Ruhe, Konzentration und ADD
Hi Nike,
Ich glaube aber (ohne Psychologin zu sein und es beweisen zu
können), dass es für einige schwerer ist als für andere.
Manche Menschen neigen eben zum Jähzorn, andere zum Phlegma.
So wurde das auch in diversen „Typenlehren“ seit der Antike eingeteilt.
Abgesehen davon gibt es aber hundert verschiedene Wege zum
„Nicht aus der Ruhe bringen lassen“ Ziel - über den Kopf, das
gefühl oder über reines Verhaltenstraining.
Bei mir ging das über den Kopf (wie so vieles bei mir): Ich
habe einfach irgend wann mal begriffen, dass aufregen sich nur
dann lohnt, wenn ich durch das Aufregen auch etwas verändern
respektive verbessern kann. Das hatte und hat zur Folge, dass
ich mich wirklich nur dann über etwas aufregem wenn es mir
auch was bringt.
Das interessante finde, ich ist, dass viele Situationen in denen sich Leute aufregen, es oft (noch) gar nicht wert sind, sich darüber aufzuregen; und zwar auch nach den eigenen Wertmaßstäben der betreffenden Leute, was sie in der Reflektion dann auch sogar erkennen können. Wenn sie hinterher mal reflektieren.
Die Frage, wie „umfassend“ ich eine Situation an mich heranlasse, ob ich gleich auf das erst beste erkennbare Muster reagiere, und mehr „passiere“ als mich verhalte (to happen rather to behave) oder, ob ich eher neugierig bin zu gucken, was sonst noch alles in einer Situation steckt, außer dem, worüber ich mich aufregen könnte, ist wohl ein wichtiger Unterschied.
Wobei manche Leute, die „cool“ wirken nicht unbedingt unaufgeregt sind, sondern sich in Wirklichkeit ihren „Dolch im Gewande“ nur zurechtgelegt haben, um auf eine Gelegenheit zu Rache, Abrechnung oder Abgang zu warten bzw. dran arbeiten.
Bei mir ist vonr zwei Jahren ADD diagnostiziert worden und seitdem ich Ritalin einwerfe, die berüchtigte „Kinderruhigstellungspille“, hat sich mein „Aufregungsverhalten“ komplett gewandelt. Früher war ich, aus jetziger sicht gesagt, oft zu früh überzeugt, bereits „durchzublicken“ und wähnte mich zu früh im „richtigen Gefühl“ zur Lage. Es fühlt sich eher an, wie der Unterschied zwischen Ungeduld und „Kaltblütigkeit“, Nerven behalten und Nerven verlieren. Wenn ich heute etwas höre, was mich „aufregt“, kann ich mir sagen, wart mal ab, es kommt vielleicht noch ganz anders. Ich spüre eher gesteigerte Neugier denn ein „Reaktionsbedürfnis“ bzw. Neugier ist die Reaktion.
Früher bin ich auch ruhig geblieben, aber im Sinne von „voreingenommen“. Ich hatte mein Urteil innerlich fertig, gab keiner Revision mehr eine Chance, sondern wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, zur „Vollstreckng“. Ich finde diesen Unteschied noch dramatischer als den rein „äußerlichen“ zwischen aufregen und nicht aufregen.
"Dein Auto
wurde gerade aufgebrochen udn ausgeraubt, und Du regst Dich
nicht auf???" - „Nein, warum sollte ich, erscheinen die
Sachen wieder hier, wenn ich mich aufrege?“ 
Finde ich auch. Wenn ich z.B. merke, dass ich aktuell angeschwindelt werde, dann kann ich auch unterbrechen, wenn ich es für sinnvoll halte, aber einfachen blühenden Unfug kann ich mir heute anhören und hinterher in aller Ruhe aufdrösenln, warum ich ihn für blühenden Unfug halte.
Das beklemmende ist, finde ich, dass man nur sehr begrenzt „frei“ ist, sich so oder so zu verhalten. Wenn man in der „falschen Geschwindigkeit“ wie bei ADD steckt, hat man kaum eine Chance zu (klügeren) Alternativen.
Liebe Grüsse,
Thomas Holm