Sedierte Studentenschaft

Hi Branden,

Sind die so „sediert“, wie Du sagst, weil man nix mehr aktiv beruflich :großes machen kann? Weil die großen Perspektiven fehlen?

Auch…

Aber haben andere Generationen nicht gerade besonders aktiv :gegengesteuert, wenn das Land darnieder lag?

Das behaupten diese Generationen -insbesondere meine Elterngeneration- gerne von sich. Insbesondere die 68’er verbinden ihre doch eher ernüchternden Errungenschaften mit einer Art Heldenepos. Es waren aber keine Helden. Tatsächlich haben sie lediglich jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt, sich selbstverwirklicht bis zum Gehtnichtmehr und ihre Erwartungshaltung and Kinder und Jugendliche in die Höhe schießen lassen. Die Schulden dürfen die wenigen Kinder tragen. Dass solche Kinder, Jugendliche und letztlich auch Studenten keinen Bock haben da mitzuspielen ist ja nicht verblüffend. Nimm’s aber nicht persönlich. Ich spreche einen soziologischen Gesichtspunkt an.

Viele Grüsse,

Hilmar

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Hallo Tom,
vielleicht liegts einfach am Thema, daß es keinen interessiert, ja sogar stillschweigend zustimmend gehofft wird, daß sich durch die getroffen Maßnahmen etwas ändert.

Ich wette wenn du fragst wer Lust hätte sich für ein anderes Professorensystem, eine andere Uni-Finanzierung, eine größere Verbindung zur Industrie, usw. zu engagieren, und das auch noch Aussicht auf Erfolg hätte, dann wärst du bestimmt überrascht.

Ich denke die Studenten heute sind effizienter und stürzen nicht jeder energiezehrenden Polemik-Ideologie hinterher und schon gar nicht dem Statement das sie mitverantwortlich für ihre Probleme an Hochschulen sehen.

In den 80ern war ich Ostern am marschieren, bei der Startbahn West, Wackersdorf und Gorleben unter den Wasserwerfern…was hat es allgemein gebracht? Nichts außer ein wenig mehr Umweltbewußtsein in der Bevölkerung, was sich heute wiederum als eine Technologie-Entwicklungs-Bremse heraus stellt.
Was hat es mir persönlich gebracht? Noch weniger, wenn ich an meine Enttäuschung denke, als ich entdeckte, daß alles woran ich mit 16-18 Jahren glaubte, ausschließlich linke Propaganda war. Ich fühlte mich misbraucht.

Gruß D.K.

Vordergündig geht es um Studiengebühren, oder genauer:
das Verhalten der Studenten darauf.
Mein Eindruck ist der, daß wir es momentan mit der
politisch uninteressiertesten und auch egoistischsten
Studentengeneration aller Zeiten zu tun haben.

Hallo Tom,

hmmm… meinst du man kann das so stehen lassen? Ist den „politisch“ nicht auch die Auseinandersetzung mit der anderen Meinung? Für dich gilt nach dem oben gesagten also folgende Gleichung:

Studium + Studiengebühren = Bockmist -->
Student ohne Reaktion = politisch uninteressiert + egoistisch

Deine Aussage fußt also primär auf der Studiengebühren-Debatte. Wir hatten diese an der Humboldt auch vor 2 Jahren. Riesen Aufstand gab es da. Das Audimax war voll, die Studenten wollten streiken. Meine Vorlesungen fielen aus. Also blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich mit dem Thema zu beschäftigen. Das war auch gut so, aber hat es mir doch die Einseitigkeit (wie deine) der Betrachtung eröffnet.

Im Audimax traf ich auf „AStn“ und sonstige Studenten. Primär waren es die beschriebenen „Landzeitstudenten“, dazu noch ein paar Idealisten, ein paar von der PDS etc. Wir haben eine sehr angespannte Diskussion geführt über pro und contra. Nun gut, Diskussion war eigentlich eher einseitig, weil wie gesagt „Links“ in der Versammlung in der Mehrzahl war.

Aber eine Szene ist mir in Erinnerung geblieben. Eine junge Mutter mit Kinderwagen stand da. Sie war genervt, argumentierte das sie es finanziell schon schwierig hat mit ihrem Kind. Kindergartengebühren etc.

Da habe ich sie gefragt: Warum soll Studium kostenfrei für wenige (gebildete) sein aber Kindergärten kosten bzw. sind nicht genügend vorhanden?

Da wusste sie keine Antwort. Tom, kannst du mir das beantworten? Jeder Student sollte doch von der demographischen Entwicklung etwas mitbekommen haben. Die jetzigen Studenten und ggf. Abiturienten haben vielleicht mit gefüllten Räumen und Seminaren zu tun, ist es aber nicht schlimmer, dass man min. 4-6 Jahre studiert, dann sich durch Praktika hangelt und wenn man dann mal einen Job hat erstmal 2-3 Jahre wartet bis man sich ein „Kind leisten kann“?

M.E. sind alle Studenten kurzsichtig, die nur die Finanzierung ihrer Uni im Auge behalten und sonst alles „ausblenden“. Ist es denn gerecht, das eine staatliche Leistung, die nur wenigen in der Bevölkerung zu gute kommt, durch die ganze Gesellschaft bezahlt wird? Also auch für diejenigen, die das nötige Kleingeld haben? Ich sage nichts gegen Bafög & Co., dass ist sinnvoll und wird gebraucht.

Aber sollte man nicht auch bedenken, dass ein Absolvent, selbst wenn er erst mit 28 anfängt zu arbeiten, bis zur Rente (67) viel mehr verdient als ein Facharbeiter, der bereits 12 Jahre vorher nach der 10. Klasse anfing? Warum tragen gerade kleine und mittlere Unternehmen die größte Last bei der dualen Ausbildung indem sie ihren Azubis noch Geld zahlen? Warum zahlt das nicht auch der Staat? Was hätte ich noch einzubringen? Kindergeld auch für Eltern die gar keine staatliche Unterstützung brauchen? Diskriminierung in der Krankenkasse (ich muss in studentische KV seit Beginn zahlen, nur weil meine Eltern wegen Selbständigkeit privat versichert sind, aber sie sind nicht „reich“)!
Man kann hier soviel mit einbringen, aber leider ist dann die Diskussion für die „Gebührengegner“ nicht mehr so schön einfach (rot/schwarz gut/böse), sondern differenzierter…

Das wollte ich nur anmerken…

Achso, als an der Humboldt der „Streik“ losging, haben die Juristen ihre Lehrveranstaltungen am Vormittag weiter besucht und Nachmittags und Abends im Feierabendverkehr öffentliche Lesungen zum Staatsbankrott etc. gehalten. Wir haben keine Semester verloren. Es gab allerdings auch Studenten, die die Uni „besetzten“, das gute Gebäude der Alma Mata mit Grafiti besudelten bzw. überall ihre Papierflyer liegen liessen…

Intelligenz zeigt sich auch in der Reaktion und im Protest!

Mfg vom

showbee

Hallo,

Mein Eindruck ist der, daß wir es momentan mit der
politisch uninteressiertesten und auch egoistischsten
Studentengeneration aller Zeiten zu tun haben.

Nur dazu meine persoenliche Erfahrungen: Ich bin jetzt nicht den-ganzen-Tag-dort-verbring-viel in der Fachschaft aktiv, nur ein bisschen (keine Details jetzt). Und dieses bisschen reicht aus um Bemerkungen wie „Wie bloed kann man sein um bei den Hippies mitzumachen“ zu provozieren. Ich faende es inzwischen schon schoen, wenn man sich nicht dafuer rechtfertigen muss, etwas fuer die Allgemeinheit zu tun.
Und ich kann mich ma"slos aufregen, wenn die Leute nicht ihren A*sch hochbekommen um einmal im Jahr sich fuenf Minuten Zeit zu nehmen um ihr Kreuzchen bei den Hochschulwahlen zu machen. Ich wei"s natuerlich, dass sich Fachschaften nicht immer mir Ruhm bekleckern, oft auch Schei*e bauen und ihr Image grottenschlecht ist, aber wie sollen denn die Studentenvertreter ihre Meinung vor Professoren und Verwaltung vertreten, wenn sich gerade einmal 5% der Studenten aufraffen koennen, waehlen zu gehen?

Inwieweit unsere Generation egoistischer ist als die letzten vor uns, kann ich nicht beurteilen, ich wei"s nicht ob das nicht immer von den nachfolgenden Generationen behauptet wird. Aber eine gewisse Ellbogenmentalitaet ist sicher vorhanden.

So, entschuldigt, dass ich weiter nichts zur Diskussion beitragen konnte, aber aus aktuellem Anlass musste ich zu dem Thema mal Dampf ablassen…

Kati

Hi Kati,

Du beschreibst sehr treffend den Zustand an den Unis.
Ich habe in insgesamt 10 Jahren an verschiedenen
Hochschulen niemals erlebt, daß die Wahlbeteiligung zu
irgendeinem Gremium über 20% lag. Und daß obwohl zu
wichtigen Wahlen Fachschaftsvertreter in die Hörsäle
gingen um die Studenten zu ermuntern doch bitte wählen
zu gehen.
Das ist nun wirklich ein Armutszeugnis.

Gruß
Tom

P.S. Schreibst Du öfter in TEX? Immer diese " vor dem s
um ein ß zu erzeugen :smile:))
Passiert mir auch immer.

P.S. Schreibst Du öfter in TEX? Immer diese " vor dem s
um ein ß zu erzeugen :smile:))

Ja. :smile: Und habe ich mir jetzt auch so angewoehnt, weil ich an der Uni die englische Tastatur bevorzuge und zu faul bin vernuenftig zu schreiben. Es passiert mir sogar, wenn ich dann mal eine deutsche Tastatur habe.

Hi Showbee!

Zunächstmal muß man sicherlich konstatieren, daß es
einige Ausnahmen von der von mir postulierten Regel
gibt. Sicherlich gehören Unis wie die in Berlin oder
die Uni Göttingen dazu. Diese Städte sind linke Biotope
und es genügend Menschen die für eine Meinung
öffentlich eintreten.

Da habe ich sie gefragt: Warum soll Studium kostenfrei
für wenige (gebildete) sein aber Kindergärten kosten
bzw. sind nicht genügend vorhanden?

Da wusste sie keine Antwort. Tom, kannst du mir das
beantworten?

Ja!
Die Logik die hinter dieser Schlußfolgerung steckt ist
doch vollkommen verquer. Wenn überhaupt sollte man
sagen, daß wenn die Unis kostenlos sind, dann aber
bitte auch KiTas.
Wir kommen sonst zu einem Punkt wo auch wieder
Schulgeld für weiterführende Schulen zu entrichten ist.
Schließlich ist das Abi nicht nötig und führt auch zu
besser bezahlten Jobs.

Und nochmal: Akademiker sind das einzige Kapital das
wir haben. Damit liegt ihre Ausbildung im ureigenen
Interesse des Staates. Ganz nebenbei zahlen Akademiker
im Job mehr Steuern und tragen deutlich mehr zum BiP
bei als „normale“ Arbeiter (die ich keinesfalls
abwerten will!!!). Sie refinanzieren also locker die
Investitionen des Staates in ihre Ausbildung.
Sie als Schmarotzer darzustellen, die angeblich auf dem
Rücken des kleinen Mannes ihr priviligiertes Leben
genießen ist mir ziemlich zuwider. Dieses Bild wird
aber oft kolportiert.
Nur freie Bildung ermöglicht auch bildungsfernen
Schichten den sozialen Aufstieg. In meinem persönlichen
Umfeld gibt es da einige Beispiele.

Gruß
Tom

Kleiner Tip, wenn du mal 'ne deutsche Tastatur hast:

\usepackage[utf8]{inputenc}

und die Kryphen "s,"a,"o,"u… sind Geschichte: einfach ß,ä,ö,ü tippen.

Gruß

OT

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Irmtraut,

ich fand Deine Überschrift nicht wieder in Deinen

:
lies einfach nochmal gründlich.

Gruß
Ramona

Mutlose Studentenschaft?
Moin!

Wenn ich mir überlege welches Potential an den Unis
vorhanden ist, daß dort letztendlich die
Leistungsspitze der Gesellschaft von morgen vertreten
ist, wird mir Angst und Bange.

Ja, danke, Du kannst einem echt Angst machen!
Leute, die wegen allem und jedem auf die Straße gehen, gibt es schon genug! Lass doch wenigstens die Studenten vernünftig bleiben!
Nic

Ich habe in insgesamt 10 Jahren an verschiedenen
Hochschulen niemals erlebt, daß die Wahlbeteiligung zu
irgendeinem Gremium über 20% lag.

Dass viele nicht wählen, liegt aber auch zu einem großen Teil daran, dass man die Damen & Herren gar nicht kennt.

Gruß
Oliver

Hi Tom,

aus meiner Sicht bürdest Du den Studenten eine viel zu hohe Last auf; woher sollte die Studentenschaft denn die Kraft zum Anachronismus nehmen?

68, die Folie, an der sich alle künftigen Studentengenerationen messen lassen müssen?

68 war eine ganz andere Situation: die Studenten wussten, dass sie alle in die ökonomisch-administrativen Spitzenpositionen kommen werden, mit Mao oder ohne Mao, mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh oder mit Ho-Ho-Holnocheinbier, scheißegal, der Weg war offen, es stand kein Preis auf Konformität.

Die Studenten wussten, dass sie gesamtgesellschaftliche Rückendeckung haben, wie dies beispielsweise die Wahl Brandts eindeutig indiziert.

Die Studenten konnten die Karte der „höheren moralischen Position“ gegenüber ihren Nazi-Vätern ausspielen.

Und die Studenten hatten Rückenwind überall auf der Welt: Prager Frühling, Black Panthers, Feminismus, Entkolonialisierung, Vietnamkrieg, etc.

Und heute? Globalisierungskritik (sicherlich zu einem guten Teil von Studenten vorgebracht)? Ira(k;n)-Krieg (hat das Zeug zu einem „Vietnam“ noch lange nicht)?, Sozialstaatsabbau (der Protest dagegen ist noch immer ein Rohrkrepierer, völlig gleichgültig ob auf dem Campus, auf dem Arbeitsamt, oder an den Wahlurnen)?

Vordergündig geht es um Studiengebühren, oder genauer:
das Verhalten der Studenten darauf.

Wer soll denn da was tun? Gegen Studiengebühren sein? Ja, meinetwegen, ich bin dagegen, weil sie, in der Art, wie sie diskutiert und umgesetzt werden, so kindisch sind, so furchtbar lächerlich …

Inwiefern bin nun aber „politisch“? Mein Gott, als Student gegen Studiengebühren zu sein, ist so politisch wie als Gewerkschaftler für 5% mehr zu sein, oder als Rentner für mehr als Nullrunde zu sein. Es fährt halt jeder nach Berlin, und hält ein Pappschild hoch …

Vielleicht ließe sich ja mit Protesten in der Tat was rausholen: 450,- pro Semester statt 500,- zum Beispiel.

Es gibt keinerlei großangelegte Versuche, das Thema Studiengebühren, respektive „Recht-auf-Bildung“, oder welcher Überbau auch immer sich formulieren ließe, außerhalb der studentischen Kreise zu lancieren; wie könnten die Studenten dies dann tun? Würden sie auf offene Arme stoßen, oder würde und wird dies nicht einfach so verstanden wie eben skizziert: jedes Grüppchen löffelt sein Süppchen bis es kotzt.

Mein Eindruck ist der, daß wir es momentan mit der
politisch uninteressiertesten und auch egoistischsten
Studentengeneration aller Zeiten zu tun haben.

Ja, mit Deiner Analyse, die ab diesem Punkt ansetzt, hast Du Recht; aber ist dies 1) auf die Studenten beschränkt?, und ist dies 2) nicht vielleicht Folge einer Situation, die noch viel zu unübersichtlich ist um „politische Interessen“ generieren zu können?

Der Student ist halt auch nur ein Mensch, kein Geschäftsführer des Weltgeistes

Viele Grüße
franz

Wenn ich mir überlege welches Potential an den Unis
vorhanden ist, daß dort letztendlich die
Leistungsspitze der Gesellschaft von morgen vertreten
ist, wird mir Angst und Bange.

Das prinzipielle Motto scheint zu lauten, daß das
vermittelte Wissen möglichst Jobgerecht aufzubereiten
ist, alle Nebensächlichkeiten die zu einem Blick über
den Tellerrand führen würden sind bitteschön
wegzulassen, und die Zeit an der Alma Mater so kurz wie
möglich zu sein hat, um später im Beruf punkten zu
können. Seht her, ich hab’ meinen Master in 4 Jahren
gemacht.

Das ist doch das Ziel der modernen Universität. Die Studiengänge sind stark gestrafft, es muss immer schneller gehen.
Was soll einem Studenten dann übrig bleiben, als sich von Prüfung zu Prüfung zu hangeln und es möglichst in der vorgegebenen Zeit zu schaffen, bevor man zwangsweise exmatrikuliert wird?

Allerdings bleibt die Schärfung der
Persönlichkeit auf der Strecke. Eigene Standpunkte …

Da stimme ich dir zu - es wird tatsächlich nur noch konsumiert und akzeptiert.

Hallo Ben

aus meiner Sicht bürdest Du den Studenten eine viel zu hohe
Last auf; woher sollte die Studentenschaft denn die Kraft zum
Anachronismus nehmen?

Vielleicht, weil sie (früher immerhin) die Vorstufe zum Intellektuellen bildeten.

68, die Folie, an der sich alle künftigen
Studentengenerationen messen lassen müssen?

EINE wichtige Folie, immerhin.

68 war eine ganz andere Situation: die Studenten wussten, dass
sie alle in die ökonomisch-administrativen Spitzenpositionen
kommen werden, mit Mao oder ohne Mao, mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh
oder mit Ho-Ho-Holnocheinbier, scheißegal, der Weg war offen,
es stand kein Preis auf Konformität.

Das, lieber Ben, scheint mir fast ein bißchen zynisch. Wusste garnicht, dass wir hier so differieren. :wink:
Die Studenten wusten nicht wirklich, dass solche Spitzenpositionen auf sie warten. Da zäumst Du ungewohnterweise das Pferd von hinten auf. Erst durch die Studentenbewegung kam dies und anderes ins Rollen und in Frage. Das war SO nicht abzusehen.
Auf der anderen Seite war wiederum einiges MEHR zu erwarten, was sich dann nicht erfüllte. Ein wesentlicher Punkt war der, das in Deutschland keine echte Verbindung zwischen Arbeitern und Studenten zustande kam. In Deinem (und meinem) geliebten Frankreich, sprich: Paris, ging das schon etwas besser bzw. weiter. Letztlich kam auch dort kein großes Ergebnis heraus, aber das Feeling füreinander war besser. Intellektuelle wie Sartre waren on the road, während Leute wie Heidegger lieber im Wald spazieren gingen (was ja grundsätzlich nicht schlecht ist), Adorno war gekränkt, weil die Studenten nicht alles fraßen, was er auftischte und Herbert Marcuse war in USA.

Der Student ist halt auch nur ein Mensch, kein Geschäftsführer
des Weltgeistes

Ja, leider. Diese Rolle hätte er aber ab und an mal wieder faustisch übernemen können. :wink:
Es grüßt Dich
Branden

Hallo Hilmar

Aber haben andere Generationen nicht gerade besonders aktiv :gegengesteuert, wenn das Land darnieder lag?

Das behaupten diese Generationen -insbesondere meine
Elterngeneration- gerne von sich. Insbesondere die 68’er
verbinden ihre doch eher ernüchternden Errungenschaften mit
einer Art Heldenepos. Es waren aber keine Helden.

Als Helden haben wir uns nicht so sehr gefühlt. Für mich war die Studentenbewegung eine großartige Befreiung von den alten, autoritären, dumfen Strukturen. Es war damals wirklich ein frischer Wind, eine gute Atmosphäre an der Freien Universität Berlin. „Good vibrations“ pflegten wir zu sagen. Für mich war allerdinhs nicht so sehr der an Marx, Mao ider Ho-Tschi-Minh orientierte Blick wichtig, sondern auch die von Amerika herüberwehende Hippie-Zeit in Kombination mit Lebensentwürfen wie von Kommune 1 und Kommune 2, den damaligen Dialog-Möglichkeiten mit intellektuellen Assistenten, die Zeit für einen hatten (undzwar ohne Studiengebühren), Kaffee mit einem tranken, diskutierten, Bücher von Sigmund Freud, Wilhelm Reich und anderen verborgten und nicht diesen Abstand zwischen (Ober)Lehrer / HochschulLEHRER und Studenten aufkommen ließen.
Meine Zeit an der FU Berlin zählt zu den schönsten und aufregendsten Erlebnissen. Natürlich gab es auch Frust, es war nicht alles toll, manchmal war ich von den Vollversammlungen auch etwas ermüdet usw. Aber das Lebensgefühl war gut.

Tatsächlich
haben sie lediglich jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt,

Wie kömmst Du denn auf sowas? Wir haben damals mit ein paar Mark alles Mögliche machen können. Nach Paris mit Freundin für ein paar Franc, in Berlin leben mit wenig Kohle, das war damals möglich.

sich selbstverwirklicht bis zum Gehtnichtmehr

besser als die saure Milch der Resignation zu schlürfen :wink:

und ihre
Erwartungshaltung and Kinder und Jugendliche in die Höhe
schießen lassen.

Ich weiß nicht, wie Du auf sowas kommst.
Gruß,
Branden

Vordergündig geht es um Studiengebühren, oder genauer:
das Verhalten der Studenten darauf.

1.das ist kein lokales problem, welches nur die studentenschaft betrifft.
2.offensichtlich ist das auch kein problem

waere es eines, wuerde man protestieren:smile:

mfg:smile:
rene

Hallo, Franz,
in der Tat fußte der Protest der 68 auf einer anderen Basis. Da war ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens vorhanden, dem die Studenten Ausdruck verliehen, Es gab eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit dem zementierten Staat. Aber es gab auch eine Pespektive, ein Bild von einem anderen Deutschland.
Genau dieses fehlt aber heute. Noch ist der Konsens der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen nicht erreicht. In den vergangenen Jahren ist es recht gut gelungen, die Massen satt und bequem zu halten, so satt, dass sie sich zu nicht mehr als einem gelegentlichen Aufmucken aufraffen können. Aber das ist nicht allein das Problem der studentischen Jugend, das ist ein gesamtgesellschaftlicher Dämmerschlaf. Und es fehlt der überzeugende Entwurf einer gesellschaftlichen Alternative.

Wir werden noch ein paar Jahre warten müssen, die Verhältnisse sind noch nicht schlecht genug um den von Haus aus zur Revolte ungeschickten Deutschen vom Fernseher und den gefüllten Aldi-Regalen wegzulocken.

Gruß
Eckard

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Hallo Branden,

klingt nach der gezielten Frage eines Psychologen, wenn du mir die Polemik verzeihst.
Ich bin sogar ziemlich sicher, dass es eine schöne Zeit an der FU war. Habe selbst ein halbes Jahr in Berlin verbracht und wäre auch geblieben, wenn es dort Jobs gäbe. Allerdings komme ich nicht darum den Zeitgeist als eine Bilanz meiner Elterngeneration zu betrachten. Ich möchte nicht klingen, als hätten 68’er und aufwärts nur Dreck auf die Beine gestellt. Gottheiten in meinen Eltern zu suchen liegt mir fern. Ich werde selbst nie eine sein. Dennoch ist all der „Openmindedness“ ein System entsprungen, das sich selbst verkommerzialisiert hat. Lebensgefühl als solches wurde von den Eltern der Skateboarder, Hip-Hoper (das sind wohl die grössten) oder aller anderen Jugendkulturen genutzt um profitorientierte Unternehmen auf ihnen fußen zu lassen. Es ist also nicht gerechtfertigt, wenn Eltern sich darüber beschweren, dass ihre Kinder oder Kinder als Solches keine andere Wahl haben, außer sich durch Konsumgüter zu einer Identität zu behlefen. Es ist das System, das sie hinterlassen haben. Obendrein hat es Schulden gemacht.

In puncto Heldenepos halte ich das für relevant, dass nach der guten Zeit wenig von Seiten der Eltern geschah, das dem Wohle der Kinder gedient hätte. Ich erinnere mich auch an die Worte einer ehem. Tutorin, die sich kurz vor der Diplomarbeit fragte, warum eigentlich die Eltern so wenig Initiative auf den Demos gegen Studiengebühren zeigen. (Okay, du wohnst in Berlin. Anderes Setting als Frankfurt/Main)
Hinsichtlich politischem Engagement meiner Generation muss man berücksichtigen, dass wir - sollten wir skinnersche Löschung der Revolte nicht bevorzugen - mindestens zwei pensionierte Gegner im Ring im Kampf um unsere Rechte haben. Die schmissen uns raus, bevor wir auch nur ein Racket hätten, wenn wir ihnen nicht in den Arschkriechen Ob man dazu bereit ist das zu tun ist eine Frage des Selbstwerts. Selbstwert heißt auch seine belange durchzusetzen. Von den Anekdoten meiner Eltern könnte ich mich nicht ernähren. Zumal ich mehr Sprachen spreche, als Vater und Mutter zusammen, und ich halte mich nicht für ein Genie.

Also: Deine Generation macht immernoch Politik, weil sie alleine in der Zahl den Löwenanteil bildet. Würe jemand meines Alters sich dazu bereiterklären etwas am System zu ändern, dann wäre er schlich größenwahnsinnig.

Schönes Wochenende,

Hilmar

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Hallo Branden,

68, die Folie, an der sich alle künftigen
Studentengenerationen messen lassen müssen?

EINE wichtige Folie, immerhin.

richtig, eine wichtige Folie, keine Frage; sie ist aber möglicherweise eine sehr ungerechte Messlatte; es gibt einfach historische Konstellationen, da geht was, und solche, da geht nix …

Nimm den einen Studi (mein Lieblingsausdruck!) da drunten, der sagte: „Was nix kost …“ und schick ihn 40 Jahre zurück, und er wird Revoluzzer, allein schon um guten Sex zu bekommen.

68 war eine ganz andere Situation: die Studenten wussten, dass
sie alle in die ökonomisch-administrativen Spitzenpositionen
kommen werden, mit Mao oder ohne Mao, mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh
oder mit Ho-Ho-Holnocheinbier, scheißegal, der Weg war offen,
es stand kein Preis auf Konformität.

Das, lieber Ben, scheint mir fast ein bißchen zynisch. Wusste
garnicht, dass wir hier so differieren. :wink:

Es ist klar, dass wir hier differieren: Du hast Deine historische Aufgabe hinter Dir, ich meine - vor mir? (ich weiß noch nicht mal, ob denn überhaupt eine kommen wird; das klingt jetzt pesssimistischer als es gemeint ist);
allein diese generationenbezogene Differenz führt notwendig dazu, dass wir in dieser Frage differieren.

Die Studenten wusten nicht wirklich, dass solche
Spitzenpositionen auf sie warten. Da zäumst Du
ungewohnterweise das Pferd von hinten auf.

Nein, es war überhaupt nicht zynisch gemeint, sondern lediglich ein kleiner Analyseversuch.

Unstrittig ist: ein Hochschulstudium garantierte damals beruflichen Erfolg, es war eine kostbare Münze, die seitdem mehr und mehr entwertet ist (z.B. durch Bildungsexpansion; vgl. dazu die hervorragende Studie Bourdieus in „Die feinen Unterschiede“).

Der damalige Student konnte sich zur künftigen Elite zählen (allein der Knappheit der Bildungstitel wegen), was er heutige so nicht mehr kann;

kurzum: die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sind völlig unterschiedlich.

Es dürfte klar sein, dass solche Dinge sich bis ins Mark der studentischen Mentalität einbrennen; diese strukturellen Vorgaben aber dürfen nicht ohne weiteres in einer kritischen Analyse voluntaristisch dem „sedierten Studenten“ zur Last gelegt werden.

Erst durch die
Studentenbewegung kam dies und anderes ins Rollen und in
Frage. Das war SO nicht abzusehen.
Auf der anderen Seite war wiederum einiges MEHR zu erwarten,
was sich dann nicht erfüllte. Ein wesentlicher Punkt war der,
das in Deutschland keine echte Verbindung zwischen Arbeitern
und Studenten zustande kam. In Deinem (und meinem) geliebten
Frankreich, sprich: Paris, ging das schon etwas besser bzw.
weiter. Letztlich kam auch dort kein großes Ergebnis heraus,
aber das Feeling füreinander war besser. Intellektuelle wie
Sartre waren on the road, während Leute wie Heidegger lieber
im Wald spazieren gingen (was ja grundsätzlich nicht schlecht
ist), Adorno war gekränkt, weil die Studenten nicht alles
fraßen, was er auftischte und Herbert Marcuse war in USA.

Ja, das alle stimmt sicherlich; Adorno -dieser seltsame Charakter- brach die Vorlesung ab, als die ersten BHs flogen …

Viele Grüße
franz

Hallo.

Genau Dein Geschreibsel braucht man jetzt nur noch ein wenig zu steigern, zu extrapolieren, und man kann nur noch zynisch lachen, was uns das heute gebracht hat. Eine verklärendere Darstellung dieser zutiefst fragwürdigen 68er-Zeit habe ich beinahe noch nie gelesen.

Es erfreut dann auch einen jungen Menschen regelrecht, wenn jemand in Deinem alter in solchen Erinnerungsluftblasen schwelgt („Aber wir hätten damals nicht … so wie ihr heute…“) und die jetzige Wirklichkeit rein gar nichts mit diesem 68er-Wolkenkuckucksheim zu tun hat.

MfG