Ratte gerettet

Ich habe wohl relativ früh von der Ratte gehört:
https://www.wnoz.de/Bensheimer-Ratte-ist-jetzt-weltweit-bekannt-9891fc0c-91db-404b-8f70-de74c0f6bdc5-ds
da es bei uns um die Ecke geschehen ist und in kurzer Zeit auf der Facebook-Seite der Lokalnachrichten darüber berichtet wurde.

Mir geht es in meiner Frage nicht wirklich um die Ratte.
Aber ich frage mich, was all diese „Tierfreunde“ bewegt, die die Tierrettung und die Feuerwehr zu ihrer Aktion beglückwünschen.
Diese eine Ratte hat ein Gesicht bekommen (das Bild von dem Rattenmann im Gulli, der so einen fetten A** hatte, dass er festhing, ist auch irgendwie großes Kino). Für den hegt man Gefühle.
Gleichzeitig bestellt man aber Kammerjäger, legt Rattengift aus und versucht generell die Rattenpopulation in Grenzen zu halten.

Empfindet ihr das auch als Symbol für die Schizophrenie unsere Gesellschaft? Das Einzelschicksal bedauern, aber die Masse als Masse verdient kein Mitgefühl? Beispiele zu benennen ist im Zusammenhang schwierig, da man leicht unterstellt bekommt, irgendwelche Menschen mit Ratten zu vergleichen, von daher verkneife ich mir das jetzt.

Grüße
Siboniwe

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Ich bin nicht sicher, ob es das ist, oder ob die ganze Welt einfach nur immer bekloppter wird und aus den Augen verliert, was wirklich von Bedeutung ist. Bei der Ratte ist es doch genauso wie Du sagst: das Tier ist ein Schädling und die werden an jeder Ecke bekämpft. Schaut so ein Tier aber in einer mißlichen Situation blöd aus der Wäsche, wird die Feuerwehr geholt, ein Video geteilt usw. Vor 50 oder noch vor 30 Jahren hätte man entweder einen Besen oder eine Katze geholt und gut wär’s gewesen.

Vielleicht ist aber auch ein Grund für die eigenartige Reaktion, daß viele Menschen mit Nutz- und Wildtieren kaum noch Kontakt haben und zwischen dem Schädling Ratte und dem Wildtier Eichhörnchen oder Kaninchen keinen Unterschied machen (können). Beides flauschig und süß und geeignet für den nächsten Youtube-Kracher.

Mehr fällt mir gerade nicht ein.

Gruß
C.

Hallo,
vielleicht haben die Tierfreunde alle "Ratatouille " gesehen und fühlten sich an „Remy“ erinnert… :wink:
Mao

Die Leute sind bekloppt und haben eine Aufmerksamkeitsspanne von 10 Sekunden., länger können sie auch nicht konzentriert denken. Fast niemand macht sich die Mühe , irgend etwas noch zu Ende zu denken.

Das ist meine persönliche Meinung.

Ihr könnt mir Tiernamen geben, aber hätte sich bei mir eine Ratte verkeilt, ich hätte sie auch gerettet.
Das mag daran liegen, dass ich diese und andere Tiere aus irgendeinem verrückten Grund nicht als vernichtenswerte Schädlinge betrachte. Sie sind halt da und nutzen die Chancen, die sichwir ihnen bieten.
Allerdings hätte meine Rettungsaktion weder der Feuerwehr bedurft noch wäre sie in irgendwelchen Medien gelandet - vom Dunstkreis des heimischen Kaffeetisches mal abgesehen.
Dass es hier soweit gekommen ist, liegt wohl am gesteigerten Mitteilungsbedürfnis der „Tierschützer“, an ihrem offenbar recht großen Zeitbudget und an der Wollust der (Online-)Redaktionen, die sich mit Begeisterung auf derart leichte Kost stürzen.

Naja… ob das nur unsere Gesellschaft betrifft oder ob der Mensch an sich „halt so ist“?


Von Schizophrenie würd ich da nicht unbedingt sprechen. Superman kümmert sich auch lieber um Lois Lane als um den Schulbus, der irgendwo auf der Welt von den Klippen stürzt…

Gruß,

Kannitverstan

Es gibt im Tierreich keine „Schädlinge“.
Es stimmt zwar, dass Ratten oft bekämpft werden und auch Krankheiten übertragen können, aber das heißt nicht, dass andere Menschen nicht dennoch Mitgefühl mit diesem Lebewesen haben können.
Sehr ihr darin den Untergang des Abendlandes?
Schlimm fände ich nur, wenn die Feuerwehr durch ihren Einsatz von Einsatz an eienr Brandstelle abgehalten worden wäre.

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Nun ja, das ist doch weit verbreitet - wenn sich beispielsweise ein Hund an der Pfote verletzt hat, wird sein Mensch mit ihm zum Tierarzt gehen und ihn wieder gesund pflegen, aber im selben Zeitraum bedenkenlos Schweineschnitzel - und braten futtern, obwohl Schweine ebenso schmerzempfindungsfähig und mindestens so intelligent sind wie Hunde.

Ungewöhnlich ist höchstens, dass sich die Geschichte so schnell verbreitet, was nun einmal den modernen Medien geschuldet ist - das heißt aber nicht, dass es früher nicht ähnliche Geschichten gab, die - in engerem Kreis - gerne geteilt wurden.

Hallo,

stimmt, dem ist so.

Aber da Ratten (zumindest diese Sorte) nicht zu den bedrohten Arten gehören und andernorts bekämpft werden, finde ich den Feuerwehreinsatz völlig übertrieben. Man hätte das Tier schnell und schmerzlos töten können. Ich wäre jedenfalls im Leben nicht auf die Idee gekommen, dafür die Feuerwehr zu rufen. Das würde hier auf dem Land auch nicht klappen.

Gruß,
Paran

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Nachtrag: WWW schafft es momentan nicht, Kommentare richtig zu platzieren.
Das war auch mal besser.

Paran

Hallo,

besser können wir Menschen halt nicht. Für Mitgefühl brauchen wir Gefühl und das entsteht eben nur, wenn das Zielobjekt ein „Gesicht“, eine Persönlichkeit hat oder zumindest irgendwie zur eingenen „Gruppe“ gehört.

z.B.
In Pakistan entgleist ein Zug, 5000 Tote.
Vor Borkum läuft eine Fähre auf Grund, 10 Vermisste.

Borkum ist näher, manch einer hat die Fähre selbst schon benutzt oder würde es ev. tun. Pakistan ist ewig weg, man war nie da, geht nie hin, kennt da niemanden und das sind schlicht lauter andere Leute, die einen nicht interessieren.

Und es passiert letztlich auch ständig viel zuviel Schreckliches auf der Welt um allem gebührend Mitgefühl entgegen zu bringen - wer hielte das aus?

Gruß,
Paran

Ich sehe das genauso kritisch wie du.

Ich bin aber fest davon überzeugt, dass (die meisten Menschen) so sind, dass unsere Genausstattung das bedingt, dass das schon immer so wahr und sich in der Altsteinzeit ausgebildet hat, weil es für das Überleben hilfreich war.

Ich hatte sehr bewusst geschrieben, dass es mir nicht wirklich um diese Ratte ging.
(Unabhängig davon, dass ich nicht glaube, dass unkontrollierte Rattenbestände etwas Gutes wären.)

Paran hat (nicht hier, sondern anderswo im Thread) eher verstanden, wie ich es gemeint hatte.

Grüße
Siboniwe

Im Tierreich gibt es auch keine Lebensmittel, die von Ratten angeknabbert werden und es gibt auch keine Menschen, die an Krankheiten erkranken, die von Ratten übertragen werden und vor allem gibt es im Tierreich auch keine Kanaldeckel, in denen überfette Ratten hängenbleiben. Das Tierreich ist hier also nicht das Maß der Dinge.

Nein, aber es entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß das Tier, das nun befreit wurde, im Zweifel in den nächsten Wochen oder Monaten an einer Vergiftung stirbt, die ihm Menschen beigebracht haben.

Das passiert nicht, keine Sorge. Der Grundschutz ist immer gewährleistet - und sei es durch die Alarmierung von Bereitschaftskräften bzw. Verlegung anderer Züge.

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Dass Ratten eine Krankheit auf einen Menschen überträgt, das kommt so gut wie nie vor. Diese Information habe ich von einem Kammerjäger.

Diesen Ruf des Krankheits-(Pest-)überträgers hat sie noch aus dem Mittelalter, aber erstens handelte es sich damals um eine andere, heute in Europa fast ausgestorbene Rattenart, nämlich die Hausratte rattus rattus, und nicht die Wanderratte rattus norvegicus, und zweitens können viele Tiere die Pest übertragen. Was bei den Ratten anders war, sie bekamen ähnliche Symptome wie Menschen und starben auch selber an der Pest. Das kann man auch ohne bakteriologische Kenntnisse feststellen, deswegen wurde eben die Ratte für die Pest verantwortlich gemacht.

Wo sie heute Krankheiten übertragen, das ist hauptsächlich bei der Massentierhaltung, indem sie von Schweinetrog zu Schweinetrog laufen und dadurch z. B. mit Schweinepest infizierte Partikel im ganzen Stall verteilen.

Auf die gleiche Weise könnte sie natürlich auch Krankheiten bei Menschen verbreiten, aber bei wem laufen schon Ratten über die Lebensmittel?

In Ländern, in denen Vorräte in Säcken oder Holzkisten gelagert werden, sind Ratten natürlich ein großes Problem, zumal die sehr intelligent und körperlich sehr gewandt sind und fast überall hinkommen, wo sie hinwollen.

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Hallo,

doch. Es gibt Aas, Früchte, Körner, also Lebensmittel, die von Ratten gefressen oder angefressen werden. Es gibt im Tierreich auch Menschen, sie gehören dazu. Sie können sich daher auch im Tierreich anstecken und krank werden. Kanaldeckel gibt es zwar tatsächlich in der Natur nicht, aber Felsspalten können zu ähnlichen Verhängnissen führen.

Gruß,
Paran

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Der Mensch gehört nicht zum Tierreich und Felsen sind keine Kanaldeckel. Insofern: nein, in freier Wildbahn wäre es zu einer derartigen Rettungsaktion nicht gekommen. Aber vielleicht können wir uns einfach darauf einigen, daß die Einlassung des Vorredners nicht hilfreich war und sich weitere Diskussionen darüber erübrigen.

Hallo,

ich glaube, dass dein Vergleich hinkt.
Klar, die Schizophrenie zwischen Hausschwein/Essschwein zu unterscheiden, ist da.
Aber persönlich bekannter Haustierhund und gesichtsloses Stallschwein ist eine andere Ebene als : Ratte und Ratte.
Wäre das Rattenmännchen durch den Gulli gekrochen und über die Straße gerannt (und nicht mit seinem verfetteten A** steckengeblieben), hätten sicher alle Anwesenden sofort nach der Stadtreinigung o.ä. gerufen und über die Vermüllung der Innenstadt und der Unterwanderung der Kanalisation geklagt.

Grüße
Siboniwe

Das ist aber nur ein Teilaspekt der Geschichte. Unten habe ich Katzes Beitrag geantwortet. Gleiche Situation nur mit etwas dünnerer Ratte und die Reaktionen wären anders ausgefallen.

Grüße
Siboniwe

Dadurch, dass es eine Rettungsgeschichte inkl. Video gibt, ist die Ratte aber nicht mehr gesichtslos. Sie wird als Individuum mit einer Persönlichkeit und/oder eigener Geschichte wahrgenommen - sogar dann, wenn ihr kein Missgeschick widerfährt, sondern sie etwas tut, was sonst nicht geduldet würde (ich denke da an das virale Video mit der Pizza-Ratte). Wenn ein Tierfreund dieses Video sieht, kann er mit dem Tier mitfühlen und quasi eine minimale Form von Beziehung zu ihm herstellen, wenn auch nur eine parasoziale.

Außerdem ist es ja keineswegs gesagt, dass die Leute, die sich an dem Rattenvideo erfreuen, tatsächlich Gift auslegen würden (nach der Stadtreinigung zu rufen, damit diese etwaigen Müll wegräumt, ist eine andere Sache).

Das Video ist aber nur Zugabe.
Erst musste es ja mal Menschen geben, die die Ratte gesehen und für „rettungswürdig“ gehalten haben. Es geht ja bereits um die ersten, die die Ratte gesichtet haben und die Tierrettung alarmierten (und nicht die Stadtreinigung bzw. den städtischen Kammerjäger).

Ich verstehe das natürlich mit dem „Gesicht“, aber eben deshalb halte ich es für abartig.
Früher hat ein Bauer sein Schwein auch gekannt, bevor er es geschlachtet und gegessen hat. Heute isst man nur noch die Sau, die man nicht persönlich mit Namen kennt.
Früher gab es auch viel mehr Restaurants mit einem Aquarium mit Forellen, wo man sich dann raussuchen konnte, welches der Tiere man als Müllerin auf dem Teller haben wollte.

Grüße
Siboniwe