Hallo,
Zunächst einmal ist offenbar, dass der Föderalismus, wie wir
ihn haben, untragbar ist. Die Idee des Verfassungsgebers ist
ja nicht politische Realität. Im Bundesrat stimmen nicht etwa
Länder ab, sondern faktich Parteien.
das ist auch im Bundestag so. Wenn man es genau nimmt, ist der Prozeß der politischen Meinungsbildung in Deutschland schon seit Jahren verfassungswidrig, denn die Entscheidungen werden nicht im Bundestag gefällt, sondern in bzw. zwischen den Fraktionen.
Das aus meiner Sicht aber kein hinreichender Grund, um den Bundestag abzuschaffen. Ähnlich sehe ich das mit dem Föderalismus bzw. dem Zweikammersystem, das ja letztlich fast überall in den demokratischen Ländern praktiziert wird.
Außerdem bin ich der Meinung, dass man sich über eines auch
nicht täuschen lassen darf: Föderalismus ist bei allen
Vorteilen weder so wichtig, noch so effektiv, wie es viele
Leute glauben machen wollen.
M.E. liegt das eher in der Umsetzung und nicht am System an sich. Die meisten Menschen akzeptieren, daß sich Unternehmen wie Staaten in einem steten Konkurrenzkampf befinden. Auch bei den deutschen Städten ist dieser Konkurrenzkampf bspw. über Hebesätze weitgehend akzeptiert, auch wenn sich die Bundespolitiker sich so einiges einfallen lassen, um diese Unterschiede zu glätten http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv… Nur bei den Bundesländern sträuben sich viele anzuerkennen, daß auch die Bundesländer um Menschen und Unternehmen und damit um Steuergelder und Arbeitsplätze konkurrieren.
Kaum prescht ein Land bei bestimmten Dingen vor, setzt der allgemeine Protest ein (bspw. Zuwanderungs- oder Bildungspolitik). Das ist m.E. der falsche Weg und der Föderalismus, mit einer Verlagerung von Zuständigkeiten auf die Länder, könnte hier Abhilfe schaffen.
Ich weiß nicht, wie stark der
Föderalismus in Weimarer Republik war, aber immerhin hatten
wir - und nicht etwa die Franzonsen - eine faschistische
Diktatur, und Deutschland ist historisch gesehen schon immer
föderaler gewesen als andere; kein anderes Volks hat meines
Wissens nach so spät zu einer Einheit gefunden.
Naja, die Griechen haben es auch in über tausend Jahren nicht geschafft, einen einheitlichen Staat zu etablieren, was letztlich auch Ursache für den Untergang des Städtebundes war.
Die Frage ist, wie man staatliche Einheit definiert. Die Deutschen gab es zum Zeitpunkt der Gründung des 2. Deutschen Reiches auch nicht und daß es Unterschiede zwischen den Westfalen und den Bayern gibt, muß man auch nicht betonen. Insofern ist mal die Frage, ob Deutschland heute alle Deutschen und nur Deutsche umfaßt.
Manchmal werden Dinge einfach nur noch formal-juristisch, etwa
die künstliche Aufspaltung der Gesetze zur
Lebenspartnerschaft, aus rein politischen Erwägungen, die aber
im Föderalismus wurzeln. Und wenn ich mir so Fragen ansehe wie
die, ob eine Behörde Fingerabdrücke nun nach dem
Landespolizeigesetz oder nach der Strafprozessordnung
speichern darf - also, bitte!
Bei hoheitlichen Themen sehe ich das so wie Du, bspw. stellt sich auch die Frage, ob die Polizei wirklich Ländersache sein sollte, aber derzeitige Regelung hat natürlich historische Hintergründe.
M.E. resultieren die meisten fruchtlosen Debatten aus finanziellen Erwägungen, d.h. bei Themen, die die Aufteilung der Einnahmen und Ausgaben zwischen Bund und Ländern betreffen. Insofern wäre ich dafür, die Steuern klarer abzugrenzen, d.h. jeder Verwaltungsebene eine eigene Steuer zu überlassen, wie das ja bspw. bei der Gewerbesteuer ist. Die Mehrwertsteuer und die Mineralölsteuer könnte dann z.B. dem Bund zufallen, die Einkommensteuer und die KFZ-Steuer den Ländern. Der Bund könnte dann autark über die MwSt entscheiden, die Länder über die Einkommensteuer. Vielen heutigen Konflikten mit entsprechenden Verzögerungen bei Reformen wäre damit die Grundlage entzogen.
Gruß,
Christian