Hallo Michael,
zuerst bitte ich, mir den ausholenden Text zu verzeihen. Ich weiß auch nicht, ob es Untersuchungen darüber gibt. Mich interessiert aber diese Frage ebenfalls sehr.
Eine Theorie wurde vom Psychoanalytiker Erik H. Erikson formuliert. Dieser faßte die individuelle Entwicklung von der Kindheit bis zum Alter als Abfolge von acht Stufen auf (die psychosoziale Entwicklung). Die ersten fünf dieser Stufen fallen in die Kindheit und Jugend und entsprechen in ihrem zeitlichen Verlauf den Phasen der psychosexuellen Entwicklung nach Freud. Erikson faßt jede dieser Stufen als eine Entwicklungsaufgabe auf, welche das Kind und später der erwachsene Mensch mehr oder weniger gut erfüllt. Die allererste Stufe ist die der frühersten Kindheit (1. Lj.), Erikson benannte sie mit dem Gegensatz „Vertrauen gegen Urmißtrauen“, das Kind ist zu dieser Zeit völlig von seiner ersten Bezugsperson (der Mutter) abhängig. Diese ist aber nicht immer da - die Entwicklungsaufgabe besteht darin, auch wenn die Mutter gerade nicht im selben Raum ist, Vertrauen zu entwickeln, daß sie wiederkommt und das Kind versorgt. Dies gelingt mehr oder weniger gut, je nach den vorhandenen Bedingungen. Im späteren Leben ist das Urvertrauen eine Art grundlegender Optimismus, eine Zuversicht, daß sich die Dinge schon günstig entwickeln und irgendwie gut ausgehen werden, auch wenn es vielleicht im Moment nicht so aussieht.
Erikson stellt jede Stufe zu einer Institution in Beziehung, und zwar die erste Stufe zur Religion. Es gilt die Entsprechung: Glaube = Urvertrauen, und das Urmißtrauen wird mit dem Teufel in Beziehung gesetzt. Die Religiosität wäre zu verstehen als ein Nachhall aus frühester Kindheit, und ich denke, die Erikson’sche Theorie kann die kindlich anmutende Religiosität mancher Menschen gut erklären, die sich einen Gott vorstellen wie ein überhöhtes Elternbild: strafend oder gütig.
Ein anderer Ansatz (der aber nicht unabhängig ist vom obigen) ergibt sich aus der Tatsache, daß ein Mensch, der auf sich allein gestellt ist, kaum eine Chance hat, zu überleben (natürlich in früherer Zeit, ohne eine moderne Infrastruktur zur Verfügung zu haben). Viele wichtige Aufgaben können wir nur zusammen lösen, in Gruppen. Wir sind kollektive Wesen und wollen uns in Gruppen sicher und geborgen fühlen, dort eine für uns sinnvolle Rolle spielen und anerkannt sein. Die Religion (zumindest die christliche) zielt auch auf solche Bedürfnisse ab: in einen größeren und sinnvollen Zusammenhang eingebettet zu sein. Eine Gruppe braucht Symbole zu ihrer Kennzeichnung und Definition, und die Menschen in ihr brauchen diese Symbole, um sich mit ihr zu identifizieren. Die Religionen liefern solche Symbole.
Ich denke, daß das Bedürfnis nach Religiosität bei vielen Menschen sehr stark ist, denn es wurde und wird anscheinend oft mißbraucht. Ich wundere mich darüber, wenn manche Menschen, die vielleicht sogar eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben, trotzdem versuchen, die Bibel wörtlich zu nehmen und frage mich, wie die ihren Intellekt so verbiegen können.
Aus den beiden Ansätzen ergibt sich für mich: die Religiosität muß nicht als etwas Eigenständiges angeboren sein, das Bedürfnis nach Religiosität ist vielleicht nur Ausdruck der Tatsache, daß wir als Menschen besonders angewiesen sind auf größere Organisationsformen, als Kinder auf eine versorgende und schützende Familie, und später, Teil von Gruppen unterschiedlicher Art und Größe zu sein - in höherem Maß als jedes Tier.
Grüße,
I.