Gesamtkunstwerk
Hallo,
es kann mir auch keiner erzählen, das er alles, alles ohne
hilfe der herren knorr, mondamin, thomy oder maggi
zubereitet…
vor drei Wochen habe ich das erste Paket Mondamin meines Lebens gekauft, vor drei oder vier Jahren einmal Maggi fix für Chili und das wars dann auch. Halt, ich habe neulich auch einen Pott Grillgewürzpulver erworben, weil ich letzte Woche mit der Produktion von Beef Jerky begonnen habe.
wie schnell iss in der, nicht mehr all zu fernen, spargelzeit
ein päckchen thomy „sauce hollandaise“ aufgeschnibbelt und
warmgemacht???
Sauce Hollondaise mag ich eh nicht so gern.
Grundsätzlich:
Das Fertigzeug kommt mir grundsätzlich nicht ins Haus, weil ich a) gern weiß, was in meinem Essen drin ist und b) es mir in den allermeisten Fällen nicht schmeckt.
Zu a) Natürlich weiß ich, daß auch frische Lebensmittel alle möglichen unerwünschten Stoffe enthalten, aber das kann ja kein Grund dafür sein, sich noch zusätzlich über die Fertigprodukte mit allem, was die Chemieindustrie zu bieten hat, vollzustopfen. Ich bin - nebenbei bemerkt - durchaus kein Gesundheitsapostel, sondern sehe es lediglich nicht ein, mir von Dritten irgendwas unterschieben zu lassen.
zu b) Meinetwegen kann jeder in sich reinbaggern, was er für richtig hält. Ein bißchen problematisch wird es in meinen Augen, wenn man Dritte damit beglückt, aber meistens bleibt es ja in der Familie und dann geht es mich genauso nichts an. Solche Diskussionen kommen meist dann auf, wenn Fertiggerichte/-zutaten bei Rezepanfragen empfohlen wird. Da frage ich mich dann, ob es wirklich notwendig ist, neue Jünger des industrial foods zu gewinnen.
Es ist in diversen Studien festgestellt worden, daß ein sehr großer Teil der Kinder und Jugendlichen typische Bestandteile des Essens gar nicht mehr schmecken bzw. identifizieren kann, d.h. verschiedene Fleischsorten, Gewürze, Kräuter, Obst, Gemüse usw.
Nota bene: Als ich vor Jahren mal nach dem richtigen Fleisch für Hackfleisch fragte, bekam ich von einem Mitglied im Verlauf der anschließenden Diskussion die Antwort, Fleisch an sich wäre geschmacksneutral. Naja, ein Schweizer… 
Egal: Fertigsaucen und Konsorten haben den erfreulichen Effekt, daß sie immer gleich schmecken. Man erkennt nicht, ob der Koch mal mehr oder weniger Oregano für die Tomatensauce genommen hat, oder ob es gute oder weniger gute Tomaten waren: Das Ergebnis ist immer gleich. Nebenbei: Glaubt eigentlich irgendjemand im Ernst, daß fertige Tomatensaucen oder Ketchup irgendwie nach Tomate schmecken? Daß die Antwort jetzt manchen vielleicht nicht ganz leicht fällt, mag auch daran liegen, daß es kaum noch Tomaten zu kaufen gibt, die nach Tomate schmecken, dennoch bleibt die Grundproblematik: Wenn der Modder immer gleich schmeckt, schmeckt er nach Modder und nicht mehr nach den Zutaten, die drin sind (manchmal nicht unbedingt ein Nachteil).
Das Anekdötchen mit dem Oregano erzählte ich schon einmal, will es aber wiederholen, weil es gut paßt: Unsere Kantinenfrau beobachtete mich mal dabei, wie ich meine Pizza nachwürzte, und fragte, ob ich da Pizzagewürz draufstreuen würde. Ich wußte nicht, was sie damit meinte (blauäugig, wie ich damals war) und entgegnete, daß es sich um Oregano handelte, womit wiederum sie nichts anfangen konnte.
Es geht mir also nicht nur darum, daß man irgendwelchen Kram in sich reinfuttert, von dem man nicht weiß, was er enthält, sondern auch darum, daß man den Bezug zum Essen verliert, wenn man fertig mariniertes Fleisch mit Bratkartoffeln aus der Packung und Fertigsauce serviert.
Die Zeitgründe werden natürlich auch immer angeführt, aber komischerweise sind die Menschen vor der Erfindung der fleischlosen Hühnersuppe aus dem Beutel auch nicht verhungert. Natürlich konnten sie abends auch nicht pünktlich um 19 Uhr vor der Glotze sitzen, sondern mußten in großer Runde lange gemeinsam speisen. Muß man natürlich nicht mögen.
Klar ist es einfacher, Beutel, Folien und Kartons aufzureißen und nach 15 Minuten ein drei-Gänge-Menü zu servieren, das (scheinbar) nie mißlingt. Die Frage ist aber m.E., ob man sich für zehn oder meinetwegen 30 Minuten Zeitersparnis wirklich gedanklich und technisch so weit von seinem Essen entfernen will - und vor allem ob man will, daß den eigenen Kindern dieser Bezug auch schon frühzeitig genommen wird und sie mit dem Gedanken aufwachsen, daß Gemüse gefroren und geschnitten in Kartons auf die Welt kommt.
Ich für meinen Teil habe als kleines Kind Krabben und dicke Bohnen gepult, Aale gehäutet, Brom- und Holunderbeeren vom Strauch/Baum bis zum Saft und Marmelade begleitet usw. Ich will ja keine wüsten Behauptungen in den Raum stellen, aber ich kann mir vorstellen, daß daher auch mein Interesse an der Herkunft und Zubereitung meines Essens herrührt.
Das Kochen muß ja auch nicht immer in drei Stunden Schwerstarbeit ausarten. Wie ich an anderer Stelle ausführte, mache ich mir jeden Abend noch eine warme Mahlzeit. Wenn es halt spät geworden ist, gibt es halt ein Stück Fleisch mit ein paar Nudeln mit Phantasiesauce (also rein, was danach aussieht, daß es rein sollte).
Man kann auch - soweit vorhanden - mit den eigenen Kindern spielerisch Lebensmittel „begreifen“, damit die Blagen lernen, wie Essen aussieht, bevor es auf den Teller kommt und wie und warum es sich zwischenzeitlich verändert hat.
Das ist in meinen Augen allemal besser, als daß während des „Kochens“ das Kind im Wohnzimmer vor dem Fernseher hockt und Werbung für das Produkt sieht, das Mutti in der Küche gerade zusammenrührt.
Insgesamt sollen sich die Fertigverzehrer von mir nicht angegriffen fühlen (außer wenn sie Köche sind und mich in dem Glauben belassen, sie würden noch richtig kochen). Vielmehr möchte ich nur dazu anregen, darüber nachzudenken, ob das denn alles so richtig ist und ob sich mit ein bißchen Planung und Interesse nicht vielleicht doch richtig kochen läßt.
Auch ein bißchen Bewußtsein möchte ich anregen. Mit ein bißchen Nachdenken kommt dann vielleicht doch der Gedanke auf, daß der Huhngeschmack einer Tütensuppe, die drei Gramm Huhn enthält, doch nicht wirklich vom Huhn kommen kann. Vielleicht kommt ja auch der Gedanke, daß 20 Gramm Beutelinhalt + 250 ml Wasser, eben nicht 270 Gramm normale Nahrung ergeben, sondern jede Menge Wasser mit einigen Eßlöffeln Zeug, wovon ein Großteil Geschmacksverstärker, Aromastoffe und Stärke sind.
Gruß,
Christian
P.S.
Etwas Lesestoff:
Was Einstein seinem Koch erzählte
von Robert L. Wolke, Marlene Parrish ISBN:3492241905 Buch anschauen
Die Suppe lügt von Hans-Ulrich Grimm ISBN: 342677402X Buch anschauen