Hallo J~
Ebenso sehe ich das bei einem Menschen. Das, was diesen
Menschen ausgemacht hat, seine Gefühle, seine Gedanken, sein
Bindung zu anderen usw ist doch das, was betrauerungswürdig
ist und was aber bei einem klinisch Toten bereits verloren
ist.
Das kannst du für dich so feststellen, aber das mögen andere anders sehen. Es gibt auch ein weit verbreitetes Empfinden einer Einheit von Körper, Geist und Seele.
Man liebt nicht nur den Geist, die Gedanken und Bindungen eines Menschen, sondern auch dessen Körper (manchmal vor allem dem).
Dass das ohne den ihm innewohnenden Geist nicht viel her macht ist klar. Die Abhängigkeit aber ganz einseitig zu sehen und einfach die Bedeutung des Körpers an sich zu negieren, wird der Wirklichkeit nicht gerecht.
De Facto bedeutet vielen Menschen auch der entseelte Körper etwas. Dieser Mensch ist darin für sie noch präsent, auch wenn ihnen klar ist, das er in seiner Gesamtheit endgültig verloren ist, ist etwas von ihm noch da.
Tatsächlich widerspricht die Hirntoddefinition den Traditionen, und dem Empfinden eine Mehrheit der Menschen. Tote, selbst fremde Tote, sind für die meisten Menschen keine beliebigen Gegenstände.
Sollen sich Eltern dann ernsthaft von einem Mediziner sagen lassen, der Leichnahm ihres Kindes sei ja nur noch ein Gegenstand. Ihr Kind nicht mehr da. Und ihren toten Sohn zu waschen, zu schmücken und zu ihm Abschiedsworte zu sprechen sei … ja was eigentlich? Akte des Selbstmitleids?
Nein, für sie ist er noch nicht ganz tot, vielleicht wird er es nie sein, und dieses fragmentierte Fortleben auch im schon verwesenden Körper, ist nicht weniger wirklich, als die fortdauernde Nulllinie im EEG.
Die medizinische Wahrnehmung der Wirklichkeit ist oft wichtig, aber auch sie hat ihre Grenzen und wenn sie die nicht einhält, wird sie falsch.
Bezogen auf diesen Fall, hat die Mutter vielleicht akzeptiert, dass sie ihren Sohn mit dessen Gehirn verloren hat, aber emotional wäre für sie anscheinend erst der Herzstillstand mit seinem Tod identisch gewesen. Und anscheinend wollte sie ihn nicht alleine sterben lassen. Darum das Bedürfnis im OP anwesend zu sein.
Diese individuelle Wahrnehmung, diesen Schritt in ihrem Trauerprozess, kann man nicht mit dem Hinweis auf eine medizinisch-juristische Definition weg erklären.
Wenn ihr das vorher bewusst gewesen wäre, hätte sie wohl die Zustimmung zur Organentnahme nicht geben sollen, da aus den oben angegebenen Gründen ihre Anwesenheit nicht sinnvoll gewesen wäre (wenn auch technisch möglich).
Nun muss sie auf andere Weise loslassen und sich selbst vergeben lernen.
Gruß
Werner