Atman, Anatman
Moin Thomas
danke für den Hinweis, das war mir noch gar nicht aufgefallen.
Ausgegangen war ich von der engl. Fassung, weil ich eben genau
danach gefragt wurde (der Frager geht davon aus, dass diese
Übersetzung durch den Dalai Lama authorisiert wurde). Das
deutsche Pendant hatte ich mir zu Klärungszwecken per
Fernleihe besorgt.
Schon klar, beide Übersetzungen können ja durchaus gut sein.
Nein, das hinduistische System von Brahman und Atman ist eine
ganz andere Kiste 
Das wundert mich. Ich war bisher immer davon ausgegangen, dass
zumindest eine gewisse Analogie besteht. Jedenfalls scheint
mir das auch der Blick in die eher ontologischen Bücher des
Santideva zu bestätigen (der Frager bezog sich wie gesagt in
der Hauptsache auf das 9. Buch). Kann man das irgendwo
irgendwie festmachen, dass hier etwas ganz anderes gemeint
ist?
Ja klar. Die hinduistische Philosophie geht davon aus, dass „Atman“ eine Art Bestandteil des Menschen ist. „Atman“ bedeutet „Selbst“ oder „eigen“, also etwas unveränderliches, dass dem Menschen zu eigen ist. Atman ist ein Teil von Brahman (der gestaltlosen, letztgültigen Wahrheit), wie ein Tropfen, der ins Meer zurückfließt.
Buddha hat die Vorstellung von Atman jedoch negiert und statt dessen den Begriff Anatman (Nicht-Selbst) verwendet.
Stark vereinfacht kann man sagen, dass im Hinduismus Atman/Brahman für das Nicht Bedingte steht, im Buddhismus ist das Nicht-Bedingte jedoch leer/Leerheit.
Samurti ist „bedingt“ und unterscheidet sich eben dadurch von
paramartha, was „nicht bedingt ist“.
Nun scheint ja das, was S. „Erleuchtung“ nennt,
daraufhinauszulaufen, dass eine Herausführung aus dem Samurti
durch irgendetwas möglich ist. Der westliche (philosophisch
denkende) Mensch würde nun denken, dass durch die
Formulierung, dass die Herausführung eben durch etwas
möglich ist, die Kausalität als Konstante hinübergerettet
werden müsse - und das zwangsweise, eben weil (!) die
Bedingtheit keine ontologische (also das Sein betreffende),
sondern eine erkenntnistheoretische (die Erkenntnis von
Seiendem betreffende) Kategorie ist.
Du vergisst dabei, dass der Buddhismus im Grunde gar keine das Sein betreffende Aussagen macht, weil der Buddhismus nicht davon ausgeht, dass es sowas sie ein „Sein“ überhaupt gibt. In sofern sind alle buddhistischen Aussagen erkenntnistheoretisch. Das Sanskritwort „budh“ bedeutet ja nichts anderes als „erkennen“. Ein Buddha ist also jemand, der etwas erkannt hat. So wie du es oben beschreibst, müsste es ja etwas geben, was herausgeführt würde. Grade das bestreitet ja der Buddhimus. Wenn du dich nicht (zumindest vorübergehend zu diesem Zweck) von der Vorstellung eines „Selbst“ löst, wirst du Schwierigkeiten haben, die buddhistische Philosophie zu verstehen.
Aus dieser Sicht wäre es genau umgekehrt. Es bestünde kein
Dilemma, dass man im Bedingten eigentlich keine klaren,beständigen Aussagen
treffen kann, alles ist eine Frage des Standpunkts/Zeitpunkts etc.
sondern es wäre sozusagen die einzig mögliche Klarheit
überhaupt die des „Samurti“ (und genau das ist der Grund (!)
dafür, weshalb wir uns hier zurecht finden).
Ja, das schieb ich ja weiter oben: Dass diese unsere bedingte Erkenntnis im Grunde die einzig Aussage über die Dinge (Samurti) ist, die wir treffen können. Nur dafür muss man kein Philosoph sein sondern lediglich in einer Gemeinschaft leben, die sich darauf geeinigt hat, dass es Blau als Unterscheidung zu anderen Farben gibt und Blau auch Blau heisst.
Farbe Blau ist z.B. nur deshalb „blau“ weil es auch andere
Farben gibt.
Das wäre sozusagen ein Weg der Sicht von der Negation her
(Schelling?). Ich meine das in dem Sinne, dass man das
Bestehende als Bestehendes aus der Sicht des nicht als dieses
Bestehende Bestehendes ansieht. M. a. W. das Seiende
erschließt sich aus seinen Grenzen?
DAs war mir schon klar, dass du das so meintest, nur was soll dieses „nicht als dieses Bestehende Bestehende“ sein ? Außer dem Geflecht der Bedingtheit, die im Buddhismus das Samurti Bildet, gibt es nur die Leehrheit. Leehrzeit kann man jedoch kaum als „Standpunkt“ oder „Blickwinkel“ ansehen.
Die bedingte Erkenntnis, die wir hinsichtlich unserer Welt erlangen, erschließt sich ausschließlich aus Bedingungen. Gäbe es keine anderen Farben, gäbe es kein Blau. Nur im Vergleich mit z.B. Rot, Gelb und Grün gibt es Blau. Blau bezeichnet also solches also Nicht-Gelb, Nicht-Rot, Nicht-Grün etc. Allerdings ist es auch nicht leer im Sinne des Buddhismus, sondern wiederum bedingt. Zum Beispiel wenn du unterschiedliche Blautöne nebeneinander hast, kannst du durch das Wort „Blau“ keine differenzierende Ausage mehr treffen. Da gibt es dann plötzlich hellblau, dunkelblau etc. So bedingt sich die Bezeichnung hellblau durch dunkelblau usw. So sind auch alle Aussagen, die wir über unser „Selbst“ machen, nach Auffassung des Buddhismus nichts anderes, als Erkenntnisse im Rahmen dieser Bedingtheit und in sofern auch ok, solangen man sich darüber im Klaren ist.
Die Beiden Bereiche „bedingt“ und „nicht-bedingt“ gehören
zumindest nach Yogacara also definitiv zusammen, während
Madhyamika eher das „bedingt“ überwinden will, um zum
„nicht-bedingt“ zu kommen.
Wärest du so nett, diesen Unterschied noch genauer zu
erläutern? Denn es leuchtet mir nicht ganz ein, was denn nun
hier ontologisch und was erkenntnistheoretisch gemeint ist.
Gegenfrage: was ist für dich der Unterschied zwischen Philosophie und Psychologie ?
Hast du eine Vorstellung davon, wer diesen Dialog
führt, also welche Position Santideva vertritt ?
Ich war auch hier bisher davon ausgegangen, das Santideva die
Meisterrolle innehat, der Frager logischerweise ein
(fingierter) Schüler sein müsse.
Ich hatte im Netz irgendwo den Hinweis gefunden, dass es hier um einen fingierten Dialog zwischen Yogacara und Madhyamika geht und S. die Position des Madhyamika vertritt. Nun hab ich den Text aber leider „noch“ nicht vorliegen. Könntest du das u.U. bestätigen ?
hm…weiss nicht…ich hätte jetzt gedacht, dass das
Bodhisattva-Ideal einem Ego-Westler eher fremd ist 
Ich kann mir nur denken, was du mit „Ego-Westler“ meinst,
Ich meine damit z.B. jemanden, der davon ausgeht, dass er ein Ego, ein Selbst hat und sein Handeln ensprechend ausrichtet 
aber
ich denke auf der anderen Seite, dass das nur eine
verabsolutierte Existenzform ist, die es auf der anderen Seite
im „vergeistigten Ostler“ (oder „Spinner-Ostler“) genauso
gibt. Mein Anliegen ist ja gerade die Überbrückung! Dass das
nur auf der Grundlage eines Standpunktes geschehen kann, ist
bloß selbstverständlich. Jedenfalls denke ich, dass man auch
als normaler „Westler“ (also als durchaus „nicht-ignoranter“)
an gewissen Gedankengängen des Ostens nicht vorbeigehen kann,
ohne von ihnen berührt zu werden.
Also so wie du es beschreibst sollte man meinen, die „Ostler“ haben eine Art zusätzliche Gehirnwindung oder irgendwas Wesentliches, was sie vom „Westler“ unterscheidet *g*. Mittlerweile gibt es aber auch hervorragende buddhistische Lehrer aus dem „westlichen“ Kulturkreis und jede Menge „Ostler“ auf dem Ego-Trip
Die Unterscheidung zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten wäre mir also eigentlich lieber, wenn es dir nichts ausmacht 
Gruss
Marion