viel zu lang, aber hoffentlich klärend
Hallo,
Okay, soviel ist klar. Ich verstehe aber immer noch nicht „die
Botschaft“.
die besteht darin, dass man durchaus wissen kann, was falsch ist, ohne dass man gleichzeitig wissen muss, was richtig ist. Und es ist besser, das Falsche anzugeben und zuzugeben, dass man die richtige Interpretation nicht unbedingt kennt, als eine möglicherweise falsche Interpretation (für deren Falschheit man gute Gründe anführen kann) zu vertreten.
Falsch ist es, Nietzsche als Manifest zu verstehen, dem man einfach so folgen kann, ohne sich der Schwierigkeiten, die gerade im Zarathustra Legion sind, bewusst zu sein. Ich habe dich so verstanden, dass du die Figur Zarathustra wie eine Art zweiten Konfuzius verstehen möchtest, der im Prinzip immer Recht hat, weil er den Rationalisten eins überzieht. Diese Interpretation greift für eine Nietzscheinterpretation einfach zu kurz, nimmt den Zarathustra sehr naiv und vergisst, dass Nietzsche - auch gerade im Zarathustra - ein Ironiker war, der durchaus auch einmal die Wertungen mischte, um den Leser wachzuhalten. Außerdem ist Nietzsche ja gerade dadurch interessant, dass er eben nicht wie die heutige Esoterik die Rationalität einfach weglässt, transzendiert und trotzdem bekämpft, sondern eben dadurch dass er mit der Rationalität gegen sie kämpft. Das macht seine eigentliche Schärfe aus, aber das wird eben leider oft ausgespart, weil man sich nicht die Mühe macht, Nietzsche im Zusammenhang zu lesen, sondern ihn punktuell liest.
Dadurch hat man zwar immer noch nicht die Gewissheit, dass man weiß, was er meinte, aber man kann ziemlich deutlich zeigen, was er eben nicht gemeint hat - aber genau dies wird eben leider immer wieder schnell und gerne vertreten, weil Nietzsche es dem Leser ja (vermeintlich!) so leicht macht. Und weil er das so macht, gehört er nur oberflächlich betrachtet zu den leichten Philosophen, im Grunde genommen aber gehört er zu den am schwersten zu lesenden, weil er nämlich des öfteren (und wiederum gerade im Zarathustra) die Perspektive ändert, unter der er den Text verstanden wissen möchte.
Herzliche Grüße
Thomas Miller