Hallo Franz,
68 war eine ganz andere Situation: die Studenten wussten, dass
sie alle in die ökonomisch-administrativen Spitzenpositionen
kommen werden, mit Mao oder ohne Mao, mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh
oder mit Ho-Ho-Holnocheinbier, scheißegal, der Weg war offen,
es stand kein Preis auf Konformität.
Hier gehe ich nicht so ganz konform. Einem guten Teil der Studenten damals war nicht klar, daß die gut dotierte Stelle wartete. Schließlich wurden die Posten ja immer noch vom Establishment, das zu bekämpfen man angetreten war, vergeben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an den Radikalenerlaß (der erstaunlicherweise heute noch angewendet wird).
Die Studenten wussten, dass sie gesamtgesellschaftliche
Rückendeckung haben, wie dies beispielsweise die Wahl Brandts
eindeutig indiziert.
Naja, also gesamtgesellschaftlich Rückendeckung hatte die Studentenbewegung zu keinem Zeitpunkt. Ich bitte Dich! Wäre das so gewesen, dann hätten die Jungs und Mädels nicht auf die Strasse gehen müssen.
Und die Studenten hatten Rückenwind überall auf der Welt:
Prager Frühling, Black Panthers, Feminismus,
Entkolonialisierung, Vietnamkrieg, etc.
Hey Franz. Sieh’ Dich doch gerade diese Tage mal um. Frankreich oder Minsk zum Beispiel. Es ist ja nun wirklich nicht so, daß das Gespenst der politischen Lethargie in ganz Europa umhergeht.
Und heute? Globalisierungskritik (sicherlich zu einem guten
Teil von Studenten vorgebracht)?
Aber nicht überwiegend von deutschen Studenten! Ich glaube bei Attac ist der übergroße Anteil der Mitglieder aus Frankreich und Italien.
Inwiefern bin nun aber „politisch“? Mein Gott, als Student
gegen Studiengebühren zu sein, ist so politisch wie als
Gewerkschaftler für 5% mehr zu sein, oder als Rentner für mehr
als Nullrunde zu sein. Es fährt halt jeder nach Berlin, und
hält ein Pappschild hoch …
Wenn doch nur die Studenten gegen die Gebühren wären. Hast ja selbst gelesen was von deren Seite hier gepostet wird. Hey, ich erwarte , oder besser erhoffte, einfach politisches Engagement. Die List an der Diskussion und am Thema an sich. Wenn ich heute durch die Uni spaziere muß ich ja schon lange suchen bis ich mal jemanden in der Cafete sehe der den Spiegel liest. Verstehst Du, daß ist es was ich meine. Das überwiegende Desinteresse an politischen und gesellschaftlichen Themen.
Vielleicht ließe sich ja mit Protesten in der Tat was
rausholen: 450,- pro Semester statt 500,- zum Beispiel.
Jetzt mache das mal nicht so runter. Mit der Einstellung es bringe ja eh nichts, man brauche dann gar nicht antreten, ist man schon tot.
Gruß
Tom

