Warum ist es so gut wie unmöglich, einen Psychotherapeuten zu finden, der bereit ist mit jemandem zu arbeiten, der an einer Abhängigkeitserkrankung leidet? Ist es die Angst vor dem „Klientel“ oder ist die Problematik zu gross?
Hi Christian
Warum ist es so gut wie unmöglich, einen Psychotherapeuten zu
finden, der bereit ist mit jemandem zu arbeiten, der an einer
Abhängigkeitserkrankung leidet? Ist es die Angst vor dem
„Klientel“ oder ist die Problematik zu gross?
Eher letzteres. Die Arbeit mit Patienten mit einer Abhängigkeitserkrankung ist im Durchschnitt viel, viel, viel frustrierender als mit ALLEN (!) anderen Patienten.
Bei den tiefenpsychologisch fundierten Behandlungen haben wir deutlich weniger Erfolge als bei anderen psychischen Erkrankungen, ebenso bei den Hypnose-Behandlungen.
Wenn wir nur einmal Hypnose nehmen:
Bei schweren Prüfungsängsten mit schon-einmal-durchgefallen-Sein hatte ich bisher 100 % Erfolg - alle haben nach meiner Hypnose-Behandlung ihr Staatsexamen, Diplom, Abitur etc. geschafft.
Bei der Raucher-Entwöhnung hingegen hatte ich 0 % Erfolg - alle haben weiter geraucht.
Es liegt nicht an der Hypnose, es liegt an der Problematik von Abhängigkeitserkrankungen. Die Patienten wollen in der Tiefe ihres Wesens nicht wirklich von der Sucht lassen. Der Lustgewinn-Anteil ist wohl zu groß und in „labilen Augenblicken“ und Konflikten wird schnell wieder auf die befriedigende Sucht zurück gegriffen.
Das machen wir Therapeuten eben auch nicht gerne lange mit - wir sind ja auch nur Menschen und auch frustrierbar.
Gruß,
Branden
gemeint ist wohl ambulant
hi,
in den zahlreichen klinischen angeboten gibt es noch zahlreichere psychotherapeuten, die diese wirklich schwere arbeit machen. es ist aber ein ernstzunehmendes angebot, das eben von kliniken ausgeht und die suchtmedizinische grundversorgung sicherstellt, statt ambulant ein angebot über eine praxis anzubieten.
allerdings täuscht auch das etwas: ein hoher prozentsatz von psychisch kranken, die ambulant in therapie sind (und gut versorgt sind), werden wegen ihrer erkrankung behandelt UND sind süchtig. erst kommen die leute wegen depression, später wird der schädliche umgang mit alkohol klar.
es soll aber auch schon gute erfolge gegeben haben, bei denen die inneren konflikte gut bearbeitet oder neue lebensstrategien gelernt wurden (usw.) und bei denen später das suafen überflüssig wurde. das wird dann aber nicht als erfolgreiche suchtbehandlung gezählt, sondern eher als erfogreiche depressionsbehandlung oder paartherapie.
das muss man erwähnen, auch wenn tatsächlich die rückfallquote bei suchterkrankungen so niederschmetternd hoch ist.
einem suchtkranken würd ich empfehlen, auf jeden fall eine therapie aufzusuchen, vielleicht könnte man im vorfeld mal überlegen, warum man säuft und das einem therapeuten sagen, dass man diesen grund besprechen will. ob das sinn macht? ich fänd es einen unterschied zum normalen blick auf sucht.
Hallo,
danke zunächst mal für eure Anworten.
Ein bisschen ernüchternd ist es schon, dass einer der Gründe sein könnte, dass die Erfolgsaussichten zu gering sind. Ist das Ziel einer Psychotherapie so eindeutig vorgegeben (hier das „Clean“-Sein)? Würde es nicht auch schon ausreichen, eine Verbesserung zu erzielen?
Meiner Erfahrung haben Suchtkranke an sich schon so gut wie kein Selbstvetrauen. Wenn es gelingt, dieses aufzubauen, ist schon mal ein grosser Schritt gemacht. Natürlich kann es hier lediglich eine Art „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein.
Ich würde es als Therapeut sogar als eine Art „Herausforderung“ sehen. Allerdings müsste man sich mit einer kleinen Anzahl von Patienten begnügen, das es wohl sehr zeitintesiv würde - und da kommt dann wohl auch wieder der finanzielle Aspekt zum Vorschein.
@alpha: zum Thema Therapie gebe ich Dir vollkommen recht. Aber ich denke mal, auch nach erfolgreicher Therapie gibt es Behandlungsbedarf. Und der kann leider nicht immer von Selbsthilfegruppen abgedeckt werden.
@vanBranden: Danke für die ehrliche Antwort. Insgeheim würde ich Dir gerne etwas mehr „Mut“ wünschen. Hast Du denn schon eigene, negative Erfahrungen?
Warum ist es so gut wie unmöglich, einen Psychotherapeuten zu
finden, der bereit ist mit jemandem zu arbeiten, der an einer
Abhängigkeitserkrankung leidet? Ist es die Angst vor dem
„Klientel“ oder ist die Problematik zu gross?
Hallo Christian.
Das eigentliche Problem mit den sog. Suchterkrankungen dürfte sein, dass die akademische Psychologie weder deren wirkliche Ursache noch ein fundiertes Gesundheitsmodell kennt und entsprechend keine echte Therapie empfehlen kann. Tatsächlich ist überhaupt unsere ganze Gesellschaft auf den sog. „Ersatzbedürfnissen“ verankert: Streben nach Konsum, Prestige und Macht -, die alle einen nach ständiger Steigerung der Dosis haschenden Suchtcharakter haben (s. Ideologie vom unaufhörlichen „Wirtschaftswachstum“), weil ihr Dasein die Verdrängung der eigentlich seelisch befriedigenden „Grundbedürfnisse“ zur Vorbedingung hat, nur eben unterschieden werden nach „normalen“ und solchen, die von der Norm abweichen.
„Normal“ wird von der akademischen Psychologie mit „gesund“ gleichgesetzt - was Gesundheit der Biopsychologie nach bedeutet, weiß niemand und wollen es die meisten auch gar nicht wissen, weil es aus der Sicht des gesellschaftlichen Wertesystems als „krank“ gilt.
Aus welchem Grunde beschäftigst Du Dich mit Deinen Fragen?
Hi,
vielleicht könnte man im vorfeld mal
überlegen, warum man säuft und das einem therapeuten sagen,
dass man diesen grund besprechen will. ob das sinn macht?
Das macht - bezogen auf die Sucht - keinen Sinn. Die „Gründe“ zum Saufen z.B. ändern sich im Laufe der Suchtentwicklung und irgendwann verselbständigt sich die Sucht, dass es überhaupt keines „Grundes“ mehr bedarf, zu trinken, denn man trinkt schlicht aus dem Grund, weil man abhängig ist. (Netter Witz: Es gibt nur sieben Gründe zu trinken; Montag, Dienstag …).
ich fänd es einen unterschied zum normalen blick auf sucht.
Was ist ein „normaler“ Blick auf Sucht?
Stoffgebundene Süchte sind eine dreifache Krankheit: seelisch, geistig, körperlich und das Problem bei Sucht im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen ist wohl das, dass das „Ausüben“ einen befriedigenden Charakter hat. Während der Angst- oder Depressionspatient nichts mehr anstrebt, als diese unangenehmen Gefühlszustände loszuwerden, strebt der Abhängige eben diesen „kranken“ Gefühlszustand an und es müssen schon gravierende Dinge im Umfeld (familiär, Arbeitsplatz) oder gesundheitlich (Leberzirrhose, Ösophagus Varizen, Bauchspeicheldrüse, Polyneuropathie) oder geistig (Unkonzentriertheit in hohem Maße, Gedächtnisstörungen bis hin zum Korsakov-Syndrom) etc. eintreten, um zur Einsicht zu gelangen, das ein Leben ohne Suchtmittel erstrebenswerter ist.
Und wenn es dann soweit ist, bedarf es oft keiner Therapie mehr, denn es genügt, „das erste Glas stehen zu lassen“ und damit die Krankheit zu Stillstand zu bringen. Nicht umsonst sind die Selbsthilfegruppen langfristig gesehen insgesamt erfolgreicher als jede andere Form der Therapie, denn „Heilung“, das Ziel einer jeden Therapie, gibt es in der Sucht nicht. In diesen Gruppen werden unter „Fachleuten“, den Betroffenen, durch Spiegelungen die Erinnerungen an die negativen Auswirkungen der Sucht wach gehalten und damit die Gefahr eines Rückfalls drastisch gesenkt. Und es ist nahezu unmöglich, den Mitbetroffenen in der Gruppe etwas vorzumachen. Der Alkoholiker ist ein perfekter Lügner, äußerst geschickt im Verdrehen von Tatsachen, geschickt darin, zu verharmlosen, zu beschönigen und er weiß genau, was er zu sagen hat, um nach Außen hin im guten Licht zu stehen, nach Verständnis zu heischen und seine erneuten Versprechungen aufzuhören z.B. glaubhaft zu machen. Aber nicht nur nach Außen, denn der Alkoholiker ist gleichzeitig Meister des Selbstbetruges: er glaubt es selbst, was er sagt und er will es wohl auch, aber die Sucht ist dann irgendwann wieder stärker und alle guten Vorsätze und Versprechungen werden wieder über den Haufen geworfen. Diese Lügen werden von anderen Betroffenen als ihre eigenen erkannt und damit entlarvt, etwas, was einem nicht-süchtigen und in Sachen Sucht unzureichend ausgebildeter Arzt, Psychotherapeut etc. nur schwer gelingen kann.
Gruß,
Anja