Hallo Thomas,
mir gefällt diese Schwerpunktsetzung überhaupt nicht,
das weiß ich aus unseren Debatten. 
weil sie die Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis unüberbückbar
werden lässt.
Da bin ich anderer Meinung. Ich bin in erster Linie meiner Wissenschaft verpflichtet und deshalb der Qualität. Vieles, was ich als Psychoanalyse kennengelernt habe, hat keine ausreichende Qualität und verdient den Namen „pseudowissenschaftlich“. Und zwar auch aus dem Grund heraus, weil psychoanalytische Theorien und Schlußfolgerungen die Regeln der Logik mißachten.
Wir haben das Beispiel des Freud-Schülers Wilhelm Reich diskutiert. Kürzlich schaute ich in Anna Freuds Standardwerk „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ wegen der Diskussion der Projektion. Anna Freud hat sich in diesem Buch auch stützend auf Reichsche Formulierungen wie z.B. der „Charakterpanzerung“ und dergleichen bezogen. Aus diesen Ursprüngen heraus entwickelte sich die heutige psychoanalytische Richtung der Ich-Psychologie, als deren Begründerin Anna Freud gilt. Thomas, da siehst Du, auf was für einen Schmarrn Psychoanalyse beruht.
Zudem schaute ich in Freuds Begründung der Einführung des Abwehrmechanismus der Projektion. Unlogisch und ungerechtfertigt. Selbst wenn das, was Freud sagt, korrekt wäre, liefert das Konzept der Projektion keine Erklärung, so wie Freud es behauptet. Freud ist ein Meister darin, oberflächlich konsistente Erklärungen und „logische“ Herleitungen seiner Konzepte abzugeben, bei näherem Hinsehen fällt sein Gebäude aber in sich zusammen. In einer seiner Vorlesungen zur Einführung der Psychoanalyse, in dem er die „Entdeckung“ des Unbewußten „beweist“, führt er den Zuhörer bzw. Leser zu der Aussage, daß Erklärungen unter Bezugnahme des Unbewußten nicht völlig aus der Luft gegriffen seien. Einen Satz später erklärt er dagegen ohne irgendeinen erkennbaren logischen Grund, daß damit bewiesen sei, daß solche Erklärungen „höchstwahrscheinlich“ zutreffend sind. Anhand dieses Beispiels sei aufgezeigt, daß das Werk dieses Mannes ziemlich unseriös und unprofessionell ist.
Die psychoanalytische Selbstpsychologie (Kohut) gilt als andere, bedeutsame Richtung der Psychoanalyse. Sie versteht sich aber nicht als Alternative zu Freud, sondern als Weiterentwicklung auf Grundlagen Freudscher Ideen (Ausführung eines selbstpsychologischen Lehrbuches, das ich mir angeschafft habe - mir tut es um das Geld leid). Nur, wenn schon die Freudschen Ideen gegen die Logik verstoßen, exorbitant spekulativ sowie empirisch falsch sind, dann sind darauf aufbauende Entwicklungen Glückstreffer, wenn sie denn einmal den logischen und den empirischen Test bestehen sollten.
Selbst wenn die Psychoanalyse nach
wissenschaftstheoretischen Kriterien (einer Richtung) nicht
als „Wissenschaft“ gelten kann, ist sie nicht wertlos.
Sie verstößt gegen die Logik und ist empirisch im großen und ganzen widerlegt. Andere Theorien und Modelle passen einfach besser zu den empirischen Daten.
Ich denke, es kommt darauf an, Theorien so einzusetzen, dass
sie nützlich sind (nicht nur, aber auch). Theorien sind immer
nur so gut, wie sie zu den Situationen, in denen sie verwendet
werden, passen.
Stimmt. Andere Theorien und Modelle passen aber in den meisten Fällen besser als psychoanalytische. Deshalb spielt die Psychoanalyse so gut wie keine Rolle in der Psychologie.
Ebenso wie man einen Schnupfen nicht mit
verhaltenstherapeutischen Methoden bekämpft, mag es in
bestimmten Konstellationen subjektive oder objektive
Bedingungen geben, die die Anwendung der Psychoanalyse
(natürlich mit der gebotenen Vorsicht wie eigentlich überall)
ratsam erscheinen lassen.
Das hat nichts mit der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse zu tun. Die Bestätigung, daß Psychoanalyse als Therapieform in manchen, begrenzten Fällen effektiv ist, ist keine Bestätigung, daß sie wissenschaftlich ist. Das gilt auch für die Verhaltenstherapie. Ihre Erfolge belegen keine Wissenschaftlichkeit.
Wenn Psychoanalyse nicht
wissenschaftlich ist, dann kann das ja möglicherweise auch am
(vorausgesetzten) Begriff der Wissenschaftlichkeit liegen.
Klar, denn wenn Wissenschaft als Kokolores definiert werden würde, dann wäre Psychoanalyse Wissenschaft. Psychoanalyse ist eine Lehre, aber keine Wissenschaft.
Das hindert aber doch nicht, eine
geisteswissenschaftliche Wissenschaftlichkeit zuzulassen,
oder?
Klar. Aber gelten in der Geisteswissenschaft keine logischen Regeln?
Im übrigen gefällt mir nicht, daß Du Dein Posting weiter unten, in dem Du eine Apologetik der Psychoanalyse verfaßt hast, vor Löschung (-> im Rahmen der Archivierung) geschützt hast, die anderen Threadartikel aber nicht. Thomas, Du hast als User geschrieben und nicht als MOD. Deine Meinung mag Dir richtig und wichtig erscheinen, es rechtfertigt aber nicht, daß Du Deine MOD-Kompetenzen dazu benutzt, um Deine inhaltliche Meinung über die anderer Meinungen zu stellen, indem Du sie nicht der automatischen Archivierung und der damit verbundenen Löschung aus dem Forum unterziehst. Dieses Brett heißt Psychologie, nicht Psychoanalyse. In der Psychologie ist die Psychoanalyse in der verschwindenden Minderheit und nicht in der Mehrheit und kann auch nicht durch MOD-Eingriffe zu einer solchen Mehrheit gemacht werden.
Nimm´s mir nicht übel. Es ist nicht persönlich gemeint. Persönlich habe ich nichts gegen Dich, wie Du weißt.
Beste Grüße,
Oliver