Sind diese Vermutungen möglich?

Verweis 1:

/t/roemische-militaerlogistik/611399

Was für Kalkriese spricht:

Bis zu den Funden von Kalkriese war man allein auf die wenigen, meist tendenziell gefärbten Berichte der antiken Autoren angewiesen. Velleius, der Zeitgenosse, sagt nichts über den Ort der Schlacht. Aber Tacitus berichtet zum Jahre 15 n. Chr. also 6 Jahre nach der Schlacht, daß der Sohn des Drusus, Germanicus, den Ort aufgesucht und die Leichen bestattet habe: Der Text (Annales 1, 60) lautet folgendermaßen:

„Germanicus schickte Caecina mit 40 Kohorten durch das Gebiet der Brukterer an die Ems, während die Reiterei unter dem befehl des Pedo durch das Gebiet der Friesen zog. Er selbst fuhr mit vier Legionen, die er suf Schiffe verladen hatte, über die Seen. Fußvolk, Reiterei und Flotte trafen gleichzeit an der Ems ein. Die Brukterer schlug Stertinius, den Germanicus mit einer leichte Abteilung abgeschickt hatte. Während des Mordens und Plünderns fand er den Adler der 19. Legion, der unter Varus verlorengegangen war. Dann führte er sein Heer weiter bis zu den äußersten Brukterer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe, nicht weit vom Teutoburger Wald, in dem, wie es hieß, die Überreste des Varus und seiner Legionen unbegraben lagen, wurde verwüstet.“ (Übersetzung nach W. Sontheimer, Tacitus, Annalen I-IV, Stuttgart 1964, 66f.)

An dem Text lassen sich kurz die Probleme zeigen, die mit der Lokalisierung nicht nur dieses Zuges des Germanicus, sondern eben auch der Bestimmung des Ortes der Varus-Schlachtverbunden sind:

  1. Von wo brach Caecina mit dem Fußvolk auf? Wahrscheinlich von Xanten.

  2. Wie marschierte er? Wahrscheinlich die Lippe aufwärts, dann nach Norden.

  3. Auf welcher Linie zog Pedo mit der Reiterei durch das Gebiet der Friesen? Direkt an der Küste entlang oder weiter im Landesinnern?

  4. Wie weit war die Ems schiffbar? Wo trafen die Heeresabteilungen an der Ems zusammen? Südlicher in der Gegend von Rheine oder weiter nördlicher?

  5. Wie zog das verbündete Heer weiter? Doch wohl schwerlich nach Süden Richtung Paderborn, sondern, weil man zu den Cheruskern wollte, eher zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge oder am Nordrand des Wiehengebirges.

  6. Wie weit von einer der möglichen Routen lag das Schlachtfeld ab? Tacitus sagt „nicht weit" (haud procul). Nun behaupten einige Philologen, damit könnten höchstens 6 - 8 km gemeint sein. Aber im folgenden Kapitel schildert Tacitus, welche Pionierarbeiten nötig waren, um von der Marschroute aus an den Ort der Schlacht zu kommen. Er schreibt: „Caecina wurde vorausgeschickt, um die entlegenen Waldgebiete zu durchforschen und über das sumpfige Gelände und den trügerischen Moorboden Brücken und Dämme zu führen" (Übersetzung nach W. Sontheimer). Das klingt nicht so, als hätte man nur eine Strecke von 6-8 km zu bewältigen. Aber eines ist deutlich: Das ganze Geschehen kann sich durchaus in der Nähe des Fundortes Kalkriese abgespielt haben, sowohl die Varusschlacht selbst wie auch der Zug des Germanicus. Nehmen wir an, Germanicus zog zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge nach Osten. Er kommt in die Gegend von Osnabrück. Er erfährt: Nicht weit ist der Ort der Varus-Schlacht. Er läßt den Weg Richtung Kalkriese von Pioniereinheiten erkunden und gangbar machen und findet den Ort der Schlacht. So könnte es gewesen sein. Das heißt aber: Der Text des Tacitus bestätigt nicht ausdrücklich die archäologische Entdeckung, aber er widerspricht ihr auch nicht, und damit ist die Beweislast wieder bei der Archäologie. Und die hat v.a. zwei Trümpfe:

  7. Die Funde am Fuß des Kalkrieser Berges in Gestalt von Waffen- und Rüstungsteilen sowie anderen für eine Truppe wichtigen Gegenständen und v.a. zahlreiche Münzen weisen auf eine militärische Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen hin, die sich über eine längere Strecke hingezogen hat und die für die Römer mit erheblichen Verlusten verbunden gewesen sein muß. Davon spricht auch Cassius Dio, der von mehrtägigen Kämpfen während des Zuges des Varus berichtet (56, 21).

  8. Die dort gefundenen Münzen reichen nicht über das Jahr 9 n. Chr. hinaus und eben das ist das Jahr der Schlacht.