Selbstaussagen
Hi Marion
Hat sich Jesus (als Jude) denn je selbst als der Messias
bezeichnet oder diese Bezeichnung zu seinen Lebzeiten von
anderen akzeptiert ?
Über seine Selbstaussagen ist nichts verbindlich bekannt. Wir haben nur die Zitate, die ihm von den Evangelisten zugelegt werden. Aber auch nach diesen Zeugnissen findet sich keine direkte Messias-Selbstaussage. Ist auch plausibel, denn seine Message deckte sich ja nicht mit dem, was über damalige Messias-Konzeptionen bekannt ist.
Die Bezeichnung „Sohn Gottes“, die - wie in allen antiken orientalischen Kulturen - eine Ehrenbezeichnung des Königs ist und die sich daher auf die Erwartung einer David-Nachfolge bezieht (siehe z.B. den von Iris zitierten Text von Stephen Fuchs), wird ihm auch in den Evangelien immer nur von anderen zugeschrieben.
Zu seiner eigenen Anthropologie gehörte aber dennoch wohl eine Vater-Sohn-Analogie seiner Beziehung zu dem „Gott der Väter“ (siehe die Auseinandersetzung bei Joh.8.30-47), die sich aber in seinen Selbstaussagen sehr eindeutig als Gesandter Gottes mit einem bestimmten Auftrag versteht. Diese Rolle des Gesandten deckte sich aber offenbar nicht mit den in diesen Texten erwähnten sonstigen Spekulationen über seine Rolle (Elias, der Prophet = Jeremias, ein Prophet, der Messias).
Als wahrscheinlich sieht man heute an, daß er sich selbst vor allem als „Menschensohn“ bezeichnete. Vom „Menschensohn“ ist besonders bei Ezechiel die Rede, aber der hat nicht dieselbe Rolle dort wie der jesuanische „Menschensohn“: er wird von den Menschen gedemütigt und stirbt einen Foltertod, durch den wiederum die „Verfehlungen“ (hamartia) der Welt „aufgehoben“ werden. Bei Johannes fällt das zusammen mit dem Begriff „ewiges Leben“, das dem Menschen dadurch erreichbar werde. Dies allerdings wiederum nur unter der Voraussetzung, daß man glaube, daß er der Gesandte (nicht der Sohn!) Gottes sei (das ist bei Johannes übrigens ausschließlich das, was unter „an ihn glauben“ zu verstehen ist).
Dennoch finden sich auch (ihm von den Evangelien-Autoren zugeschriebene - so sollte man vorsichtshalber sagen) Selbstaussagen, die enigmatisch eine göttliche Natur ausdrücken: So vor allem im Johannes: z.B. 8.58 „ehe Abraham wurde, bin ich“, oder 17.24 „weil du mich geliebt hast vor Grundlegung des Kosmos“
Und kann man, wenn man vom Christentum als Abspaltung (Sekte?) des Judentums ausgeht, das so verstehen, dass die Juden sich in der Frage damals selbst nicht einig waren ?
Natürlich gab es damals wie auch heute unterschiedliche Konzeptionen in den Details. Nach den Evangelienberichten waren sich selbst die unmittelbaren Schüler nicht einig. So z.B. Joh.6.60 „viele seiner Schüler, die ihm zuhörten sagten: Seine Rede ist unerträglich, wer kann sich das anhören?“ und 6.60 „Von da ab zogen sich viele seiner Schüler zurück und wanderten nicht mehr mit ihm“. Mit vorherrschenden Messias-Vorstellungen war das also eh nicht deckungsgleich.
Gruß
Metapher