Hallo Wolfgang,
ich persönlich habe bekanntlich keine eigenen Kinder, dafür jedoch Nichten und Neffen sowie - wenn auch ehemalige - Stiefkinder, wenn man es denn unbedingt so ausdrücken muß… Trotzdem platzt mir der Kragen, wenn ich diese *Streublümchen* lese, zumal Du mir mit Deinen wehmütigen Rohrstock-Erinnerungen schon seit langem ein Dorn im Auge bist. Ein Rohrstock hat heutzutage nur in der SM- bzw. in der Spanking-Szene eine Daseinsberechtigung; nicht in der Kindererziehung.
Abgrenzung
Es ist verwerflich, ein Kind brutal zu schlagen, zu häufig zu
schlagen, aus eigener Schlechtigkeit heraus zu schlagen usw.
Es ist grundsätzlich verwerflich, ein Kind zu schlagen, ganz gleich, welche Motivation dahinter steht. Und weißt Du warum? Weil das Kräfteverhältnis von vorn herein mehr als ungerecht verteilt ist. Ein Kind kann sich kräftemäßig mit keinem Erwachsenen messen. Jeder, wirklich jeder, der ein Kind schlägt, ist in meinen Augen schlecht. Haust Du einem Erwachsenen eine runter, zeigt er Dich womöglich wegen Körperverletzung - mindestens aber wegen Beleidigung – an, weil so etwas unter Erwachsenen ein Straftatbestand ist. Was für Möglichkeiten hat ein Kind???
Partnerschaftliche Erziehung
Wenn sonst nichts ist, schadet die partnerschaftliche
Erziehung dem Kinde nicht direkt, denn Autorität tritt ihm in
gestalt von Kindergarten und Schule für seine Entwicklung
zumeist rechtzeitig entgegen.
Was soll das denn??? Meines Erachtens ist es die einzig realisierbare Erziehungsform. Autorität lernt das Kind üblicherweise schon zu Hause kennen, weil ihm schon dort Grenzen gesetzt werden. Grenzen sind auch OK.
Der partnerschaftliche Erzieher
sieht sein Kind als Verhandlungspartner. Je nach Veranlagung
der Kinder muß bis zum Schuleintritt eine gewisse Vereinsamung
der Familie gerechnet werden, denn außer den Eltern werden
partnerschaftlich erzogene Vorschulkinder von Erwachsenen
nicht sehr geschätzt.
An dieser Stelle darf ich mal herzhaft lachen. Du willst doch ein Geplänkel à la ‚Du isst jetzt Deine Karotten! Nein, die will ich aber nicht!!!’ nicht wirklich ernsthaft als Verhandlung bezeichnen. Meine Mom (yepp, ich gehöre auch zu den partnerschaftlich erzogenen Menschen) hat es so gehandhabt: sie hat mich zwar im tiefsten Winter – auch auf die Gefahr hin, dass ich eine fette Erkältung kriege - ohne Strümpfe in den Kindergarten gehen lassen, sie hat mich allerdings ohne jegliche Diskussion und trotz heftigen Gestrampels vom Balkongeländer gezerrt, wenn ich wieder einmal meinen Gleichgewichtssinn austesten wollte (wir wohnten im 4. Stock, Altbau). Ach ja: meine Family war keinesfalls vereinsamt – im Gegenteil!
Das ist ein Opfer, welches die Eltern
der herrschenden Ideologie leisten. Der Hauptnachteil dieser
Erziehungsform, nämlich die Erziehung zu sittlich-moralischer
Beliebigkeit, wird von manchen Leuten als Vorteil gesehen.
Was Du damit sagen willst, leuchtet mir nicht gänzlich ein.
Schlagen im Affekt
Eltern sind auch nur Menschen, und Kleinkinder können einem
dermaßen urplötzlich dermaßen wehtun, daß mancher zuschlägt,
bevor er nachdenken kann. Eigentlich darf man zu einem Baby
nur immer lieber sein und nichts anderes. Doch so groß die
Reue nachher auch sein mag, das Kind vergißt das auch wieder.
Wird das Kind jedoch dabei verletzt, oder geschieht das öfter
als alle paar Jahre, dann sollte man sich fragen, ob mit einem
selbst alles in Ordnung ist.
Niemand, ich wiederhole: niemand hat das Recht, ein Kind zu schlagen! Nicht einmal im Affekt. Meine Stiefzwillinge waren damals mitten in der wunderhübschesten Trotzphase und wurden zudem von ihrer Mutter aufgehetzt. Mein Ex hielt sich aus der Erziehung völlig raus, sprich, es blieb an mir hängen. Manchmal hätte ich die beiden am liebsten in der Luft zerrissen, trotzdem habe ich sie niemals geschlagen. Tief durchatmen, sich kurz umdrehen oder das Zimmer verlassen und bis 13 zählen funktioniert immer.
Der Klaps
Etwa ab dem dritten Lebensjahr muß das Kind etliche absolut
gültige Regeln lernen. Z.B.: Man darf nicht mit Essen werfen.
Man muß auf der Straße stehenbleiben, wenn Mama oder Papa
„Halt!“ ruft. Man darf die Wände nicht beschmieren, auch
nicht, wenn man zu besuch ist. Man darf in einer Menschenmenge
nicht weglaufen.
Das ist unbestritten, aber Du wirst es einem Kind nicht einprügeln können. Die Grenzen kann man einem Dreijährigen auch ohne Schläge vermitteln. Wenn ich den Kids gesagt habe, dass jetzt Schluss ist, dann war auch Schluss, sonst hätte es Konsequenzen gegeben (z. B. kein Fernsehen heute abend). Am nächsten Morgen gab es eine kleine Unterhaltung mit dem betreffenden Hosenscheißer und gut war es. Genauso wurde es als ich noch klein war gehandhabt.
Hier hat sich der Klaps als Eindeutigkeit
herstellendes Erziehungsmittel bewährt.
Ach tatsächlich? Auch ein vermeintlicher ‚Klaps’ im Affekt?
Ein Klaps ist ein aus dem Handgelenk heraus erfolgender Schlag
mit den drei mittleren Fingerkuppen auf die behaarte
Kopfschwarte. Der Klaps braucht nicht so stark ausgeführt
werden, daß er Schmerzen verursacht. Er ist alleine schon
durch das unangenehme Geräusch, daß er im Kopf verursacht, ein
eindrucksvolles Ereignis und ein eindeutiges,
unmißverständliches Zeichen.
Schläge ins Gesicht und an den Kopf gehören für mich eindeutig zu Kindesmisshandlungen, zumal ich während meiner Zeit als Krankenschwester mehr Kinder, bei denen es hieß ‚es war nur ein Klaps’ gesehen habe, als mir lieb ist. Der von einem Erwachsenen subjektiv empfundene Klaps auf den Hinterkopf kann bei einem kleinen Kind zu schweren Verletzungen führen, z. B. von Fontanellen-Rissen bis zu Hirnprellungen.
Manche Eltern schimpfen lieber, sie schimpfen erst ein
bißchen, dann etwas stärker, schließlich noch stärker usw.
Dann fangen sie an, kritische Fragen nur noch mit
Schimpfstimme zustellen usw. Das hat den Nachteil, daß es
wegen des Fehlens einer eindeutigen Grenze zum Ausufern neigt.
Ich kenne drei Familien, bei denen die Kinder praktisch nur
noch angeschrien werden.
So etwas tun nur Eltern, die überfordert sind. Diese Eltern sollten sich dann bitte schön fragen, ob nicht sie etwas falsch gemacht haben. Nein, falsch: sie sollten sich fragen, ob sie vielleicht etwas versäumt haben; nämlich rechtzeitig klare Grenzen zu ziehen.
Der Klaps ist hingegen eine eindeutige Zäsur. Er ist
insbesondere dann fällig, wenn nach dem bereits in scharfem
Ton gegebenen Befehl „Hör auf!“ das schimpfliche Tun
fortgesetzt wird. Solche Klapse haben meine Kinder bis ins
mittlere Grundschulalter insgesamt so 5 bis 10 erhalten.
Wer mit Termini wie ‚das schimpfliche Tun’ operiert… Liegt bei Dir unter dem Kopfkissen stets ein Exemplar eines Spanking-Magazins?
Irgendwann zwischen dem 6. und dem 12. Lebensjahr sollte das
Kind soweit vernünftig geworden sein, daß es Erläuterungen,
Standpauken, Verhandlungen usw. mit Gewinn bewältigen kann.
Jaja… Ist ja schon gut… Du vergisst dabei allerdings eines: so unterschiedlich die Familien sind, so unterschiedlich sind auch die Kinder. Und bei einem Trotzkopf nützen weder Standpauken noch Haue.
Manche Kinder haben in ihrem Charakter zuwenig Disziplin, das
heißt, sie handeln oft aus Vergeßlichkeit, Schlendrian usw.
gegen eigene, bessere Einsicht und schaden sich dadurch
selber.
Falsch! Ich selbst war in der Schule der Schlendrian persönlich (mag sein, dass es an der Unterforderung lag;, trotz sämtlicher Bemühungen meiner Mom durfte ich keine Klasse überspringen) obwohl ich auf anderen Gebieten geradezu perfektionistisch und mega-diszipliniert war (ich habe eine klassische Ballett- und Klavier-Ausbildung).
Leider ist es den Eltern verboten, hier unterstützend
zu wirken unter Einsatz eines länglichen Gerätes,
Und das ist auch gut so! Bezugsquellen könnte ich Dir zwar haufenweise nennen, tue es allerdings nicht, weil so etwas nicht in die Hände eines Vaters gehört.
Gruß
Tessa
[MOD] Artikel leicht „entschärft“ (c: