Hallo Taju,
dafür, dass du so schön differenzierst argumentierst, gabs jetzt ein Sternchen. Es macht Spaß, mit dir zu diskutieren, man lernt dabei, wenn man will:smile:.
Frau Ludin ist eine Katastrophe:wink: Jedoch weist doch Deine
Argumentation schon auf ein Problem hin, was zumindest zeigt,
daß Gesetze in ihrer Abstraktion dem Problem eh nicht gerecht
werden können (weswegen ich halt die individuelle Lösung
bevorzugen würde): Denn dann darf ich als bekennende
Lutheranerin also ein Kopftuch tragen, weil ich es schön
finde. Was ist aber mit einer muslmischen Kollegin? Dürfen
dann also Christinnen Modeerscheinungen folgen, Musliminnen
nicht? Wie sollte man ein derartiges Verbot durchsetzen?
Dass Gesetze nicht alles abfangen können ist klar. ich halte aber eine grundsätzliche Entscheidung deshalb für wichtig, damit z.B. eine Direktorin auch eine Handhabe hat, wenn sie sieht, dass da was schief läuft bzw. eine Schieflage bekommt. Wenn es mehr Wettbewerb an unseren Schulen gäbe und kein Beamtentum, wäre das ganze wahrscheinlich gar nicht zum Problem geworden. Du hast später den rechtsstaat ins Spiel gebracht: wenn die Lehrerin ein Kopftuch verbieten will, kann sie das bisher nur aus willkürlichen Bedenken heraus machen, nicht auf der Grundlage eines Gesetzes.
Wenn wir auf das Beispiel „Kopftuch als Mode“ kommen: Nehmen wir an, Madame Galant aus Paris sagt: Ab nächsten Jahr tragen alle Kopftuch! Und Hasimausi und alle anderen produzieren die Dinger, kaum ist die Meldung raus. Woran erkenne ich, ob ein Kopftuch aus religiösen Gründen oder aus modischen Gründen getragen wird? 1. wird auch ein Modemäusschen das Ding nicht täglich und überall tragen, d.h. es gibt Schultage mit und ohne Kopftuch. 2. wird diese Modeerscheinung nach 4 Monaten vorbei sein. Es lässt sich also ganz gut feststellen, ob eine Muslima das Dinge just for fun getragen hat - was ich nicht glaube, dass sie es tut, wenn sie es sonst nie tut. Mode ändert sich ständig, so ein religiöses Symbol wie das Kopftuch nicht. (ok, vielleicht mal ne andere Farbe…)
Und: Wenn du nicht so eine grundsätzliche Entscheidung herbeigewirkt hast, hast du nichts in der Hand, um weitere Forderungen und Auswüchse von Religionen einzudämmen. (Burka…)
Stimme Dir voll und ganz zu. Aber kannst Du ausschließen, daß
da nicht eine Weltanschauung steht? Es ist kaum zu bestreiten,
daß die Vorbilder der Bauchnabelfraktion mit einem bestimmten
Frauenimage „spielen“. Wenn ich wollte, könnte ich hinter
jeder Kleidung eine Manifestation der Weltanschauung sehen,
gerade wenn ich, wie es gerne als Begründung für
Kopftuchverbote angeführt wird, von der Wirkung her
argumentiere. Das Problem liegt wohl eher darin, daß die
Menschen oft nicht darüber nachdenken, was sie so treiben.
Der Staat verpflichtet sich zu weltanschaulicher, nicht
ausschließlich religiöser Neutralität.
Das Thema „nackte“ Haut kann ich voll unterschreiben. Aber m.E. musst du irgendwo eine Grenze für die Grenze ziehen, vielleicht auch eine, die aus bestimmten Gründen gerade „akut“ scheint. (Das ist ja meistens so, dass sich etwas ändert um man auf einmal merkt: Oh! Das gefällt mir nicht. Was machen wir denn da?) Dann kommt so eine Diskussion wie jetzt in Gang - und am Ende ist man hoffentlich schlauer.
Beeinflussung in
sicherlich nicht gewollter Hinsicht ist doch nicht
ausschließlich durch klar umrissene Religionen zu befürchten.
Auch die ideologische Grundlage der Nazis ist und war m.E.
religiös. Auf alle Fälle ist es eine Weltanschauung. Wir
müßten konsequenter Weise allen Glatzenträgern den Schuldienst
verbieten, denn schließlich könnten sie so wirken, als ob sie
eine grundgesetzwidrige Ideologie vertreten würden.
Glatzen nicht unbedingt:smile:- das wäre auch kein ausreichendes „Nazi-Symbol“, da es Nazis mit und ohne Glatze gibt - und Männer, die eine Glatze haben, weil sie kaum noch Haare haben. Und es gibt auch Skins, die keine Nazis sind. Aber Hakenkreuze und andere Nazi-Symbole sind ja verboten. Also gerade für Nazi-Symbole gibt es ja bereits eine klar definierte Grenze.
Durch Äußerlichkeiten nimmt meiner Überzeugung nach kein
Lehrer erst einmal prinzipiell keinen schädlichen Einfluß auf
seine Schüler und man sollte gerade die vielen die
Erziehungsarbeit verweigernden Eltern nicht in diesem
Irrglauben lassen. Ein Lehrer nimmt vielmehr Einfluß durch
Themen-, Bild- und Textauswahl. Nur darauf zu achten erfordert
von allen Beteiligten mehr Differenzierungsvermögen, Geduld
und Wahrscheinlich auch Geld…
Naja. Ich sehe das halt anders. Wobei ich dabei weniger an deutsche Nicht-Muslime denke, als an die dritte und vierte Generation von Muslima hier. Und ich möchte, dass der Staat hier Stellung bezieht und sagt: Hier und keinen Schritt weiter.
Frau Ludins Äußerungen sind
sicherlich eine Mahnung für all jene, die vorschnell für
Toleranz plädieren. Aber ich weigere, deswegen alle zu
verdammen. Wenn Du so willst, bin ich für eine „wachsame
Gelassenheit“ bzgl. des Kopftuchs. Über die Burka entscheide
ich erst, wenn sie da ist.
Ja, verdammen will ich auf keinen Fall alle Muslima. Es gibt im übrigen auch genug, die sagen, sie tragen kein Kopftuch und sie wehren sich dagegen, dass das Teil der Religion sein soll. sie sagen, sind sind gute Muslima ohne Kopftuch.
Angesichts unseres GG (eben Religionsfreiheit) sagen nun ja
auch die Juristen, daß wahrscheinlich sämtliche Gesetze
wahrscheinlich zu neuen Verfassungsklagen führen werden, die
dann gute Aussichten auf Erfolg hätten. Gerade um da Gefahren
abzuwehren, sollte man Gesetze lieber lassen, sondern
individuell prüfen.
Ja, wurde im Falle Ludin getan - und dann ist sie vors Verfassungsgericht - durch alle Instanzen, in denen sie stets verloren hatte. Du kommst um eine Entscheidung also nicht rum, sonst kommt die nächste Ludin, die sich auch von einem individuellen Verbot nicht abhalten lässt. Die Entscheidung wurde ja quasi aufgezwungen. Es gibt hier nur ein Ja oder ein Nein. Individuell wäre klasse, aber dafür ist es zu spät.
viele Grüße,
barbara