Sehr spezieller Fall-infinitiv mit oder ohne zu

Liebe Experten und Expertinnen,

mit meinen sehr fortgeschrittenen Schülern beschaftige ich mich
gerade mit dem Infinitiv mit „zu“.

Folgender Satz schafft mir und auch meinen Kollegen Probleme:

Das Erste, was ich nach dem Aufstehen tue, ist…

  1. „lesen“ oder „zu lesen“? Wir sind für „lesen“, dennoch erscheint
    mir „zu lesen“ auch nicht komplett falsch.

  2. Gibt es hierfür eine Regel?
    Ich kann mir Vorstellen, dass die Antwort mit der
    Satzstruktur zu tun hat. Was ist zum Beispiel der Unterschied
    zwischen dem o.g. Satz und diesem: „Ziel ist es, den Text zu
    verstehen.“?

Grüsse,

Christiane

Hallo,

Folgender Satz schafft mir und auch meinen Kollegen Probleme:

Das Erste, was ich nach dem Aufstehen tue, ist…

  1. „lesen“ oder „zu lesen“? Wir sind für „lesen“, dennoch
    erscheint
    mir „zu lesen“ auch nicht komplett falsch.

Ich bin zwar kein Deutschlehrer, aber ich würde einfach mal behaupten, ohne irgendwelche Beweise, dass es nur „lesen“ heißt, da ich nicht extra aufstehe - um - irgendetwas zu machen.
Also: Das erste, was ich nach dem Aufstehen tue, ist lesen!
Anders(IMHO) würde lauten: Ich stehe extra auf, um zu lesen!

Kann auch sein, dass ich völlig daneben liege, aber so würde ich diesen Satz weiterführen!

lg

Danke, PaleMan, ja der gesunde Menschenverstand, insbesondere der eines deutschen Muttersprachlers, kommt zu diesem Schluss.

Mich intressiert vor allem, wie ich das meinen Schülern plausibel machen kann und ausserdem muss es da doch eine Regel geben…oder zumindest eine grammatikalische Erklärung.

Grüsse

Das Erste, was ich nach dem Aufstehen tue, ist…

  1. „lesen“ oder „zu lesen“?

Hi!
Was ich nach dem Aufstehen tue, ist lesen.
Das Erste, was ich nach dem Aufstehen tue, ist zu lesen.
So entspricht es meinem - erworbenen - Sprachgefühl;
vielleicht entsprechend der Regel, dass nach einem auf den Infinitiv hinweisenden Wort (hier: das Erste) der Infinitiv das „zu“ verlangt.
Beispiel:
Lesen ist schön. - Schön ist ES zu lesen.
Gruß!
Hannes
PS: Ich bitte um Berichtigung, wenn es jemand besser weiß.

Hallo Hannes

Was ich nach dem Aufstehen tue, ist lesen.

Beispiel:
Lesen ist schön. - Schön ist ES zu lesen.

Richtig, man kann das Wort „Lesen” im ersten Fall sogar auch als substantivierten Infinitiv auffassen und großschreiben:

Das Lesen ist schön, Lesen bereitet mir Freude.

Canoo schreibt hierzu:
Sie hat schon früh sprechen gelernt
(= gelernt zu sprechen).

oder:
Sie hat schon früh Sprechen gelernt
(= das Sprechen gelernt).

http://www.canoo.net/services/GermanSpelling/Regeln/…

Hier ist also alles möglich:

  • substantivierter Infinitiv,

  • einfacher Infinitiv,

  • erweiterter Infinitiv

Gruß Gernot

Hallo,

nachdem mein Sprachgefühl nach einer ersten Tendenz zu einem einfachen „lesen“ auch verwirrt war, habe ich gerade durch http://canoo.net/ gestöbert und bin zu folgender Ansicht gelangt:

Das Erste, was ich nach dem Aufstehen tue, ist (zu) lesen.

Ich denke, „das Erste, was ich … tue“ ist ein Prädikativ, dass zusammen mit der Kopula „ist“ das Prädikat des Satzes bildet, und das Subjekt „(zu) lesen“ charakterisiert. (http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Satz/Sat…)

Also sollten wir diesen Satz erst einmal die „normale“ Wortstellung herstellen:

Lesen ist das Erste, was ich tue.
Zu lesen ist das Erste, was ich tue.

Hier würde ich mich spontan für die erste Variante entscheiden. Bei Canoo steht hier (http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Ver…) leider recht wenig dazu, nur dass ein erweiterter Infinitiv als Subjekt sowohl mit (häufiger) als auch ohne „zu“ stehen kann. Hier haben wir allerdings keinen erweiterten Infinitiv; anders wäre das bei

Ein Buch lesen ist das Erste, was ich tue.
Ein Buch zu lesen ist das Erste, was ich tue.

oder bei deinem Beispiel

„Ziel ist es, den Text zu verstehen.“

Den Text zu verstehen, ist das Ziel.

Hier ginge wohl auch (ähnlich zum „verstehen“-Beispiel bei Canoo):

Den Text verstehen ist das Ziel.

In der verkürzten (nicht erweiterten) Variante aber wohl nur ohne „zu“:

Verstehen ist das Ziel.

Viele Grüße,

Andreas

Hallo Andreas,

Verstehen ist das Ziel.

Hier handelt es sich bei dem ersten Wort aber um ein Prädikatsnomen und kein Verb.

Zwar geht der Sprachgebrauch auch bei den Nutzern von Wer-Weiss-was hier wild durcheinander, ich würde jedoch in den von Google gefundenen Beispielen das Wort Telefonieren, wenn es direkt auf die Konjunktion dass folgt, immer als Substantiv und nicht als verbalen Infinitiv verstehen.
http://www.google.de/search?hl=de&client=firefox-a&r…

Den Text verstehen ist das Ziel.

… wäre meines Erachtens falsch. Richtig müsste es in der mittel-langen Variante heißen:

(Das) Text-Verstehen ist das Ziel.
oder eben ganz lang:
Den Text zu verstehen(,) ist das Ziel.

Gruß Gernot

Hallo Gernot,

Verstehen ist das Ziel.

Hier handelt es sich bei dem ersten Wort aber um ein
Prädikatsnomen und kein Verb.

meinst du, dass „verstehen“ hier zu „(das) Verstehen“ substantiviert wurde? Dabei würde ich dir zum Teil zustimmen; irgendwie bewegt sich dieses „verstehen“ zwischen Verb und Substantiv. Allerdings ist in diesem Satz ein Prädikatsnomen (ich musste erst einmal nachlesen, was das ist) doch nur „das Ziel“, oder?

Was wäre denn mit „Irren ist menschlich.“? Analog zum Lateinischen („errare humanum est“) und Englischen („To err is human“) scheint mir „irren“ hier auch ein recht normaler Infinitiv zu sein, aber ich muss zugeben, dass ich hier auch schwanken würde, wenn er nicht gerade am Satzanfang auftaucht, ob ich ihn großschreiben sollte.

Zwar geht der Sprachgebrauch auch bei den Nutzern von
Wer-Weiss-was hier wild durcheinander, ich würde jedoch in den
von Google gefundenen Beispielen das Wort Telefonieren,
wenn es direkt auf die Konjunktion dass folgt, immer
als Substantiv und nicht als verbalen Infinitiv verstehen.

Interessant; mein Verständnis schwankt wie oben gesagt irgendwie dazwischen. Aber da beide Varianten das gleiche bedeuten, ist das im Prinzip auch egal.

Hier hatten die Autoren in der Überschrift dasselbe Problem: http://www.welt.de/wams_print/article3045854/Zu-Haus…

Das liest sich in meinen Augen (und Ohren) recht schön. Würdest du das auch umschreiben in

Zu-Hause-Telefonieren ist mitunter schwierig.
oder
Zu Hause zu telefonieren, ist mitunter schwierig.?

Das erste sieht für mich sehr hässlich aus; das zweite ginge (wenn da nicht so viele "zu"s wären :wink:).

Viele Grüße,

Andreas

Hallo Gernot,

Was wäre denn mit „Irren ist menschlich.“? Analog zum
Lateinischen („errare humanum est“)

Ja, hier würde ich dt. Irren und lat. errare als Substantive auffassen. Im Lateinischen nennt man das ja auch Gerundium. Dieses substantivierte Verb ist dort im Nominativ formal jeweils mit dem Infinitiv Präsens Aktiv identisch.

Hier hatten die Autoren in der Überschrift dasselbe Problem:
http://www.welt.de/wams_print/article3045854/Zu-Haus…

Das liest sich in meinen Augen (und Ohren) recht schön.
Würdest du das auch umschreiben in

Zu-Hause-Telefonieren ist mitunter schwierig.
oder
Zu Hause zu telefonieren, ist mitunter schwierig.?

Strenggenommen müsste man das dann auch hier so sehen, aber Canoo gestattet ja beides:
… weil probieren über studieren geht. oder:
…weil Probieren über Studieren geht.

http://www.canoo.net/services/GermanSpelling/Regeln/…

Das erste sieht für mich sehr hässlich aus; das zweite ginge
(wenn da nicht so viele "zu"s wären :wink:).

Das erste findest du wohl hässlich wegen der vielen Bindestriche. Alternativ dazu gibt es ja auch noch die Zusammenschreibung ohne Bindestrich.

Welcher Version würdest du denn bei folgendem Beispiel den Vorzug geben:

Händewaschen ist Pflicht!,

Hände waschen ist Pflicht oder

Hände zu waschen ist Pflicht ?

Gruß Gernot

Hallo Gernot,

da du dich so schön auskennst: würdest du also auch sagen, dass in meinem Beispielsatz

"Das Erste, was ich morgens tue, ist…

sowohl „lesen“, als auch „zu lesen“ möglich wäre?

Wie würdest du das deinen DaF- Schülern erklären?

Grüsse

Hallo Andreas,

danke für deine Mühe, ich glaube, da kommen wir der Lösung schon näher…bin aber immer noch verwirrt und muss alles nochmal genau durchdenken.

Gruss

Hallo Gernot,

Im Lateinischen nennt man das ja auch
Gerundium. Dieses substantivierte Verb ist dort im Nominativ
formal jeweils mit dem Infinitiv Präsens Aktiv identisch.

tatsächlich; da ist mein Latinum wohl schon zu lange her.

Das erste findest du wohl hässlich wegen der vielen
Bindestriche. Alternativ dazu gibt es ja auch noch die
Zusammenschreibung ohne Bindestrich.

Zuhausetelefonieren? Sieht ehrlich gesagt fast noch schlimmer aus.

Welcher Version würdest du denn bei folgendem Beispiel den
Vorzug geben:

  • Händewaschen ist Pflicht!

Dieser hier; hmmm … ich glaube, falls es hart auf hart kommt, würde ich mich durch Voranstellen eines „Gründliches“ oder „Regelmäßiges“ aus der Affäre stehlen und die Substantivierung eindeutig machen. :smile:

Vielen Dank für deine Hilfe!

Andreas

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"Das Erste, was ich morgens tue, ist…
sowohl „lesen“, als auch „zu lesen“ möglich wäre?

Hallo, Mitmu,
jetzt mische ich mich auch noch ein.
Ja, beides ist möglich. Im ersten Fall ist, wie Hannes schon schrieb, „Lesen“ ein substantivierter Infinitiv (man könnte ja auch den Artikel „das“ davorsetzen)
Im zweiten Fall ist es ein stinknormaler Infinitiv, der mit „zu“ anzufügen ist und natürlich klein geschrieben wird.

Gruß
Eckard

Lieber Eckard,

sollte es tatsächlich so einfach sein…danke für die Zusammenfassung! Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr!

Eine ebenso einfache wie logische und total einleuchtende Erklärung!

Danke Euch allen, die sich hier mit dem Thema beschäftigt haben!

Schönen Tag noch :smile:

Mitmu

Hallo Eckard,

Ja, beides ist möglich. Im ersten Fall ist, wie Hannes schon
schrieb, „Lesen“ ein substantivierter Infinitiv (man könnte ja
auch den Artikel „das“ davorsetzen)
Im zweiten Fall ist es ein stinknormaler Infinitiv, der mit
„zu“ anzufügen ist und natürlich klein geschrieben wird.

Dem schlösse ich mich gerne an. Aber was machen wir mit erweiterten nominalisierten Infinitiven, wie Andreas schon anmerkte?
/t/sehr-spezieller-fall-infinitiv-mit-oder-ohne-zu/5…

Also jetzt mal provokant gefragt, welche Varianten sind möglich?



  • 1) Das Erste, was ich morgens tue, ist (das) Kölner-Stadt-Anzeiger-Lesen.


  • 2) Das Erste, was ich morgens tue, ist das Den-Kölner-Stadt-Anzeiger-Lesen.


  • 3) Das Erste, was ich morgens tue, ist den Kölner Stadt-Anzeiger Lesen.


  • 4) Das Erste, was ich morgens tue, ist den Kölner Stadt-Anzeiger lesen


  • 5) Das Erste, was ich morgens tue, ist(,) den Kölner Stadt-Anzeiger zu lesen.


  • 6) Das Erste, was ich morgens tue, ist das Lesen des Kölner Stadt-Anzeigers.




Gruß Gernot