Hallo Menschen!
Ich habe mich hier mal eingeloggt, denn ich habe etwas, was mir schon seit x Monaten im Kopf herumgeistert und was immer stärker wird! Ich hoffe, ein paar Menschen haben die Zeit und Lust, das zu lesen, das wird sicher etwas länger… ich versuche aber, die Fakten kurz zu machen - übersichtlicher…
Bitte seid nachsichtig - es geht auch um „nicht so tolle Seiten“ von mir!
Ich bin knapp dreißig Jahre alt.
Seit einigen Jahren habe ich eine Freundin, in die ich mich sehr verliebt hatte, die ich menschlich einfach wunderbar finde. Und die ich auch schön finde.
Ich habe Chemie und Biologie studiert. Danach aber keinen Job in der Branche gesucht sondern angefangen, in einem Bioladen als Verkäufer mitzuarbeiten. Das mache ich immer noch.
Meine Wohnung ist klein, fast winzig, aber ich habe sie schön eingerichtet - also jetzt nicht teure Möbel, sondern einfach schön - mit Dingen, an denen ich hänge, Trockenblumen, Gewürzgläsern, alten Stühlen, die ich vom Vater „gerettet“ habe… etc.
Ich sage mal: Ich habe meine kleine Nische gehabt in meinem Leben. Ich war immer eher ein „Nicht - Tausendsassa“, habe nicht viel Wert auf Materielles gelegt, fand Umweltschutz und Bioläden klasse etc.
Meine Freundin ist da auch etwa auf derselben Wellenlänge.
Wir haben beide nicht viel Geld (im Gegenteil…), und sie ist aber sehr warmherzig, hilft gern und ist ziemlich gern gemocht in ihrem Umfeld.
(Wir mögen auch PL, seine Bücher, seine Ansichten emo9.gif !) Meine Eltern sind sehr! materialistisch ausgerichtet, und ich habe diese Sprüche, diese Weltanschauung, dieses profitorientierte Verhalten immer abgelehnt. Nicht gut für mich.
Und jetzt… ist alles anders. Und ich weiß nicht, warum.
Imn den letzten 4 Jahren kommt es mir vor, als müsste ich immer mehr… „Prüfungen vor anderen“ bestehen.
Ich habe natürlich sofort gesehen, damals: Meine Freundin ist nicht „schön“. Also, sie ist niemals das, was man als „normschön“ bezeichnet. Ich fand sie aber von der ersten Sekunde an wunderschön.
Mein Job ist einfach und schlecht bezahlt. Als Biologe und gerade als Chemiker hätte ich gute Chancen gehabt, mehr zu verdienen. Man weiß auch nie, wie lang der Bioladen noch geht.
Meine Wohnung ist in einem Umfeld gelegen, in dem eigentlich keiner wohnen möchte, weil es ein Stadtteil mit Problemecken ist. Ich hatte mich damals in das alte Haus verliebt und in die netten Bewohner.
Ich treffe in den letzten vier Jahren (Besuche, Klassentreffen, große Familienfeier, Zufälle etcetc) eine Menge Menschen, alte Freunde, Bekannte, Verwandte, und habe Gespräche mit ehemaligen Studenten, aber auch Reaktionen auf Ämtern etc - - - -
Stelle ich meine Freundin vor…
Erzähle ich, wo ich arbeite…
Erzähle ich , was ich verdiene…
Erzähle ich, wo meine Wohnung ist…
egal was.
Ich bekomme:
Mitleid. Verachtung. Entsetzen.
„WAS machst Du?“ „Verkäufer - DU???“
„DIE ist Deine Freundin? ACH Du Himmel!“
„WO wohnst Du? Oh Gott, so musste ich selbst als arme Studentin ja nicht hausen!!“
„Ist es schlimm, jetzt allerunterste Schublade zu sein? Das hätte ja keiner gedacht!“
„Du hast Chemie mit 1 gemacht. SO einen Hungerlohn hast Du?“
„Du bist ja jetzt arm! Arme Leute sterben schneller, hab eich gehört.“
„Du hattest SOLCHE Chancen! Jetzt fliegst Du im Alter auf die Straße!“
„Mann, so ein Mann wie Du - Du kannst ja jede haben. Was willst Du mit SO einer Frau???“
Und das immer und immer wieder - machmal von verschiedenen Leuten mehrmals am Tag, unabhängig voneinander.
Und dann diese „Unterschicht“, die jetzt durch die Medien geistert.
Ich gehöre dazu, finanziell - und von den verächtlichen Blicken der Leute her erst recht. Ich wurde schon auf der Straße kurz mal aufgegriffen: Polizei, Drogenrazzia. Nur, weil ich in diesem Viertel wohne.
Ich habe mir das sicher zwei Jahre lang lachend angehört und dachte: Ich liebe mein Leben so. Ihr oberflächlichen Leute… aber die ganzen letzten vier Jahre lang habe ich es dann doch nicht so geschafft.
Steter Tropfen höhlt mich.
Immer wieder sehe ich Angebote in der Chemie und hadere mit mir. Hätte ich doch… wäre ich jetzt nicht so arm. Scheiß Bio. Scheiß Umwelt.
Und manchmal hasse ich meine Freundin.
Es gibt zwei Frauen, die gern mit mir zusammen wären. Sie sind umwerfend. Ich könnte sie nie lieben - aber sie entsprächen dem, was ich haben müsste, um mich wieder toll zu fühlen.
Ich weiss, es ist kindisch. Aber es dringt in mich ein und ist, wenn kindisch, dadurch nicht weniger da. Was ich hätte haben und sein können. Was ich immer noch machen und realisieren könnte. Ich könnte noch in die Chemie einsteigen, mir eine normtolle Frau nehmen, Geld machen, eine große Wohnung… nicht mehr diese Verachtung, dieser Hohn und Spott in meiner Familie, keine Verwechslung mit Junkies mehr… ein tolles Wohnviertel. Nicht mehr diese immer größer werdende Scham bei allem, was ich über mich sage. Ich fühle mich immer wertloser.
Wenn ich sage: SEI erwachsen! Dann ist diese Zerrissenheit immer noch da.
Ich denke: Mein Gott - meine Ideale, meine Überzeugungen, meine Liebe zu dieser Frau, zur Natur, zum einfachen, besonnenen Leben - ich fühle mich langsam durch den Druck von außen, den ich mir jetzt auch selber mache, so weichgekocht, dass ich auch noch - schnell noch - zu den GUTEN gehören möchte - die mit Stil, Geld, Ansehen!!! Auf die nicht mit den Augen gespuckt und über die nicht gelacht wird und die sich nicht dauernd Sorgen machen müssen - um Geld heute und vor allem - im Alter??!!
Ich schäme mich vor mir selbst (von meiner Freundin gar nicht zu reden). Das verbessert mein Gefühl von Wertlosigkeit auch nicht gerade.
Bitte - ich bitte euch um einige Gedanken. Ich leide sehr unter diesen beiden Seiten in mir.
Sebastian
