Hi Tom,
aus meiner Sicht bürdest Du den Studenten eine viel zu hohe Last auf; woher sollte die Studentenschaft denn die Kraft zum Anachronismus nehmen?
68, die Folie, an der sich alle künftigen Studentengenerationen messen lassen müssen?
68 war eine ganz andere Situation: die Studenten wussten, dass sie alle in die ökonomisch-administrativen Spitzenpositionen kommen werden, mit Mao oder ohne Mao, mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh oder mit Ho-Ho-Holnocheinbier, scheißegal, der Weg war offen, es stand kein Preis auf Konformität.
Die Studenten wussten, dass sie gesamtgesellschaftliche Rückendeckung haben, wie dies beispielsweise die Wahl Brandts eindeutig indiziert.
Die Studenten konnten die Karte der „höheren moralischen Position“ gegenüber ihren Nazi-Vätern ausspielen.
Und die Studenten hatten Rückenwind überall auf der Welt: Prager Frühling, Black Panthers, Feminismus, Entkolonialisierung, Vietnamkrieg, etc.
Und heute? Globalisierungskritik (sicherlich zu einem guten Teil von Studenten vorgebracht)? Ira(k;n)-Krieg (hat das Zeug zu einem „Vietnam“ noch lange nicht)?, Sozialstaatsabbau (der Protest dagegen ist noch immer ein Rohrkrepierer, völlig gleichgültig ob auf dem Campus, auf dem Arbeitsamt, oder an den Wahlurnen)?
Vordergündig geht es um Studiengebühren, oder genauer:
das Verhalten der Studenten darauf.
Wer soll denn da was tun? Gegen Studiengebühren sein? Ja, meinetwegen, ich bin dagegen, weil sie, in der Art, wie sie diskutiert und umgesetzt werden, so kindisch sind, so furchtbar lächerlich …
Inwiefern bin nun aber „politisch“? Mein Gott, als Student gegen Studiengebühren zu sein, ist so politisch wie als Gewerkschaftler für 5% mehr zu sein, oder als Rentner für mehr als Nullrunde zu sein. Es fährt halt jeder nach Berlin, und hält ein Pappschild hoch …
Vielleicht ließe sich ja mit Protesten in der Tat was rausholen: 450,- pro Semester statt 500,- zum Beispiel.
Es gibt keinerlei großangelegte Versuche, das Thema Studiengebühren, respektive „Recht-auf-Bildung“, oder welcher Überbau auch immer sich formulieren ließe, außerhalb der studentischen Kreise zu lancieren; wie könnten die Studenten dies dann tun? Würden sie auf offene Arme stoßen, oder würde und wird dies nicht einfach so verstanden wie eben skizziert: jedes Grüppchen löffelt sein Süppchen bis es kotzt.
Mein Eindruck ist der, daß wir es momentan mit der
politisch uninteressiertesten und auch egoistischsten
Studentengeneration aller Zeiten zu tun haben.
Ja, mit Deiner Analyse, die ab diesem Punkt ansetzt, hast Du Recht; aber ist dies 1) auf die Studenten beschränkt?, und ist dies 2) nicht vielleicht Folge einer Situation, die noch viel zu unübersichtlich ist um „politische Interessen“ generieren zu können?
Der Student ist halt auch nur ein Mensch, kein Geschäftsführer des Weltgeistes
Viele Grüße
franz