Rilke wieder da (besonders @ igorella)

Ach igorella,

wie schön :smile:

daß ich Dich an den Rilke erinnert habe, wenn auch aus einem weniger schönen Anlaß. :wink:

Hier gibt es ihn nochmal, jetzt komplett:

_Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deine Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke_

einen herzlichen gruß

herzlichst zurück

Gruß Gudrun

und Mörike und Trakl
Da wir denn so schön beinander sind und es draußen wirklich grad zu regnen anfängt:

_Eduard Mörike

Herbst

Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend,
Reis ich verdrießlich durch die kalte Welt,
zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält
Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend,
Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
Das rote Laub, das von den Bäumen fällt,
Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,
Nun kommt das Schlimmste noch, es regnet._

Und um es abzurunden:

_Georg Trakl

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
Das geht in Ruh und Schweigen unter._

Guten Morgen zusammen!

Das sollte dann aber auch nicht fehlen:

_ Vereinsamt
(Friedrich Nietzsche)

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!
Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entfloh’n?
Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kälter’n Himmeln sucht.
Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

  • bald wird es schnei’n,
    Weh dem, der keine Heimat hat!_

Gruß Hartmann

Goethe
Blasphemie, nicht Goethe zuvorderst zu stellen:

Herbst

Früchte bringet das Leben dem Mann; doch hangen sie selten
Rot und lustig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt.

Richtet den herrschenden Stab auf Leben und Handeln, und lasset
Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muse das Spiel

Lehret! Es ziemet euch wohl; auch wir verehren die Sitte;
Aber die Muse läßt nicht sich gebieten von euch.

Nimm dem Prometheus die Fackel, beleb, o Muse, die Menschen!
Nimm sie dem Amor, und rasch quäl und beglücke wie er!

Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters Throne
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt.

Freunde, treibet nur alles mit Ernst und Liebe; die beiden
Stehen dem Deutschen so schön, den ach! so vieles entstellt.

Kinder werfen den Ball an die Wand und fangen ihn wieder;
Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn zurück.

Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes
Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.

Wärt ihr, Schwärmer, imstande, die Ideale zu fassen
O so verehrtet ihr auch, wie sich’s gebührt, die Natur.

Wem zu glauben ist, redlicher Freund, das kann ich dir sagen:
Glaube dem Leben; es lehrt besser als Redner und Buch.

Alle Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken;
Blüten und Frucht zugleich gebet ihr, Musen, allein.

Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum.
Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt.

Schadet ein Irrtum wohl? Nicht immer! aber das Irren,
Immer schadet’s. Wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.

Fremde Kinder, wir lieben sie nie so sehr als die eignen;
Irrtum, das eigene Kind, ist uns dem Herzen so nah.

Irrtum verläßt uns nie; doch ziehet ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.

Gleich sei keiner dem andern; doch gleich sei jeder dem Höchsten,
Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich.

Warum will sich Geschmack und Genie so selten vereinen?
Jener fürchtet die Kraft; dieses verachtet den Zaum.

Fortzupflanzen die Welt, sind alle vernünft’gen Diskurse
Unvermögend; durch sie kommt auch kein Kunstwerk hervor.

Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten, der mich,
Sich und die Welt vergißt und in dem Buche nur lebt.

Dieser ist mir der Freund, der mit mir Strebendem wandelt;
Lädt er zum Sitzen mich ein, stehl ich für heute mich weg.

Wie beklag ich es tief, daß diese herrliche Seele,
Wert, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel begreift!

Preise dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die Groschen
Hinwirft; wahrlich, du wirst Krämern und Kindern ein Gott.

Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen
Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.

Auf das empfindsame Volk hab ich nie was gehalten; es werden,
Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.

Franztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie ehmals
Luthertum es getan, ruhige Bildung zurück.

Wo Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und drüben;
Viele Jahre vergehn, eh sie die Mitte vereint.

»Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!
Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst.«

Willst du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was Rechtes, und halte
Dich genügsam, und nie blicke nach oben hinauf!

Wer ist der edlere Mann in jedem Stande? Der stets sich
Neiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus.

Wißt ihr, wie auch der Kleine was ist? Er mache das Kleine
Recht; der Große begehrt just so das Große zu tun.

Was ist heilig? Das ist’s, was viele Seelen zusammen
Bindet; bänd es auch nur leicht, wie die Binse den Kranz.

Was ist das Heiligste? Das, was heut und ewig die Geister,
Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht.

Wer ist das würdigste Glied des Staats? Ein wackerer Bürger;
Unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff.

Wer ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab es immer gesehen,
Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte zu sein.

Fehlet die Einsicht oben, der gute Wille von unten,
Führt sogleich die Gewalt, oder sie endet den Streit.

Republiken hab ich gesehen, und das ist die beste,
Die dem regierenden Teil Lasten, nicht Vorteil gewährt.

Bald, es kenne nur jeder den eigenen, gönne dem andern
Seinen Vorteil, so ist ewiger Friede gemacht.

Keiner bescheidet sich gern mit dem Teile, der ihm gebühret,
Und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg.

Zweierlei Arten gibt es, die treffende Wahrheit zu sagen:
Öffentlich immer dem Volk, immer dem Fürsten geheim.

Wenn du laut den einzelnen schiltst, er wird sich verstocken,
Wie sich die Menge verstockt, wenn du im ganzen sie lobst.

Du bist König und Ritter und kannst befehlen und streiten:
Aber zu jedem Vertrag rufe den Kanzler herbei.

Klug und tätig und fest, bekannt mit allem, nach oben
Und nach unten gewandt, sei er Minister und bleib’s.

Welchen Hofmann ich ehre? Den klärsten und feinsten! Das andre,
Was er noch sonst besitzt, kommt ihm als Menschen zugut.

Ob du der Klügste seist: daran ist wenig gelegen;
Aber der Biederste sei, so wie bei Rate, zu Haus.

Ob du wachst, das kümmert uns nicht, wofern du nur singest.
Singe, Wächter, dein Lied schlafend, wie mehrere tun.

Diesmal streust du, o Herbst, nur leichte, welkende Blätter;
Gib mir ein andermal schwellende Früchte dafür.

Malte,

sich immer mehr darüber wundernd, daß Sachbeiträge gelöscht werden und Plauderei vorangetrieben wird.

Pfützen
Hallo, Malte,
ist denn eine literarische Plauderei nicht viel befriedigender als die Debatte um einen Haufen, den wir doch besser den Fliegen überlassen sollten?

Pfützen

Pfützen spiegeln das Himmelslicht.
Sie haben ein helles Gesicht.

Meide ihre Mulden!
Tritt nicht in Lachen.
Wenn sie dich dreckig machen,
Ist’s dein Verschulden

Pfützen sind Schicksal für manches Getier,
Sind aber für Kinder Seligkeiten.

Häufig werden sich zwei oder vier
Menschen um Pfützen streiten.
[Joachim Ringelnatz]

Eckard

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Hi Eckard,

ist denn eine literarische Plauderei nicht viel befriedigender
als die Debatte um einen Haufen, den wir doch besser den
Fliegen überlassen sollten?

Das ist zwar richtig, aber überhaupt nicht Gegenstand meiner Gedanken in diesem Fall. Aber das ist eine Sache, die an dieser Stelle vermutlich nicht ausdiskutiert werden kann und soll.

Gruß,

Malte.

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Gottfried Benn

Abwägung
Lieber Malte

Ich denke nicht, dass du hier gänzlich
missverstanden wirst. Auch ich habe schon
Volaire zitiert, der etwas in dem Sinne gesagt
haben soll:
Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, aber ich würde
mein Leben dafür geben, dass Sie diese hier
sagen dürfen.

Beim gelöschten Thema würde ich halt das Umfeld
berücksichtigen. Der Sch****haufen mag irgendwo
seinen Platz haben, aber muss es denn in unserem
Wohnzimmer sein?

Freundlich grüssend
Rolf

Hallo Rolf,

Du hast das PG (=Pflichtgedicht) vergessen :smile:

Der Sch****haufen mag irgendwo seinen Platz haben, aber muss
es denn in unserem Wohnzimmer sein?

Das ist genau der Punkt. Dieses Brett ist weder Dein Wohnzimmer, noch meins noch Fritzens oder sonst „wem ihm seins“. Wie kann es jemand wagen, zu entscheiden, wessen Geschmack gut genug für dieses Brett ist und wessen nicht? Es gelten die Regeln des Teams. Sonst nichts.

Das hiesige Bildungsbürgertum wird es nicht als „literarisch“ anerkennen, aber trotzdem:

„Die Entscheidung liegt bei uns - den Usern.“
(TRON, 1982)

Aber ich habe keine Lust, hier noch mehr als Zicke angesehen zu werden, als ich es vielleicht ohnehin schon tue, außerdem scheint es eine gewisse Erkenntnisresistenz zu geben (damit fühle Dich bitte nicht speziell angesprochen), weshalb ich mich nun darauf beschränken werde, meine eigenen Schlüsse aus diesen Vorgängen zu ziehen und das Brett mit weiteren Wiederholungen verschone. Gegen Wände reden macht nicht wirklich Spaß. Per Mail stehe ich bei Bedarf stets zur Verfügung.

Gruß,

Malte.

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Hallo, Malte,
im Grunde bin ich Deiner Ansicht,

Mein Lieblingsdichter hat sich dazu geäußert:

Denn es gibt Dinge, welche peinlich,
Für jeden Menschen, so er reinlich.
Wir wollen keinen drum verachten,
Jedoch erst wieder ihn betrachten,
Wenn er sich - wie muss man nicht wissen -
Dem Allzumenschlichen entrissen.

Und direkt zum inkriminierten Exkrement:

Ein Mensch erblickt ein Weib von fern
Und säh es aus der Nähe gern.
Er eilt herbei zu diesem Zweck,
doch zwischen beiden liegt ein Dreck.
Der Mensch, ganz Auge anzubeten,
Ist blindlings da hinein getreten.
Nicht angenehm für seine Schuhe,
doch gut für seine Seelenruhe.
[Eugen Roth]

Du siehst, man kann auch über Peinlichkeiten reden, ohne in den Mund zu nehmen, was nicht einmal an den Schuhen angenehm ist. Dass etwas breitgetreten wurde, was schon auf einem Haufen unschön ist, war mein Kritikpunkt.

Unbestritten, dass freie Rede ein wünschenswertes Ideal ist. Und auch ich stehe nicht an, dafür einzutreten. Fritz hat mit seinem Posting oben m.E. sehr klug reagiert. Das Thema behandelt, aber eben nicht in epischer Breite.

Besten Gruß
Eckard

und Geibel

Da wir denn so schön beinander sind

noch eines:

Ich sah den Wald sich färben

Ich sah den Wald sich färben,
die Luft war grau und stumm;
mir war betrübt zum Sterben,
und wußt’ es kaum, warum.

Durchs Feld vom Herbstgestäude
her trieb das dürre Laub;
da dacht’ ich: deine Freude
ward so des Windes Raub.

Dein Lenz, der blütenvolle,
dein reicher Sommer schwand;
an die gefrorne Scholle
bist du nun festgebannt.

Da plötzlich floß ein klares
Getön in Lüften hoch;
ein Wandervogel war es,
der nach dem Süden zog.

Ach, wie der Schlag der Schwingen,
das Lied ins Ohr mir kam,
fühlt’ ich’s wie Trost mir dringen
zum Herzen wundersam.

Es mahnt aus heller Kehle
mich ja der flücht’ge Gast:
Vergiss, o Menschenseele,
nicht, daß du Flügel hast!

Emanuel Geibel

Richtig. Aber auch nördliche Igel haben herbstliche Stacheln.

Deshalb: Storm

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn` Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt

Passt eigentlich besser als goethesches Blabla