Olympia und die deutsche Berichtserstattung

Hallo zusammen,

wieder einmal ist Olympia und wieder einmal wird man Zeuge der deutschen Sportberichtserstattung. Da liest man Schlagzeilen (sinngemäss) wie „Sportler X schrammt an der Goldmedaille vorbei!“; „Sportler Y hat die erwartete Goldmedaille nicht gewonnen!“; „Sportler Z nur Zweiter!“
Meiner Meinung nach spiegelt das im Grossen und Ganzen einen Teil deutscher Mentalität wider (Bemerkung: Ich lebe seit 6 Jahren in der Schweiz und kann nun vieles aus der Ferne beobachten). Nur der Erfolg zählt. Und Erfolg wird nur mit Gold gleichgesetzt. Und wenn Gold gewonnen wurde (womöglich noch von einem Favoriten), dann betrachtet man das als „normal“, als „erwartet“. Der Gewinn von Silbermedaille und/ oder Bronzemedaille wird als „Zu Gold (Silber) hat es nicht gereicht!“ abgewertet.
Der Erfolg wird von der deutschen Presse „erwartet“ und nicht „erhofft“, weil gewisse Sportler in den jeweiligen Disziplinen auch schon Erfolge hatten. Bleibt der Erfolg aus - sprich kein Gold und ev. nur Silber und Bronze - ist das schon schlecht.

Hat sich jemand schon aber mal Gedanken darüber gemacht, dass diese Sportler durch diese „erwartende“ Berichtserstattung ziemlich unter Druck gesetzt werden? Je mehr Medien diese Art von Berichtserstattung praktizieren, desto grösser wird der Druck - und das ist entscheidend über Erfolg oder Misserfolg.

Hat sich jemand auch schon mal grundsätzlich Gedanken darüber gemacht, dass man den Gewinn einer Medaille (egal ob Gold, Silber oder Bronze) auch „würdigen“ und „wertschätzen“ kann? Weiss man eigentlich in deutschen Presselandschaft, dass ein Sportler auf den Plätzen 4 - 10 auch ein olympisches Diplom erhält?

Sportdeutschland ist verwöhnt von Erfolgen. Bleiben diese aus (also: kein 1.Platz), wird diskutiert, wo die Fehler sind, anstatt sich über einen Platz unter den Top Ten zu freuen.

Hier in der Schweiz freut man sich auch über Bronze-/ Silbermedaillen gleichermassen wie über Goldmedaillen. Man „erhofft“ sich einen Erfolg, man „erwartet“ ihn aber nicht. Umso grösser ist die Wertschätzung und Würdigung, wenn der Erfolg da ist - unabh. von Gold, Silber oder Bronze. Es wird auch erwähnt, dass ein Sportler ein olympisches Diplom bekommt, wenn auf den Plätzen 4 bis 10 landet.

Die dt. Sportjournalisten sollten sich von der schweizer Mentalität das Rezept geben lassen, wie man wertschätzend und würdigend berichten kann - auch wenn es zu „Gold nicht gereicht hat“.

Gruss von einem Auslandsdeutschen

Matthias

da magst du vielleicht teilweise recht haben. allerdings sind es nicht immer die mdien die die athleten unter druck setzen, sondern oft auch der eigene anspruch. wenn anni friesinger, die nordischen kombinierer oder die biathletinnen selbst nur von gold reden und ihre disziplin den ganzen winter über beherrschen, wundert es nicht, das in der presse dann von „knapp am gold vorbei“ die rede ist.

Hi,

Meiner Meinung nach spiegelt das im Grossen und Ganzen einen
Teil deutscher Mentalität wider (Bemerkung: Ich lebe seit 6
Jahren in der Schweiz und kann nun vieles aus der Ferne
beobachten). Nur der Erfolg zählt. Und Erfolg wird nur mit
Gold gleichgesetzt. Und wenn Gold gewonnen wurde (womöglich
noch von einem Favoriten), dann betrachtet man das als
„normal“, als „erwartet“. Der Gewinn von Silbermedaille und/
oder Bronzemedaille wird als „Zu Gold (Silber) hat es nicht
gereicht!“ abgewertet.

da stimme ich dir vollkommen zu, so sind die Deutschen. Warten wir mal ab, was passiert, wenn sie dieses Jahr nicht Weltmeister werden *fg*

Der Erfolg wird von der deutschen Presse „erwartet“ und nicht
„erhofft“, weil gewisse Sportler in den jeweiligen Disziplinen
auch schon Erfolge hatten. Bleibt der Erfolg aus - sprich kein
Gold und ev. nur Silber und Bronze - ist das schon schlecht.

Also beim Biathlon (s. Kati Wilhelm) oder zB Nordische Kombination (Mannschaft) hätte Gold wirklich drin sein müssen! Sie sind in dieser Sportart ganz vorne an der Spitze, waren der absolute Favorit! Sie lagen während des Wettbewerbs ja auch oft weit vorne und am Ende hat es dann doch nicht gereicht, das ist natürlich sehr ärgerlich. Die Biathletinnen waren sogar nicht einfach nur 4. oder 5. (also knapp vorbei) sondern lagen am Ende auf den Plätzen 7, 17, 22 und 34 (7,5km Sprint). Da kann ich dann schon verstehen, dass die Presse dann so negativ schreibt.

Hat sich jemand schon aber mal Gedanken darüber gemacht, dass
diese Sportler durch diese „erwartende“ Berichtserstattung
ziemlich unter Druck gesetzt werden? Je mehr Medien diese Art
von Berichtserstattung praktizieren, desto grösser wird der
Druck - und das ist entscheidend über Erfolg oder Misserfolg.

Wie katsche aber auch schon gesagt hat, setzen die Sportler sich selbst sehr stark unter Druck. Die reden doch auch ständig von Gold, zu Recht! Sie waren ja gut drauf, gewannen Weltcups und andere Wettbewerbe vor einigen Wochen.
Außerdem sind das ja Profis. Die müssen und können auch mit dem Druck umgehen. Wahrscheinlich brauchen sie diesen Druck sogar.

Hat sich jemand auch schon mal grundsätzlich Gedanken darüber
gemacht, dass man den Gewinn einer Medaille (egal ob Gold,
Silber oder Bronze) auch „würdigen“ und „wertschätzen“ kann?
Weiss man eigentlich in deutschen Presselandschaft, dass ein
Sportler auf den Plätzen 4 - 10 auch ein olympisches Diplom
erhält?

Das wusste ich jetzt zB. nicht *g*
Ich versteh dich ja auch. Aber in einigen Disziplinen sind die Deutschen sowas von überlegen gewesen, da musste wirklich einen Medaille drin sein! Warum es am Ende nicht geklappt hat, weiß keiner. Dass zB. eine Petra Haltmayr keine Medaille geholt hat, war von vornherein völlig klar, da wurde dann auch nicht gemeckert. Aber beim Biathlon oder auch bei dem Rodler-Duo Patric Leitner und Alexander Resch (die ja eigentlich auch viiieeel besser sind und am Ende nur 6. wurden) ist es einfach verdammt schade. Das ist, als ob Weltmeister Brasilien bei der WM 7. wird. Da erwartet die Welt auch, dass sie mindestens unter die ersten 3 kommen.

Sportdeutschland ist verwöhnt von Erfolgen. Bleiben diese aus
(also: kein 1.Platz), wird diskutiert, wo die Fehler sind,
anstatt sich über einen Platz unter den Top Ten zu freuen.

Das ist aber doch auch gut so. Wenn man mit sich selbst zufrieden ist, steigert man sich nicht mehr. Man braucht Ziele und wenn man aufhört, sich gegenseitig anzustacheln, hochzupushen und zu motivieren, wird nicht alles aus einem rausgeholt werden.

Hier in der Schweiz freut man sich auch über Bronze-/
Silbermedaillen gleichermassen wie über Goldmedaillen. Man
„erhofft“ sich einen Erfolg, man „erwartet“ ihn aber nicht.

Ja, die Schweiz hat im Moment in Turin nicht viel zu lachen, das stimmt *fg*. Dafür, dass das ein Alpenland ist…

Umso grösser ist die Wertschätzung und Würdigung, wenn der
Erfolg da ist - unabh. von Gold, Silber oder Bronze. Es wird
auch erwähnt, dass ein Sportler ein olympisches Diplom
bekommt, wenn auf den Plätzen 4 bis 10 landet.

Natürlich ist es für die Schweiz was anderes als für Deutschland, eine Goldmedaille zu bekommen. Deutschland hatte 2002 (Salt Lake City) 12 Stück - die Schweiz nur 3.

Die dt. Sportjournalisten sollten sich von der schweizer
Mentalität das Rezept geben lassen, wie man wertschätzend und
würdigend berichten kann - auch wenn es zu „Gold nicht
gereicht hat“.

Also ich finde, dass die Journalisten schon etwas kritischer berichten können, wenn jemand ständig in Führung liegt und kurz vor Schluss sich doch noch die Goldmedaille aus den Händen reißen lässt.
Bei Sportlern, die von den Medaillen weit entfernt sind, halten sie sich ja zurück. Die Deutschen denken ja nicht, dass sie in JEDER Disziplin Favorit sind. Aber in manchen sind sie halt so gut (muss man zugeben) dass da wirklich nichts anderes als Gold bei rumspringen kann.

Gruss von einem Auslandsdeutschen

Gruß zurück von einer „Inlandsbelgierin“ :wink:

Steffie

Hallo!

Ja, die Schweiz hat im Moment in Turin nicht viel zu lachen,
das stimmt *fg*.

Naja, immerhin haben sie im Eishockey die haushohen Favoriten aus Tschechien geschlagen! Darauf können sie mit Recht stolz sein. :o)

ruß
Murmeltier