Genauso war es
Soweit ich weiß, war die Gegend moorig und bewaldet, z.T. auch gebirgig, es ist mir ein Rätsel, wie man da mit Reiterei irgendwas sinnvolles auf die Beine stellen kann. Habe auch noch nicht gehört, daß germanische Reiterei beim Angriff auf Varus irgendeine Rolle gespielt hätte. Im Gegenteil: Fußtruppen.
Die Germanen waren berühmt als Kämpfer zu Pferde. Bereits Caesar nahm germanische Krieger in Sold, um bei der Eroberung Galliens die gallischen Reiter aufzuwiegen; die Reiterei aus Italikern war schon um 150 v.u.Z. eingeschlafen. Die Reiter der römischen Antike versahen nur Sekundärdienste wie Aufklärung, Marschsicherung und Verfolgung. Gut geordnete Infanterieverbände sprengen, wie es die Kürassiere Friedrichs des Großen konnten, das vermochten sie nicht. Aber für Ungeordnete und Flüchtende waren sie das Verderben: Caesar, Gallischer Krieg, 7. Buch, Kap. 88 S.3: Die Feinde wenden sich zur Flucht. Die Reiter verfolgen die Flüchtenden. Ein furchtbares Blutbad wird angerichtet. - Kurz und präzise.
Varus hatte drei Legionen, drei Alen Reiterei (nicht sechs, war Tippfehler) und sechs Kohorten Auxiliartruppen. Eine Ala (Schwadron) umfaßte rd. 200 Mann. Die Auxiliarkohorten (600 Mann pro Kohorte) bestanden aus Angehörigen unterworfener Völkerschaften und konnten schwerbewaffnete Infanterie sein, waren aber meist Bogenschützen, Schleuderer und Speerwerfer. Summa also rd. 18.000 Legionäre, 600 Reiter, 3.600 Mann Hilfstruppen, davon etliche Leichtbewaffnete.
Gerade der Umstand, daß nur ungeordnete FUßTRUPPEN den römischen Marschzug angreifen, obwohl die Germanen (trotz der Beschaffenheit ihres Landes) so berühmte Reiter waren, besagt, daß die drei Alen den konkret anwesenden germanischen Reitern gewachsen waren - aber nicht ausreichten, um die germanischen Reiter zu werfen und dann die Steinewerfer fortzujagen, was ihre Aufgabe gewesen wäre (Marschsicherung). Hinwiederum müssen auch die Bogner und Schleuderer nach kurzem Gefecht die Germanen abgedrängt haben. Ohne dem wäre die Marschkolonne gar nicht mehr vorwärtsgekommen, vgl. die Niederlage des Crassus bei Carrhae 53 v.u.Z.
Cassius Dio erweckt den Anschein, als sei der Zug des Varus durch völligen Urwald gegangen, aber das glaube ich nicht. Bis auf eine Ausnahme, wo einmal in der Nähe der Lippequellen überwintert wurde, marschierte das römische Heer jeden Herbst an den Rhein zurück (weshalb sich die Germanen auch kaum als endgültige Untertanen Roms fühlen konnten). Dieser Rückmarsch setzt eine leidlich ordentliche Straße voraus. Irgendwelche „Aufstände“ der Germanen in einem fernen Gebiet, die den Varus vom normalen Weg fortgelockt haben, sind m.E. eine Erfindung. Was sollte ein Aufstand, wo gar keine Römer da waren, gegen die man sich empören konnte? Außerdem kamen die Römer in dem Revanchekrieg Anfang 15 u.Z., entlang der Lippe vorgehend, zum Varianischen Schlachtfeld und begruben die Toten. Die 9er Schlacht war nicht irgendwo in der Wildnis.
Jedenfalls denke ich, daß die ungeordneten Angriffe mit Werfen und Schießen den Marsch des Varus allenfalls behindern konnten. Entscheidend ist die Schlußkatastrophe am dritten Marsch- und Gefechtstage. Die Quellen lassen übrigens offen, ob Varus nach dem Verlassen des Sommerlagers erst einige Tage unbehelligt marschiert ist. Deswegen kann die Phantasie über den Ort des Gefechts tüchtig ins Kraut schießen. Geht man aber vom Ausmarsch aus dem Sommerlager an der Weser (oder „in Richtung auf die Weser“, wie man Dio Cassius auch lesen kann) am Tage X morgens und von der Schlußkatastrophe am Tage x+2 nachmittags aus, dann beschränkt sich das Terrain der Schlacht auf die Gegend zwischen Minden und der Dörenschlucht im Osning.