Ich bin auf der Suche nach meiner nächsten Nachtlektüre. Aber die Buchläden sind nicht nach den Attributen sortiert, die mir vorschweben. Deswegen möchte ich einmal diese Möglichkeit versuchen, ein neues Buch kennenzulernen.
Prosa (Egal welcher Form. Geschichten, Erzählungen, Romane. Lieber unter als über 300 Seiten)
Melancholisch (ohne Kitsch und Platitüden - kein Schicksalsroman)
Schöne Sprache (ich mag Kafka, Hemingway, Dostojewski. Älteres lieber als Neues)
Ein Thema, das mich gerade sehr interessiert ist die Flucht vor der Welt, Eskapismus. Ich freue mich aber auch über Empfehlungen, die damit nichts zu tun haben.
Wenn ihr also eine Idee habt, was mir gefallen könnte…
Mein Vorschlag: „Thanatos“ von Helmut Krausser
(An alle, die sich an meine Frage nach einem heiteren Gegengewicht
erinnern: Ich konnte das Buch dann doch ohne lesen, der Sonne
Italiens sei Dank.)
Prosa (Egal welcher Form. Geschichten, Erzählungen, Romane.
Lieber unter als über 300 Seiten)
Roman mit einigen modernen Elementen, also nicht nur eine lineare
Geschichte, sondern immer wieder Abschnitte, die schwer einzuordnen
sind.
Melancholisch (ohne Kitsch und Platitüden - kein
Schicksalsroman)
Ja, eher schon depressiv. Ziemlich duester insgesamt.
Schöne Sprache (ich mag Kafka, Hemingway, Dostojewski.
Älteres lieber als Neues)
Die Sprache ist wunderbar. Immer wieder ueberraschende
Wortkombinationen, sehr originell und bildhaft, besonders bei der
Beschreibung psychischer Zustaende des Protagonisten.
Ein Thema, das mich gerade sehr interessiert ist die Flucht
vor der Welt, Eskapismus.
Der Eskapismus-Roman schlechthin, koennte man sagen. Ein Mann Anfang
dreissig verkriecht sich bei seinen ungeliebten Verwandten in ein
bayrisches Dorf, um den Problemen zu entkommen, die ihn in Berlin
erdruecken. Immer wieder Fantasien, wie schoen alles sein koennte,
wenn die Dinge anders waeren.
Dieses Buch ist nichts fuer schwache Gemueter. Die Sprache ist oft
obszoen und Gewaltfantasien sind recht detailliert. Kennst du
„Ausweitung der Kampfzone“ von Hollebeque (oder wie der sich
schreibt)? Das Genre ist dasselbe, aber „Ausweitung…“ ist eine
Gute-Nacht-Geschichte im Vergleich zu „Thanatos“.
p.s.
Hab mir gerade die Amazon-Rezensionen angesehen. Was die
Profi-Kritikerin schreibt, ist meiner Meinung nach die uebliche
Onanie,
fuer die diese Leute bezahlt werden. Das brauchst du dir gar nicht
durchzulesen.
Eine gute Rezension ist die zweite von oben „Psycho-Krimi zwischen
Romantik und Expressionismus“.
Hi,
ich würde Dir Connie Palmen empfehlen, „I.M. Ischa Meijer. In Margine. In Memoriam.“.
Amazon-Link: http://www.amazon.de/I-M-Ischa-Meijer-Margine-Memori…
Darin beschreibt sie zunächst ihre Liebesgeschichte mit eben Ischa Meijer, der dann überraschend an einem Herzinfarkt stirbt.
Jetzt bin ich bei solchen Geschichten eh sehr empfänglich, aber ich glaube auch sonst kann man ihre Beschreibung der Trauerarbeit durchaus als eben taurig beschreiben.
Klug ist die Frau zudem, sie schreibt auch schön
Lg,
Norah
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Hallo pedter,
als Nachtlektüre kann ich die Bücher von Alessandro Baricco empfehlen, wegen der gewünschten Kürze vor allem
„Seide“ - ungewöhnliche, berührende Liebesgeschichte, 132 Seiten
„Novecento“ - Die Legende vom Ozeanpianisten, Findelkind wird im Jahr 1900 auf einem Ozeandampfer geboren, von einem Maschinisten großgezogen und verläßt das Schiff nie mehr, 80 Seiten (wurde auch sehr schön verfilmt)
„Ohne Blut“, es geht um Mord und Vergeltung und die Rettung eines kleinen Mädchens im Zusammenhang mit dem Faschismus in Italien, 70 Seiten
„Oceano Mare“, „Land aus Glas“, „City“ würde ich Dir auch gern ans Herz legen, die sind aber etwas umfangreicher.
Daneben empfehle ich immer gern die Bücher von Italo Calvino, z.B. „Der Baron auf den Bäumen“, „Die unsichtbaren Städte“, seinen Erstling „Wo Spinnen ihre Nester bauen“, die Erzählungen…
Und falls Du diese noch nicht kennst:
„Die Glut“ von Sandor Marai, 219 S.
„Der Gefühlsmensch“ von Javier Marías, 174 S.
Traurig und älteren Datums? Wäre Shoa-Literatur auch etwas für dich?
Schau dir mal das hier an: http://www.amazon.de/Roman-eines-Schicksallosen-Imre…
Das ist von Imre Kerzesz, „Roman eines Schicksalslosen“. Hat mir sehr gut gefallen, und traurig ist es auch. Es ist halt nur nicht erfunden. Und mit Eskapismus hat es auch nichts zu tun. Vielleicht ist es trotzdem was für dich.
Im Internet findet sich recht wenig zu diesem Buch (was es allerdings noch interessanter macht). Deswegen, bevor ich voreilig bestelle, zwei Fragen:
Um was gehts in etwa?
Ich habe eine Sammlung von Zitaten aus Travens Romanen gefunden. Steht die Sozialkritik auch im Mittelpunkt dieses Buches? Ich kann nämlich Geschichten, deren Handlung nicht mehr ist als die Bühne einer politischen oder philosophischen Aussage, nicht besonders leiden. Ist das hier der Fall?
Calvino les ich auch sehr gerne. Das macht deine anderen Empfehlungen für mich noch interessanter. Ich fang mit „Novecento“ und „Die Glut“ an. Dankeschön.
Hallo pedter,
das freut mich, und Du wirst sie beide mögen. „Die Glut“ war vor wenigen Jahren für kurze Zeit sowas wie ein Bestseller, als nämlich Sandor Marai wiederentdeckt wurde.
Mir fiel noch ein von Henning Mankell (diesmal kein Krimi) „Der Chronist der Winde“, die Geschichte eines afrikanischen Straßenjungen, der angeschossen wurde und im Sterben auf einem Dach liegend seine kurze, aber unglaubliche Lebensgeschichte dem Freund erzählt. Nicht unbedingt zur Nachtlektüre geeignet, also Vorsicht, wenn Du sehr sensibel bist!
Ich habe eine Sammlung von Zitaten aus Travens Romanen
gefunden. Steht die Sozialkritik auch im Mittelpunkt dieses
Buches? Ich kann nämlich Geschichten, deren Handlung nicht
mehr ist als die Bühne einer politischen oder philosophischen
Aussage, nicht besonders leiden. Ist das hier der Fall?
Hallo,
B. Traven ist ein Geheimnis. Mein ganz persönlicher Tip: Vergiss das ganze pseudointerpretatorischintellektuellsozialkritischpolitphilosophische Geschwafel. Lies einfach nur seine Bücher. Sie sind toll.
Grüße, Peter
Im Internet findet sich recht wenig zu diesem Buch (was es
allerdings noch interessanter macht). Deswegen, bevor ich
voreilig bestelle, zwei Fragen:
Um was gehts in etwa?
Ich schreib mal vom Buchumschlag ab:
„Den „Müttern jedes Volkes, jedes Landes, jeder Sprache, jeder Rasse, jeder Farbe, jeder Kreatur, die lebt“, widmete B. Traven dieses erschütternde Epos der Mutterliebe.
An einem tropischen Fluß haben sich Indios zum nächtlichen Tanz versammelt. Da gellt ein Schrei durch die Nacht: Eine Mutter vermißt ihren kleinen Sohn.“
Ich habe eine Sammlung von Zitaten aus Travens Romanen
gefunden. Steht die Sozialkritik auch im Mittelpunkt dieses
Buches? Ich kann nämlich Geschichten, deren Handlung nicht
mehr ist als die Bühne einer politischen oder philosophischen
Aussage, nicht besonders leiden. Ist das hier der Fall?
Im Mittelpunkt steht die Angst und Sorge der Mutter. Unübersehbar bleibt freilich die Armut, in der die Indios lebten. Die Hauptaussage war für mich der Zusammenhalt der Gemeinde, die selbstverständliche Hilfsbereitschaft.
Hallo, Pedter,
bis Du ein entsprechendes richtig langes Buch gefunden hast kannst Du vielleicht http://www.aliaflanko.de/bogisf/mixsf/algernon.htm mal lesen.
Ich brauche - obwohl ich die Geschichte seit Jahren kenne und immer mal wieder gelesen habe - immer noch ein Päckchen Tempo in Reichweite.
Grüße
Eckard
die Geschichte einer geheimnisvollen Jugendliebe in der französischen Bretagne um die (vorvergangene) Jahrhundertwende. Peter Suhrkamp bekannte, er habe sie zwischen 1930 und 1943 jährlich einmal gelesen, und dann nach zehn Jahren wieder mit der gleichen Verzauberung. In einem Forum schrieb vor Jahren jemand (nicht ich) zu dem Buch: „sehr atmosphärische geschichte, märchenhaft, romantisch, dabei trotzdem nicht kitschig, wie es scheinbar nur die franzosen hinkriegen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen!
Volle Unterstützung, Eckard! Ausgeschlossen, dieses Buch ohne Taschentuch in der Hand zu beenden!
Dein Link bezieht sich im Quell-Hinweis auf die gleichnamige Short-Story. Keyes hat sie bekanntlich zu einem Roman ausgebaut, und dieser ist zu empfehlen! Wie ich sehe, ist das Buch, nachdem es lange Zeit nur antiquarisch erhältlich war, in diesem Jahr neu herausgegeben worden (wohl auch in neuer Übersetzung):
eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist „der englische Patient“ (Michael Ondaatje).
Habe den Film zwei mal angefangen und nie zu Ende geschaut, das Buch dagegen in einem Rutsch durchgelesen. Es ist melancholisch und sehr, sehr schön geschrieben, auf eine Art und in Bildern die sich eben nicht verfilmen lassen.
grüße von kati
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