Hi,
ich moechte zur Praezisieung Deiner Problemschilderung beitragen:
Aus welchem Blickwinkel auch immer man etwa die
Rentenproblematik betrachtet, an der Tatsache, daß immer mehr
Alte zu versorgen sind, führt kein Weg vorbei.
Wobei nicht die materielle Versorgung ein Problem ist, denn wie Du weiter unten schreibst ist die Produktivitaet hoch und steigt weiter. Es krankt an der monetaeren Versorgung. Nur, Geld ist, im eigentlichen Sinne, kein Grundnahrungsmittel.
Nicht
wegdiskutieren lassen sich Millionen Menschen ohne Job. Die
meisten davon werden sich absehbar in keine wirtschaftlich
sinnvolle Arbeit bringen lassen.
Wobei hier nicht das Problem ist, dass die Leute nichts tun, sondern dass sie kein Einkommen haben. Ihre materielle Versorgung ist derzeit kein Problem, und duerfte es auch in Zukunft nicht sein. Man koennte sich zur Abwechslung auch mal fragen, was menschlich sinnvolle Arbeit ist, denn die Wirtschaft soll ja, u.a., die materielle und personelle Reproduktion der (kapitalistischen) Gesellschaft sicherstellen.
Langzeitarbeitslose werden
sich in vielen Fällen überhaupt nicht mehr ins Berufsleben
eingliedern lassen. Wirtschaftswachstum haben wir nicht und
überhaupt brauchen wir Wege, ohne Wachstum auszukommen.
Dann musst Du aber auch dafuer sorgen, dass kein Unternehmen mehr pleite gehen kann und keines Gewinne (auf Kosten anderer) macht und dass stets genau das produziert wird, was auch gebraucht wird, d.h. weder Ueberproduktion noch Unterproduktion, nur, ein solcher Gesellschaftszustand ist ja utopisch.
Keiner
kann allen Ernstes davon ausgehen, alljährlich immer mehr
Waren verkaufen zu können.
Genau das ist aber die Grundlage der betriebswirtschaftlichen Rechnungsweise, wobei die Warenmenge nicht so wichtig ist, sondern der Warenwert. Letztlich muss Gewinn gemacht werden. Da dieser nicht aus der Gesamtlohnsumme kommen kann (die wird ja wieder ausgezahlt), ergibt sich Gesamtwirtschaftlich ein kleines Problem, das entweder durch Export oder Verschuldung geloest wird. Ohne Gewinn keine Konkurrenz, ohne Konkurrenz Fehlproduktion groessten Ausmasses oder etwas nichkapitalistisches (und ja, sowas hat Herr Marx um 1847 geschrieben und hat dabei Smith, Say, Ricardo und Co. zitiert und vor deutschen Sozialdemokraten verteidigt).
Wir werden froh sein müssen, die
heutige Wirtschaftsleistung zu halten. Hinzu kommen weitere
Automatisierung und Rationalisierung, die pro
Kopf-Produktivität steigt, der Bedarf an Arbeitskräften sinkt
dabei zwangsläufig, wenn sich mit den vorhandenen Produkten
kein Wachstum mehr erzielen läßt. Wenigstens die
Produktivitätssteigerung muß durch Erschließen neuer Märkte
für neue Produkte kompensiert werden.
Im Endeffekt also durch Export, da ja im Innern nur Kaufkraft umgeschichtet wuerde. Nur, wenn das Ausland nichts exportieren kann (das wollen wir ja), wo soll dann dessen Kaufkraft herkommen?
Andernfalls geht die
Entwicklung am Arbeitsmarkt noch lange weiter, wie wir es seit
Jahrzehnten erleben. Umverteilung der Arbeit auf mehr Menschen
ist eine Methode, wenn die Menschen mit Einkommenseinbußen
einverstanden sind. Andernfalls ist augenblicklich die
internationale Wettbewerbsfähigkeit dahin.
Damit sinkt aber die Binnenkaufkraft und -nachfrage, denn die willst Du (offensichtlich?) nicht durch Staatskredit ankurbeln. Was im Endeffekt ebenfalls die Konkurrenzfaehigkeit mindert: groessere innere Armut, d.h. Sozial- und Repressivmassnahmen, die zum einen kosten, zum andern nicht unbedingt Motivationssteigernd wirken (Moment, das ist doch Hartz+Ruerup).
Ob es einem paßt oder nicht: Masse holt man bei der Masse.
Weil der Schluck aus der Schuldenpulle schon gleich im
nächsten Haushalt als erhöhte Zinslast widerwärtig aufstößt
und Probleme nur verschiebt, aber nicht löst, muß der Gürtel
ein Loch enger geschnallt werden - bei allen!
Wie gesagt, dabei „beisst sich die Katze in den eigenen Schwanz“. Denn dies bedeutet zuerst einmal „Konsumentenstreik“, allerdings im passiv, die Konsumenten werden gestreikt, oder „Geiz ist geil“.
Was ist denn überhaupt unser Ziel? Klar, Frank, Du wirst als
Antwort einmal mehr eine PDS-Postille posten oder einen Erguß
des alten Marx.
Akzeptierst Du wenigstens Ricardo und die Arbeitswerttheorie? Wobei Frank’s Quellen zum „boesen Zins“ von Herrn Marx beissend verspottet worden waeren. Das Arbeits(zeit)geld ist Grundlage vieler sozialistischer und fruehkommunistischer Utopien, hat also einen fast 200 Jahre alten Bart.
Wir haben also ein Problem mit der Sicherstellung der
Altersversorgung einiger zig Millionen Menschen und wir haben
ein Problem mit der Finanzierung der Krankenversicherung für
ebenfalls viele Millionen Menschen.
Praeziser: Auch bei ersterem ist die Finanzierung das Problem, nicht dass diese Leute was zu beissen und ein Dach ueber dem Kopf haben. In den Bereichen gibt es bekanntlich Ueberkapazitaeten – rein materiell, rein marktwirtschaftlich sind das Fehlinvestitionen.
Und wenn die Krankenversicherung ueber nacht pleite gehen sollte, heisst das ja auch nicht automatisch, dass es ab sofort keine Aerzte mehr gibt – so rein von den Faehigkeiten. Da diese Leute in der buergerlichen Gesellschaft ueberleben muessen, wuerden sie aber wahrscheinlich eine erfolgversprechendere Einkommensquelle suchen.
Wie man Einzelheiten löst, finde ich im
Moment nebensächlich. Die grobe Richtung kann nur darauf
hinaus laufen, für Rente und Krankenbehandlung mehr bezahlen
oder nur das Nötigste erhalten und für den Rest selbst sorgen.
Auf den einzelnen abhaengig Beschaeftigten bezogen heisst das aber in jedem Fall sich einzuschraenken. Schlimmer noch, wenn eine mehr als rudimentaere Absicherung zum privat zu finanzierenden Luxus wird, dann drueckt dies auf die (zumutbare) Lohnhoehe, da es kurzfristig auch ohne geht. Nun erinnern wir uns: die Gesamtlohnhoehe ist der wesentliche Teil der Binnenkaufkraft, auch auf die Weltwirtschaft bezogen.
Hoffen wir auf die Intergalaktische Handelsfoederation.
Mit dem Zeithorizont von 10 oder mehr Jahren wird sich
zumindest das Problem der Massenarbeitslosigkeit entschärfen,
weil wir langsam überaltern und immer weniger junge Menschen
nachwachsen.
Also prognostizierst auch Du, dass die rein materielle Versorgung kein Problem ist…
Eitel Freude in ein paar Jahren? Wohl eher nicht,
denn wie dabei die Rente zu finanzieren ist, weiß immer noch
keiner.
…, sondern ein finanzielles. Wenn also Geld das Haupthindernis fuer eine ertraegliche Zukunft ist, warum nicht mal radikal ueber dieses Problem nachdenken?
Hunderttausende Jugendliche, die heute keine
Ausbildung erhalten, bilden dann eine neue Problemgruppe. Wir
sorgen schon dafür, daß wir mit dem Hintern nicht hochkommen.
Der Pluralis nationalis (?). Wenn die Konkurrenz der Nationen ebenfalls ein Hindernis ist,…
Wenn der Kanzler mit Gewerkschaftern und Verbandsfunktionären
über die Ausbildungsplatzsituation diskutiert, ob das wohl den
einzelnen Meister oder Industriebetrieb interessiert, der sich
Azubis im Moment nicht leisten kann oder mit dem Niveau der
Schulbildung etwa von Hauptschülern nicht mehr umgehen mag?
Auch das ist ein Spezialfall des oben angesprochenen Konflikts zwischen BWL und VWL, zwischen privater Produktion und gesellschaftlichem Austausch, Kapital Band 1, erstes Drittel. Die dortigen Ausfuehrungen uebersteigen aber das Vorstellungsvermoegen vieler (linker, die andern lesens kaum) Buerger.
Aber wenn viele zig tausend
Jugendliche vergammeln, keine Berufsausbildung erhalten, in
überbetrieblichen Stätten geparkt werden oder in den
zweifelhaften Genuß von Kurzausbildungen kommen, ist das ein
fürchterlicher Skandal. Da vergammelt nämlich ein Teil unserer
Zukunft!
Wieder der Pluralis nationalis. Es ist zunaechst erstmal das Problem dieser Jugendlichen, dass ihre Zukunft nicht mehr in normalbuergerlichen Bahnen verlaeuft. Erst wenn Du Dich mit dem Staat identifizierst, wird es direkt Dein Problem (in etwa so, wie Irak zur direkten Bedrohung des mittleren Westens der USA wurde).
Es duerfte erstmal etwas radikalisieren, wenn man von der Gesellschaft als Staat und Wirtschaft nur noch Verbot und Zwang erlebt, und nicht mal mehr die Illusion von Freiheit und Moeglichkeit. Das wird dann auch viel eher Dein Problem, wenn im Gegenzug einem zunehmenden Teil der Bevoelkerung buergerliche Normen und Werte am Allerwertesten vorbeigehen.
Das ist plötzlich ein Grund, diversen Leuten doch in
den Allerwertesten zu treten, die nämlich die 60
Militärflieger für sinnvoll halten. Gebt das Geld den
ausbildenden Betrieben!
Du widersprichst Deinen Anti-VS-Ausfuehrungen. Auch wenn die Betraege gross erscheinen, verteilt sind es Peanuts, die ueberwiegend in der notwendigen Verteilungsbuerokratie landen. Und Betriebe, die jetzt schon auf Ueberkapazitaeten (=Fehlinvestitionen) sitzen, warum sollten die investieren, und sei es in Ausbildung?
Hochschulen werden schließlich auch
von der Allgemeinheit bezahlt. Klopft den Ideologieköchen auf
die Finger mit ihrem Geschrei nach der VS. Das ist nämlich
Geld, das irgendwo beim Fiskus verschwindet (z. B. für
Militär-Spielzeug). Bittet jeden Betrieb zur Kasse, der nicht
oder nicht nach überprüfbaren Qualitätskriterien ausbildet!
Dann verschwindet ein Grossteil dieses Geldes in der Kontrollbuerokratie, ob die nun Fiskus heisst oder nicht.
Zieht Schulleiter zur Rechenschaft, bei denen Analphabeten die
Schule verlassen!
Die werden auf Paragraphen, Lernziele und Unterfinanzierung verweisen. Obwohl, es koennte etwas helfen, wenn in den Lehrplaenen Eingang findet, dass nicht Mathe das Komplizierteste, Haerteste und Abstrakteste ist, was ein Kind lernt.
Zieht Eltern zur … nein, da bin ich
ratlos. Viele Probleme Jugendlicher liegen ganz sicher im
Elternhaus begründet. Die Ausbildung junger Menschen ist eine
Gemeinschaftsaufgabe.
Jetzt Gemeinschaft im Sinne von persoenlichen Beziehungen oder im Sinne von Staat?
Es ist natuerlich politisch vollkommen korrekt, persoenliche Interessen und Wuensche 1:1 als gesellschaftliche Interessen zu formulieren und an den Staat zu adressieren. Nur wenn es dem Staat als menschenverwaltender (und Menschen verwaltungsfaehig haltender) Buerokratie vollkommen egal ist, wie Deine Rente aussieht?
Bestens ausgebildet, ist das Risiko der
Arbeitslosigkeit nur gering.
Das gilt aber nur relativ, gegenueber Leuten, die weniger Zeit zum und Aufmerksamkeit beim Lernen hatten. Das ist eine individuelle Loesung, insgesamt also nur eine Verlagerung innerhalb der Bevoelkerung (und ja, auch innerhalb der Weltbevoelkerung).
Mit solcher Basis können sich
Menschen anpassen und für sich selbst sorgen. Da müssen wir
ansetzen, statt Besitzstandsdiskussionen zu führen.
Abhaengig Beschaeftigte koennen per Definition nicht fuer sich selbst sorgen, da ihre Versorgung, ihr Auskommen, von ihrem Einkommen abhaengt. Und selbst auf materieller Ebene haengt die taegliche Versorgung jedes Einzelnen von der Taetigkeit von Zehntausenden oder mehr Anderen ab, unmittelbare Produktion, deren Einzelteile, …lange Kette von Einzelteilen, dann Rohstoffe, immer dabei Energie, Maschinen, Wartung, und als Kroenung und mit ebensoviel oder gar mehr Aufwand die finanzielle Verdopplung dieses Netzwerkes der Arbeitsteilung.
Ciao Lutz