Hallo Helena,
ich habe meine Tochter aus ähnlichen Motiven auch mit 5 eingeschult - ich würde es wahrscheinlich nicht mehr machen.
Obwohl die Schule einen recht offenen Unterricht praktizierte, also ziemlich viel Freiraum zum Rumlaufen und dergleichen, waren diese Dinge wie ab und an mal stillsitzen, mit dem Kopf bei der Sache bleiben etc. einfach nicht machbar. Also fiel sie zwangsläufig auf - dazu war sie mit Abstand die jüngste, schon zwei Dinge, die sie „anders“ machten und dazu einluden sie zu pisacken. Was die Mitschüler gerne in Anspruch nahmen. Rein kräftemäßig war sie unterlegen und ohnehin nicht zu Konfliktlösung mit Gewalt erzogen - die Mitschüler hatten dagegen wenig Probleme mit körperlicher Gewalt. Die Lehrer unternahmen bis auf mit dem Zeigefinger wedeln nichts und sie entwickelte sich zusehendst zum klassischen „Opfer“, ihre Noten wurden immer schlechter und sie selbst sagte, dass sie gar nicht besser sein will, weil die anderen sonst sagen, dass sie ein „Streber“ sei - sie wollte eben nicht noch mehr auffallen. Von der Überlegung sie ein Schuljahr wiederholen zu lassen, rieten mir die Lehrer immer ab, auch meine Familie, bei der ich mir gerne Rat hole, riet davon ab - sie selbst wollte auch nicht wiederholen, es wäre also „Strafe“ in ihren Augen gewesen.
Heute ist sie 10, 5. Klasse Gymnasium (nach den Ferien 6.), zum Glück sind wir umgezogen, sie kam in eine völlig neue Klasse, in der sie noch nicht in einer Rolle festklebte. Neuanfang. Prima, dachte ich - sie hat sich so weit entwickelt, dass sie mit Anfeindungen besser umgehen kann, dass sie sich eher behauptet und verteidigt. Das hat sich auch bewahrheitet, aber nun sind die Probleme andere:
Die Mitschüler/innen sind 1-2 Jahre älter, da schlägt schon ganz schön die Pubertät zu, meine Kurze ist dagegen wirklich noch Kind. Ihr Bedürfnis ist es, genauso „cool“ und „hipp“ zu sein, alles zu dürfen, was ihre Klassenkameraden dürfen - natürlich, sonst ist sie wieder Außenseiter. Das ist nun manches mal echt Drahtseilakt, da den Mittelweg zu finden. Einfach so, 5. Klasse, ab jetzt darfst Du Dich schminken, bekommst 30 Euro Taschengeld, bekommst hochhackige Schuhe und bauchfreie Tops, obwohl Du eigentlich immernoch am liebsten breitbeinig auf dem Stuhl sitzt und in Bäumen kletterst… das geht einfach nicht. Die Klassenkameradinnen stiften sie an, mich zu belügen, Schminke mit in die Schule zu schmuggeln etc. meine Tochter weiß sich natürlich nicht anders zu helfen als zu sagen, dass ich eine Zicke bin, die ihr alles verbietet. Ich erlaube schon durchaus mehr, als ich es tun würde, wenn sie noch in der Grundschule gewesen wäre, aber mit 12jährigen muss sie nun wirklich nicht mithalten können. Schon gar nicht, wenn es einfach nicht ihrer Art entspricht.
Auch an dieser Schule sprach ich das Thema „Schuljahr wiederholen“ an - zu einem Zeitpunkt als selbst meine Tochter das wollte, auch hier hielten die Lehrer das nicht für notwendig. Meine Familie sagt, ich dürfe ihr das Leben auch nicht zu leicht machen, sie müsse schließlich lernen sich durchzubeißen. Jetzt sind wir an dem Punkt, dass wir viele Kompromisse gefunden haben, sie fühlt sich in der Klasse wohl, wird akzeptiert und doch rennt sie den anderen bildlich gesehen immer nur hinterher - ein bis zwei Jahre Unterschied in der Entwicklung sind gerade in diesem Alter unheimlich viel. Ich frage mich oft, ob sie nicht in einigen Punkten ein anderer Mensch wäre, wenn sie mehr unter ihrer Altersklasse aufgewachsen wäre.
Nun warte ich das nächste Schuljahr ab, dann kommt die 2. Fremdsprache (sie ist nicht sooo gut in Sprachen)- eigentlich hoffe ich ein bißchen, dass die Noten weitere Gedankenkämpfe erübrigen.
Ob das frühe Einschulen nun gut oder schlecht ist, ist leider eine sehr individuelle Geschichte, in unserem Fall war es falsch.
Nur um der Forderung nach Förderung Deines Sohnes gerecht zu werden, würde ich die anderen Risiken nicht in Kauf nehmen. Man kann ihn schließlich auch mit Dingen fördern, die nicht dem Schulstoff entsprechen - somit hat er dann später auch keinen Vorsprung.
die Mücke