Sedierte Studentenschaft

Hallo Franz,

68 war eine ganz andere Situation: die Studenten wussten, dass
sie alle in die ökonomisch-administrativen Spitzenpositionen
kommen werden, mit Mao oder ohne Mao, mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh
oder mit Ho-Ho-Holnocheinbier, scheißegal, der Weg war offen,
es stand kein Preis auf Konformität.

Hier gehe ich nicht so ganz konform. Einem guten Teil der Studenten damals war nicht klar, daß die gut dotierte Stelle wartete. Schließlich wurden die Posten ja immer noch vom Establishment, das zu bekämpfen man angetreten war, vergeben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an den Radikalenerlaß (der erstaunlicherweise heute noch angewendet wird).

Die Studenten wussten, dass sie gesamtgesellschaftliche
Rückendeckung haben, wie dies beispielsweise die Wahl Brandts
eindeutig indiziert.

Naja, also gesamtgesellschaftlich Rückendeckung hatte die Studentenbewegung zu keinem Zeitpunkt. Ich bitte Dich! Wäre das so gewesen, dann hätten die Jungs und Mädels nicht auf die Strasse gehen müssen.

Und die Studenten hatten Rückenwind überall auf der Welt:
Prager Frühling, Black Panthers, Feminismus,
Entkolonialisierung, Vietnamkrieg, etc.

Hey Franz. Sieh’ Dich doch gerade diese Tage mal um. Frankreich oder Minsk zum Beispiel. Es ist ja nun wirklich nicht so, daß das Gespenst der politischen Lethargie in ganz Europa umhergeht.

Und heute? Globalisierungskritik (sicherlich zu einem guten
Teil von Studenten vorgebracht)?

Aber nicht überwiegend von deutschen Studenten! Ich glaube bei Attac ist der übergroße Anteil der Mitglieder aus Frankreich und Italien.

Inwiefern bin nun aber „politisch“? Mein Gott, als Student
gegen Studiengebühren zu sein, ist so politisch wie als
Gewerkschaftler für 5% mehr zu sein, oder als Rentner für mehr
als Nullrunde zu sein. Es fährt halt jeder nach Berlin, und
hält ein Pappschild hoch …

Wenn doch nur die Studenten gegen die Gebühren wären. Hast ja selbst gelesen was von deren Seite hier gepostet wird. Hey, ich erwarte , oder besser erhoffte, einfach politisches Engagement. Die List an der Diskussion und am Thema an sich. Wenn ich heute durch die Uni spaziere muß ich ja schon lange suchen bis ich mal jemanden in der Cafete sehe der den Spiegel liest. Verstehst Du, daß ist es was ich meine. Das überwiegende Desinteresse an politischen und gesellschaftlichen Themen.

Vielleicht ließe sich ja mit Protesten in der Tat was
rausholen: 450,- pro Semester statt 500,- zum Beispiel.

Jetzt mache das mal nicht so runter. Mit der Einstellung es bringe ja eh nichts, man brauche dann gar nicht antreten, ist man schon tot.

Gruß
Tom

Hallo Studi(ing)

Es erfreut dann auch einen jungen Menschen regelrecht, wenn
jemand in Deinem alter in solchen Erinnerungsluftblasen
schwelgt („Aber wir hätten damals nicht … so wie ihr
heute…“) und die jetzige Wirklichkeit rein gar nichts mit
diesem 68er-Wolkenkuckucksheim zu tun hat.

Du hast es doch garnicht miterlebt. Ich habe lediglich berichtet, was und wie das erlebt habe.

Ich habe selten so eine Arroganz gemischt mit unausrottbaren Vorurteilen erlebt.
Gruß,
Branden

Hallo Hilmar

Also: Deine Generation macht immernoch Politik, weil sie
alleine in der Zahl den Löwenanteil bildet. Würe jemand meines
Alters sich dazu bereiterklären etwas am System zu ändern,
dann wäre er schlich größenwahnsinnig.

Ich weiß, was Du meinst und bedaure das ebenfalls. Ich habe vor einem Weilchen mal erbost an die GRÜNEN geschrieben, weil sie erst den Sohn von Dutschke aufgstellt haben (ich habe sein Buch gelesen und fand es gut und differenziert) und ihn dann (wegen seines jugendlichen Alters?) wieder von der Kandiadntenliste „gemobbt“ haben. Argument: Er sei dann eben doch nicht gewählt worden. Mag sein, aber ich wittere da ebenfalls ein Sich-nicht-lösen-können-von-der-Macht bei den Alten. In diesem Punkt stimme ich Dir ausdrücklich zu.
Gruß,
Branden

Lieber Ben

Es ist klar, dass wir hier differieren: Du hast Deine
historische Aufgabe hinter Dir, ich meine - vor mir? (ich weiß
noch nicht mal, ob denn überhaupt eine kommen wird; das klingt
jetzt pesssimistischer als es gemeint ist);
allein diese generationenbezogene Differenz führt notwendig
dazu, dass wir in dieser Frage differieren.

Ich hab damals auch keinerlei Schlüsselposition bekleidet, war relativ schüchtern und habe mehr mit großen Augen und Ohren an der Geschichte teilgenommen. Vielleicht war ich sogar eine Spur zu jung, um richtig aktiv zub werden: Ich war 1968 ja auch erst 18 und meine persönliche Entfaltung begann gerade mal, wenn ich nur ein, zwei Jahre Älter gewesen wäre, hätte ich NOCH MEHR mitgesrtalten können. Ich war mehr gefühlsmäßig mit der Bewegung verbunden als intellektuell damals.

kurzum: die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse
sind völlig unterschiedlich.

Das ist wohl wahr.
Aber gibt es velleicht jenseits dieser Verhältnisse noch einen Grund für die Angepasstheit der heutigen Studenten?
Gruß,
Branden

Hallo,

Hi,

Und ich kann mich ma"slos aufregen, wenn die Leute nicht ihren
A*sch hochbekommen um einmal im Jahr sich fuenf Minuten Zeit
zu nehmen um ihr Kreuzchen bei den Hochschulwahlen zu machen.
Ich wei"s natuerlich, dass sich Fachschaften nicht immer mir
Ruhm bekleckern, oft auch Schei*e bauen und ihr Image
grottenschlecht ist, aber wie sollen denn die
Studentenvertreter ihre Meinung vor Professoren und Verwaltung
vertreten, wenn sich gerade einmal 5% der Studenten aufraffen
koennen, waehlen zu gehen?

Das Problem ist vielleicht zum Teil auch hausgemacht. Ich persoenlich gehe zwar zur Wahl, aber Hand aufs Herz, mir ist es sch*issegal ob die „Linke AntiFa-Liste“ oder die „Liste der Linken AntiFas“ oder die „Radikal Linke Liste“ letzten Endes die Stimmenmehrheit bekommt. Ja, es gibt bei uns in Bremen im Grunde 2 Alternaven dazu fuer die ich meine Stimme auch abgebe, dafuer muss ich mir dann gelegentlich anhoeren dass das alles „Rechte sind, weil sie die Themenbereiche der AntiFa und der Frauenbewegung nicht behandeln“. Noe, die wollen ja nur eine *Hochschul*politik betreiben, und Frauenunterdrueckung sowie Faschismus habe ich an meiner Uni bis jetzt als Probleme nicht wahrgenommen, tut mir Leid. Was ich allerdings sehe ist, wie genau diese ganzen „AntiGlobalisierungRadikaleLinkeAntiFablablubb“-Leute sinnvolle Veranstaltungen wie z.B. die Job- und Praktikumsboerse an der Universitaet, bei der ortsansaessige Firmen zum Teil *um die Studenten werben* (und das bei der heutigen Wirtschaftslage), torpedieren weil „da is ne Firma dabei, die machen auch Ruestungsindustrie und so und wir finden das voll nicht ok, ja?“. Ueber den ganzen Mist der waehrend der Studiengebuehrendiskussion gelaufen ist moechte ich an dieser Stelle lieber kein Wort verlieren, allerdings hat sich da der Rest der Studentenschaft auch nicht mit Ruhm bekleckert.

Inwieweit unsere Generation egoistischer ist als die letzten
vor uns, kann ich nicht beurteilen, ich wei"s nicht ob das
nicht immer von den nachfolgenden Generationen behauptet wird.
Aber eine gewisse Ellbogenmentalitaet ist sicher vorhanden.

An der Stelle Full Ack. Dass gerade Mal 10% der Studenten es schaffen, zu einer Vollversammlung zum Thema Studiengebuehren zu kommen, ist ein Armutszeugnis. Dass die 90%, die abwesend waren, die Beschluesse der Vollversammlung ignorieren bis torpedieren wundert da auch nicht weiter. Dass die Argumentation dabei meist „ich will schnell fertigstudieren und dann fett Kohle verdienen“ lautet laesst vermuten, dass der politisch unmuendige Fachidiot bewusst grossgezogen wird in diesem Land. Zum Kotzen ist es allemal.

Gruss
Paul

Hallo Branden,

kurzum: die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse
sind völlig unterschiedlich.

Das ist wohl wahr.
Aber gibt es velleicht jenseits dieser Verhältnisse noch einen
Grund für die Angepasstheit der heutigen Studenten?

Ich würde spontan drei Gründe aus dem Ärmel schütteln:

  1. Es herrscht keinerlei Aufbruchstimmung in der Gesellschaft (wie Eckard das oben schön beschrieben hat); woher könnte die Studentenschaft denn Anstöße bekommen?

  2. die Stellung der Studentenschaft im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft ist heute eine andere als vor 40 Jahren; es gibt viel mehr Studenten als damals, die Übergänge zwischen Arbeiterschaft und Studentenschaft sind viel fließender als früher (ein Beispiel: Fachhochschulabschlüsse), etc. Folge: die Studenten begreifen sich selbst nicht mehr als intellektuelle Avantgarde, deren „natürliches Recht“ es wäre, an der Spitze der Bewegung zu stehen.

  3. es gibt heute keinerlei Möglichkeit für den kollektiven sozialen Aufstieg einer Generation, weshalb der Aufstieg einzig als individueller möglich ist. Und wenn man ständig Acht haben muss, auf der Reise nach Jerusalem nicht zwischen die Stühle zu fallen, hat man keine Zeit, von der Zerstörung Jerusalems zu träumen.

Um auf Toms Titel einzugehen: eine ergotherapeutische Sedierung :wink:

Viele Grüße
franz

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Lieber Ben

… die Übergänge zwischen
Arbeiterschaft und Studentenschaft sind viel fließender als
früher (ein Beispiel: Fachhochschulabschlüsse), etc. Folge:
die Studenten begreifen sich selbst nicht mehr als
intellektuelle Avantgarde, deren „natürliches Recht“ es wäre,
an der Spitze der Bewegung zu stehen.

Das ist wirklich ein interessanter Aspekt, den Du da aufleuchten lässt.

  1. es gibt heute keinerlei Möglichkeit für den kollektiven
    sozialen Aufstieg einer Generation, weshalb der Aufstieg
    einzig als individueller möglich ist. Und wenn man ständig
    Acht haben muss, auf der Reise nach Jerusalem nicht zwischen
    die Stühle zu fallen, hat man keine Zeit, von der Zerstörung
    Jerusalems zu träumen.

Schön gesagt hast Du das. Viel wahres. Irgendwas bleibt in mir aber davon noch nicht berührt, noch nicht befriedigt.
Aber woher kömmt diese merkwürdige (oberflächliche?) Begeisterung dieser Frischwärts-Betriebswirtschaftlehre-Stundenten? Die aufgekratzte Party-Stimmung, dieses brave, launige, gutsituierte Lächeln ? Diese Begeisterung für Elektronisches, dieser ganze neopositivistische Scheißdreck ? Was ist das alles ? Woher kömmt das, wo will das hin? Was sucht das?
fragt
Branden
immer noch
rigide

auf diese interessanten Fragen …
… muss ich Dir, lieber Branden, die Antwort leider schuldig bleiben.

Viele Grüße
franz

Schon okay, Ben…
…bis zum nächsten Thread
grüßt Dich
Branden

Hallo Tom,

Mein Eindruck ist der, daß wir es momentan mit der
politisch uninteressiertesten und auch egoistischsten
Studentengeneration aller Zeiten zu tun haben.

Weil die meisten vielleicht nicht Deiner Meinung sind?

Klar, auch heute gibt es noch ASten und eine handvoll
engagierte Studis dort. Aber wo früher Politik gemacht
wurde, geht es heute vornehmlich um den Verkauf alter
Prüfungssammlungen.

Wobei ich mich durchaus frage, ob der ASTA und die Fachschaften der richtige Ort für „Politik“ sind …

Die Ankündigung von Studiengebühren oder Aussagen vom
Politikern Studenten würden sich auf dem Rücken der
Gesellschaft einen Lenz machen, führen nicht etwa zu
heftigem Protest wie man erwarten dürfte, sondern zu
einem defensiven kollektiven wegducken.

Dir ist durchaus aufgefallen, dass das ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist, dass wir alle uns aktuell auf sich ändernde Randbedingungen einstellen, die zunächst für alle ein Gürtelengerschnallen und mehr Leistung bedeuten?
Du weißt, dass die Renten ohne großes Echo gekürzt werden?
Du weißt, dass die Arbeitszeiten ohne großes Echo unbezahlt verlängert werden?

Ich hielte es für sehr seltsam, wenn irgendeine Lobby (ja, Studierendenvertreter sind auch nur eine Lobby) aktuell beim Umbau kategorisch mauern würde, denn dies hätte durchaus das Geschmäckle des Floriansprinzip: Spart nicht bei mir, sondern bei den anderen.

Wenn ich mir überlege welches Potential an den Unis
vorhanden ist, daß dort letztendlich die
Leistungsspitze der Gesellschaft von morgen vertreten
ist, wird mir Angst und Bange.

Mir nicht, denn Pragmatismus ist im Moment der Veränderung für mich eine Tugend.

Der Student als perfekt assimiliertes Wesen, der geübt
im wegstecken von Zumutungen ist. Vielleicht doch eine
Blaupause für den gewollten Arbeitnehmer in der
deutschen Wirtschaft?

Quark, der Student von heute ist durchaus auch gesellschaftlich engagiert. Aber eben nicht bei den Rückzugsgefechten des Systemerhalts. Und ich finde das gut so.

Grüße
Jürgen

Hallo Jürgen
Ich war beeindruckt von Deinem Posting. Du solltest Politiker werden. Das Talent zum Verdrehen von Äußerungen des Anderen und daraud eine neue Werte-Basis zu machen, hast Du, das hat Deine Antwort hier überzeugend dargestellt. Gratuliere.

Wobei ich mich durchaus frage, ob der ASTA und die
Fachschaften der richtige Ort für „Politik“ sind …

Wo denn sonst an der Uni soll Hochschulpolotik Deiner Meinung nach denn stattfinden?

…einem defensiven kollektiven wegducken.

… ändernde Randbedingungen einstellen, die
zunächst für alle ein Gürtelengerschnallen und mehr Leistung
bedeuten?

Harharhar - Gürtelengerschnallen. Lange nicht gehört. Du orintierst Dich also an den sehr alten Politiker-Kollegen (Kohl etc.).

Du weißt, dass die Renten ohne großes Echo gekürzt werden?
Du weißt, dass die Arbeitszeiten ohne großes Echo unbezahlt
verlängert werden?

Ich finde das Echo darauf verhältnismäßig laut, vergleichen mit dem Leisetreten der Studenten.

Ich hielte es für sehr seltsam, wenn irgendeine Lobby (ja,
Studierendenvertreter sind auch nur eine Lobby) aktuell beim
Umbau kategorisch mauern würde, denn dies hätte durchaus das
Geschmäckle des Floriansprinzip: Spart nicht bei mir, sondern
bei den anderen.

Au weia, der ganze Satz ist so hammerhart reaktionär, dass es sich aus Platzgründen kaum lohnt, den Stück für Stück zu analysieren oder gar zu kommentieren.

Quark, der Student von heute ist durchaus auch
gesellschaftlich engagiert. Aber eben nicht bei den
Rückzugsgefechten des Systemerhalts. Und ich finde das gut so.

Das glaub ich Dir. Haste schon ein paar CDU-Fähnchen an der Uni verteilt? Nicht? Na, dann aber hopp-hopp. Das ist Basisarbeit!

Gruß,
Branden

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Hallo,

Mein Eindruck ist der, daß wir es momentan mit der
politisch uninteressiertesten und auch egoistischsten
Studentengeneration aller Zeiten zu tun haben.

Da kann ich als „Betroffener“ nur sagen: Absolut richtig - zumindest das politisch uninteressiert, als egoistisch will ich lieber nicht bezeichnet werden (und vor allem mich jetzt nicht selbst als solches bezeichnen!)!

Klar, auch heute gibt es noch ASten und eine handvoll
engagierte Studis dort. Aber wo früher Politik gemacht
wurde, geht es heute vornehmlich um den Verkauf alter
Prüfungssammlungen.

Korrekt!

Wobei ich mich durchaus frage, ob der ASTA und die
Fachschaften der richtige Ort für „Politik“ sind …

„Meine“ (U)ASTA schafft es nicht einmal, ein Plakat über die Mauer in den Hof der nächsten Fakultät zu werfen, geschweige denn irgendetwas zu erreichen. Dazu kann ich nur sagen: Auflösen und das Geld vernünftig in die Uni stecken!

Du weißt, dass die Renten ohne großes Echo gekürzt werden?
Du weißt, dass die Arbeitszeiten ohne großes Echo unbezahlt
verlängert werden?

Renten werden gekürzt? Ist mir nicht aufgefallen… :smile:
Soweit ich weiß, werden die Renten auch bloß nicht in dem Maße erhöht, wie es angesichts der Inflation zu erwarten wäre (sogenannte Nullrunde), von einer Kürzung wäre dann nicht die Rede

Hm, wenn „Arbeitszeiten“ unbezahlt erhöht werden ist daran doch nichts unfaires, wenn das bei allen geschieht, oder?

Ich hielte es für sehr seltsam, wenn irgendeine Lobby (ja,
Studierendenvertreter sind auch nur eine Lobby) aktuell beim
Umbau kategorisch mauern würde, denn dies hätte durchaus das
Geschmäckle des Floriansprinzip: Spart nicht bei mir, sondern
bei den anderen.

Natürlich!

Wenn ich mir überlege welches Potential an den Unis
vorhanden ist, daß dort letztendlich die
Leistungsspitze der Gesellschaft von morgen vertreten
ist, wird mir Angst und Bange.

Mir auch, zumal ich, wenn ich mir so meine Kommilitonen anschaue, keine „Leistungsspitze der Gesellschaft von morgen“ sehe, sondern hauptsächlich Leute, die zwar nicht besonders intelligent sind, sich aber gut verkaufen können.
Beispiel: Vorlesung Archäologie:
Student: Wann war das nochmal?
Dozent: So um 8000.
Student: Sie müssen schon sagen ob vor oder nach Christus!

Der Student als perfekt assimiliertes Wesen, der geübt
im wegstecken von Zumutungen ist. Vielleicht doch eine
Blaupause für den gewollten Arbeitnehmer in der
deutschen Wirtschaft?

Quark, der Student von heute ist durchaus auch
gesellschaftlich engagiert. Aber eben nicht bei den
Rückzugsgefechten des Systemerhalts. Und ich finde das gut so.

„Rückzugsgefechte des Systemerhalts“? Wie meinst du denn das?

MfG
Joe King

Hallo,

Das ist doch das Ziel der modernen Universität. Die
Studiengänge sind stark gestrafft, es muss immer schneller
gehen.
Was soll einem Studenten dann übrig bleiben, als sich von
Prüfung zu Prüfung zu hangeln und es möglichst in der
vorgegebenen Zeit zu schaffen, bevor man zwangsweise
exmatrikuliert wird?

*hust*
Ja, man hat ja (beim M.A.) „nur“ die Regelstudienzeit plus 4 (in Worten: VIER) Semester Zeit um sich „von Prüfung zu Prüfung zu hangeln und es möglichst in der vorgegebenen Zeit zu schaffen, bevor man zwangsweise exmatrikuliert wird“! Lächerlich!

Allerdings bleibt die Schärfung der
Persönlichkeit auf der Strecke. Eigene Standpunkte …

Da stimme ich dir zu - es wird tatsächlich nur noch konsumiert
und akzeptiert.

Meistens, ja. Allerdings bleibt vor allem das Selbststudium auf der Strecke, man hat einfach keine Zeit mehr, mal zwischendurch ein (mit dem Studium zusammenhängendes!) Buch zu lesen.

Ich bin allerdings auch einer der wenigen Studenten, die über die Studentenschaft allgemein sagt, dass die meisten nicht an die Uni gehören, sondern lieber eine Ausbildung gemacht hätten. Außerdem ist für viele Studenten das Studium immer noch nur Party - so kann es einfach nicht sein!

MfG
Joe King

Hallo F.,

Der damalige Student konnte sich zur künftigen Elite zählen
(allein der Knappheit der Bildungstitel wegen), was er heutige
so nicht mehr kann;

Genau deshalb bin ich dafür, beim Abitur stärker „auszusortieren“. Klingt böse, meint aber natürlich nicht nach sozialen Gesichtspunkten, sondern man sollte die Abiaufgaben schwerer machen, wobei schwerer hier nicht mein, dass man mehr auswenig lernen muss, sondern mehr Transferleistung bringen muss, damit endlich die dummen Leute, die gut ausweniglernen können kein Abitur mehr kriegen, sondern die wirklich intelligenten!
Wenn man sich so anschaut, wer heutzutage alles das Abi schaftt…

Es dürfte klar sein, dass solche Dinge sich bis ins Mark der
studentischen Mentalität einbrennen; diese strukturellen
Vorgaben aber dürfen nicht ohne weiteres in einer kritischen
Analyse voluntaristisch dem „sedierten Studenten“ zur Last
gelegt werden.

Logisch.

Ja, das alle stimmt sicherlich; Adorno -dieser seltsame
Charakter- brach die Vorlesung ab, als die ersten BHs flogen

Hm, das würde heute keiner mehr machen! :smile:

MfG
Joe King

Hallo F.,

  1. es gibt heute keinerlei Möglichkeit für den kollektiven
    sozialen Aufstieg einer Generation, weshalb der Aufstieg
    einzig als individueller möglich ist. Und wenn man ständig
    Acht haben muss, auf der Reise nach Jerusalem nicht zwischen
    die Stühle zu fallen, hat man keine Zeit, von der Zerstörung
    Jerusalems zu träumen.

Sehr schön formuliert! Aus dem obigen Absatz ergibt sich dann noch eine ganze Menge weiterer Schlüsse, aber das wird dann auch ein wenig off-topic.

MfG
Joe King

Hallo Tom,

Du beschreibst sehr treffend den Zustand an den Unis.
Ich habe in insgesamt 10 Jahren an verschiedenen
Hochschulen niemals erlebt, daß die Wahlbeteiligung zu
irgendeinem Gremium über 20% lag. Und daß obwohl zu
wichtigen Wahlen Fachschaftsvertreter in die Hörsäle
gingen um die Studenten zu ermuntern doch bitte wählen
zu gehen.
Das ist nun wirklich ein Armutszeugnis.

Eben, wenn mitten während einer Vorlesung irgendein langhaariger Kiffer trillerpfeifend in den Saal stürmt und versucht, die Leute zu zwingen, jetzt sofort irgendwohin zu gehen, DAS ist ein Armutszeugnis!

Außerdem: Wieso sollte ich an der Uni (!) irgendwelche Heinis wählen? Welche Vorteile habe ich als Student denn davon, dass Mr. X oder Mrs. Y gewählt werden? Eben - KEINE! Da wird nur weiteres Geld rausgeschmissen, das man sinnvoller verwenden könnte - zumal (U)ASTA, Fachschaften und andere Vereinigungen sowieso nix zu sagen haben, schon gar nicht in der sogenannten Hochschulpolitik!

MfG
Joe King

Hallo Paul,

Das Problem ist vielleicht zum Teil auch hausgemacht. Ich
persoenlich gehe zwar zur Wahl, aber Hand aufs Herz, mir ist
es sch*issegal ob die „Linke AntiFa-Liste“ oder die „Liste der
Linken AntiFas“ oder die „Radikal Linke Liste“ letzten Endes
die Stimmenmehrheit bekommt. Ja, es gibt bei uns in Bremen im
Grunde 2 Alternaven dazu fuer die ich meine Stimme auch
abgebe, dafuer muss ich mir dann gelegentlich anhoeren dass
das alles „Rechte sind, weil sie die Themenbereiche der AntiFa
und der Frauenbewegung nicht behandeln“. Noe, die wollen ja
nur eine *Hochschul*politik betreiben, und
Frauenunterdrueckung sowie Faschismus habe ich an meiner Uni
bis jetzt als Probleme nicht wahrgenommen, tut mir Leid. Was
ich allerdings sehe ist, wie genau diese ganzen
„AntiGlobalisierungRadikaleLinkeAntiFablablubb“-Leute
sinnvolle Veranstaltungen wie z.B. die Job- und
Praktikumsboerse an der Universitaet, bei der ortsansaessige
Firmen zum Teil *um die Studenten werben* (und das bei der
heutigen Wirtschaftslage), torpedieren weil „da is ne Firma
dabei, die machen auch Ruestungsindustrie und so und wir
finden das voll nicht ok, ja?“

Da bin ich mal froh, dass unsere Fachschaft jetzt nicht auf Teufel komm raus links-politisch ist, sondern sich eher als Wie- kann- man- den- Studenten- das- Leben- leichter- machen- Verein versteht. Sonst würde mich meine Begeisterung für die Fachschaft auch eher in Grenzen halten.

Gruß Kati

Hallo Branden,

Ich habe vor einem Weilchen mal erbost an die GRÜNEN geschrieben, weil :sie erst den Sohn von Dutschke aufgstellt haben

Wobei man doch auch niemanden aufstellen sollte, nur weil er der Sohn von irgendjemandem ist, oder? Ich hasse diese Vetternwirtschaft besonders im Politikbereich!

Ich weiß, dass du darauf nicht hinauswolltest…

MfG
Joe King

Völlige Zustimmung!
Hallo Lindscha,

ich habe kleinere studienpolitische Erfahrungen gemacht.
Folgendes:
An meiner alten Uni sollten einige, für mich eigentlich total
unbedeutende, Studiengänge geschlossen werden. Dagegen wurde
demonstriert. Wir waren zwei mal mit 10.000 Studenten auf der
Straße. Wir haben den Verkehr lahmgelegt (und den Hass der
Bevölkerung abbekommen) und haben versucht, mit Politikern zu
sprechen - no way. Vorher gab es etwas, was sich
Vollversammlung nannte - ich habe noch nie eine so peinliche
Veranstaltung gesehen. Von den Rednern waren etwa 80% jenseits
der 30 und rühmten sich damit, schon sehr viel in sehr langer
Zeit ohne Abschluss studiert zu haben. Andere drückten uns in
dem Zusammenhang ein „Rettet die Wale“-Flugblatt in die Hand.

Genau das gleich kenne ich auch: Bei uns gab es eine Demo und nach dem Marsch zum Hauptgebäude der Uni kamen ein paar Leute dort raus, die meinten „Wir sind für mehr Emanzipation und einen größeren Frauenanteil an Unis“. Außer mir sind dann noch relativ viele andere Leute gegangen. In Freiburg wurde auch das Verwaltungsgebäude besetzt, aber gebracht hat das auch nicht, außer dass die Gammler, die da „Besetzer“ waren, einige Veranstaltungen verpasst haben.

Die Diskussion in den dafür vorgesehenen Gremien endete in
einem Untersuchungsausschuss, weil Gelder, die für die Demos
bereit standen, verschwunden waren. Alles in allem war die
Aktion unglaublich peinlich. Als die Studis dann anfingen zu
streiken (!), habe ich nicht mehr mitgemacht.

Ich fand das herrlich, endlich waren wir keine 100 Leute pro Dozent mehr, sondern nur noch 15! Also Leute, streikt öfter!

Studis haben keine Macht, keine politische und keine
wirtschaftliche.

Genau richtig!

Mir ist es die Sache nicht wert, wegen diesen
Demos ein Semester nicht anerkannt zu bekommen oder einen
Schein nicht zu schaffen.

Mir auch nicht!

Ich stehe dazu, ich gehe nur
studieren, um möglichst schnell wieder aus der Uni raus zu
kommen. Ich brauche aufgrund eines Fachwechsels ein Semester
länger, es ist momentan unglaublicher Stress und Druck und
trotzdem käme ich nicht auf die Idee, irgendwie mal langsam zu
machen und ein Semesterchen dranzuhängen.Ich habe überhaupt
keine Zeit, mich irgendwo zu engagieren. Und ich habe gesehen,
wie ein Großteil derer, die sich engagieren, genau das
Klischee ausfüllen, das man von Langzeitstudenten hat.
Außerdem bin ich noch jung und möchte noch mehr lernen. Ich
studiere etwas, was mich wahrscheinlich nicht bis zum Ende
meines Lebens glücklich machen wird. Ich möchte Aufbaustudien
machen, die ich dann selbstverständlich bezahlen muss, und die
möchte ich nicht erst mit 30 anfangen. Ich möchte ins Ausland
und nicht für immer in der Provinz an einer Provinzuni
rumsitzen und gegen etwas sein, nur um dagegen zu sein. Und
dieses Gefühl befällt mich bei Studenten sehr oft.

Ich auch/Geht mir auch so/Verstehe ich absolut!

Grüße!

auch

MfG
Joe King

Eben, wenn mitten während einer Vorlesung irgendein
langhaariger Kiffer trillerpfeifend in den Saal stürmt und
versucht, die Leute zu zwingen, jetzt sofort irgendwohin zu
gehen, DAS ist ein Armutszeugnis!

Die Leute, die du beschreibst habe ich in unserer Fachschaft noch nicht erkennen können, aber vielleicht hast du ja einfach Pech mit deiner Uni. Fachschaftler bei uns sind ganz normale Leute (oder sagen wir zumindest, dass der Anteil der Spinner nicht deutlich höher ist als sonst), die eben versuchen, den Studentenalltag etwas zu verbessern (oder auf einem guten Niveau zu halten).

zumal (U)ASTA, Fachschaften und andere Vereinigungen
sowieso nix zu sagen haben, schon gar nicht in der sogenannten
Hochschulpolitik!

Also ich finde schon, dass Fachschaften gute Sachen machen (da in anderen Unis anscheinend langhaarige, trillerpfeifende Kiffer ihr Unwesen treiben, kann ich jetzt hier nur ein paar Beispiele von uns nennen): Skriptenverkauf, Verhandlung mit den Verkehrsbetrieben über ein Semesterticket, Vorlesungsumfragen, diverse Partys, Einführungsveranstaltungen für Erstsemester, Stellungnahmen zu Busplänen, Vorschläge was mit Studiengebühren gemacht wird, Fachbereichsräte, Mitbestimmung bei der Vergabe von Preisen für gute Lehre,…

Gruß Kati