähigkeiten oder Besitztümer vorzugeben, die nicht seiner
Natur entsprechen und jene zu beneiden, die mehr davon haben.
Alles hat seine Vor- und Nachteile. Der Neider schaut aber meistens
nur auf die Vorteile, die der andere durch das beneidete Gut hat und
auf die Nachteile, die er durch seine eigenen Güter hat. Diese
einäugige Sicht ist der Erkenntnissuche abträglich, da sie nur einen
Teil der Wahrheit erfasst. Da wir die Suche nach und die Freude an
Erkenntnis hoch schätzen, müssen wir den Neid als der
erkenntnisfreudigen Lebensweise hinderlich ansehen, was ein weiterer
Nachteil von ihm ist. Wer die Vorteile seiner Güter richtig erkennt,
der wird eine dankbarere Haltung dem Leben gegenüber einnehmen. Wer
aber dankbar ist für die vielen kleinen Freuden des Lebens, dem
werden diese auch bewusster. So vieles nehmen wir als
selbstverständlich hin, was uns mit einer dankbaren Grundeinstellung
Freude bereiten könnte. Hätten wir mehr Freude an unseren Gütern,
dann erschienen uns die fremden auch weniger begehrenswert. Und lässt
nicht vieles, von dem wir glaubten, sein Besitz könne uns Freude
schenken, diese Hoffnung unerfüllt? So wie auch die Liebe oder die
Erkenntnissuche, kann Dankbarkeit eine Grundeinstellung des Menschen
zur Welt sein. Jene grundsätzlich dankbaren Menschen sind
bescheidener, zufriedener, umgänglicher, wohlwollender, gesünder,
zuversichtlicher und hoffnungsvoller als die, die in Dankbarkeit eine
bloße Höflichkeit sehen und ganz besonders als die, die grundsätzlich
neidisch sind. So gesellen sich zum Gegenteil des Neides, der
Dankbarkeit, noch viele weitere Tugenden.“
Hier endete Gorgias. Rudolf sagte: „Das ist alles richtig, doch ist
es nicht auch der Neid, der den Ehrgeiz weckt, der die Menschen zu
großen Taten oder Entwicklungen treibt? Ist nicht so manche große
Schöpfung daraus entstanden, dass jemand es nicht leiden konnte, wie
ein anderer besser war und er diesen überbieten wollte?“ „Doch schon,
aber sieh es so: Ich kann mich auf zweierlei Weise über einen anderen
stellen: Ich kann warten oder vielleicht sogar bewirken, dass der
andere seinen Vorsprung mir gegenüber verliert oder ich kann seinen
Vorsprung aufholen, ohne ihm diesen zu missgönnen. Nehmen wir an, du
wärest ein großartiger Klavierspieler und ich nur ein mittelmäßiger.
Wäre ich neidisch, dann würde ich wünschen, dass du dir die Finger
brächest, so dass ich dich dann trotz meiner Mittelmäßigkeit
überrage. Mit Neid nicht zu tun hat es aber, wenn ich dir deine
Großartigkeit gönne und sie mir zum Vorbild nehme.“ „Damit bin ich
einverstanden“, gab Rudolf erstaunlich schnell nach. Dann kehrte
Gorgias wieder zurück zum Gespräch über den Staat.