Hallo,
Aber nochmal meine Frage (jetzt ausformuliert): Haben wir denn
eine Alternative zum Glauben an die Vernunft?
Was ist Vernunft? Da sehe ich das Problem und deswegen der plakative Titel meiner uwsprünglichen Antwort. Was vernünftig ist, ist auch immer der Willkür dessen unterlegen, der definiert. Damit ist Vernunft genauso verführbar wie solche Aspekte wie „Religion“, „Moral“ etc.
Sicher hast Du recht, daß man auch die „Nebenbedingungen“ von Argumentationen mit Hilfe der Vernunft „aushebeln“ kann, aber es geht auch anders.
Aber die Vernunft hilft nicht immer weiter. Diskutiere mal mit jemanden, der sich Singers Thesen anschließt. Der Dir also erklärt, daß das Leben eines Behinderten grundsätzlich weniger Wert sei. Er wird Dir Kostenargumente nennen, er wird fragen, inwieweit ein beispielsweise geistig Behinderter wirklich ein erfülltes Leben leben kann und das er selbst ein solches Leben nicht führen wolle (womit das beliebte Argument, möchtest Du, daß so etwas mit Dir passiert, gleich passé ist). IN dieser Diskussion stellt man irgendwann einmal fest, daß es gar nicht um Vernunft und Rationalität geht. Es geht tatsächlich um Weltanschauung, um die Basis, auf der jemand „Vernünftig“ argumentiert. Vernunft führt uns also im Diskurs nur so weit, wie wir über ähnliche Grundlagen und damit Kommunikationsfähigkeit verfügen. Gefährlich halte ich daran aber, daß diejenigen, die für sich die Fähigkeit, vernünftig argumentieren zu können, in Anspruch nehmen, in der Regel den Zweifel vergessen. Ich erlebe zu oft, daß Menschen, die für sich Wissenschaftlichkeit, Rationalität und argumentative Fähigkeiten in Anspruch nehmen, glatt vergessen, daß sie auch nur „Menschen“ sind.
Neuerlich habe ich über die Fälle „genetischer Diskriminierung“ gesprochen (auch im neuesten Spiegel). Denkenigen, deren Eltern an einer zu 50% vererbbaren und heute auch nachweisbaren Erkrankung leiden, werden nicht verbeamtet, auch wenn sie derzeit gesund ist. Viele fanden das vernünftig, ihre Argumentation, daß der Staat sich ja auch bei bereits ausgebrochenen Erkrankungen so vor Folgekosten schütze, war auch rational. Meine Argumentation dagegen wahrscheinlich weniger, denn sie ist von der tiefsten inneren Überzeung getragen, daß die Gentechnik uns kaum eine bessere Heilung, sondern eine pränatale Selektion bringen wird, beispielsweise, indem man als Eltern weiß, daß man sein Kind niemals versichert bekommt…
Ich argumentierte also gegen Diskriminierung, weil ich Angst vor „Dammbrüchen“ habe. Diejenigen, die vernünftig argumentierten, argumentierten für Diskriminierung (und für mehr Vertrauen meinerseits in die Zunkunft).
Vernunft schützt also nur dann vor Diskriminierung, wenn sie mit bestimmten Werten gekoppelt ist, und wenn sie sich täglich erneut in Zweifel zieht. Du hast es persönlich vielleicht gar nicht so gemeint, aber mir geht es so, daß ich dermaßen Angst vor einer Absolutsetzung der Vernunft habe, daß ich sie diskriminiere:wink:
Grüße,
Taju