Soziale Ängste

Hallo,

vor einiger Zeit gab es hier einen Thread über Ängste und deren Therapiemöglichkeiten. Soweit ich mich erinnere, war die Rede von Ängsten, die nicht mit schlechten Erfahrungen zusammenhängen (z. B. Angst vor Spinnen), sondern eine Art Stellvertreterfunktion für andere Problematik haben, und die empfohlene Therapie bestand in der Konfrontation mit der Angst.

Wie sieht es aber mit sozialen Ängsten aus, die ganz stark mit schlechten Erfahrungen zusammenhängen? Angst vor Ablehnung, Angst vor Zurückweisung, vor grober Zurechtweisung, und davor, lächerlich gemacht zu werden - und genügend entsprechende Erlebnisse. Es heißt oft, man müsse sich den Ängsten stellen - aber Konfrontation birgt das Risiko, wiederum solche negativen Erlebnisse zu haben, wo einen vielleicht niemand auffängt, und lange zu brauchen, bis man sich ein bißchen wieder erholt hat. Von Mal zu Mal länger.

Dazu gehört seit jeher ein schlechtes Selbstwertgefühl, bis hin zu Zweifeln an der eigenen Existenzberechtigung.

Grüße,

I.

Hallo,

Ängste, die nicht mit schlechten
Erfahrungen zusammenhängen (z. B. Angst vor Spinnen), sondern
eine Art Stellvertreterfunktion für andere Problematik haben,
und die empfohlene Therapie bestand in der Konfrontation mit
der Angst.

nicht ganz. Angst vor Spinnen muß keine Stellvertreterfunktion für andere Probleme haben. Aber wenn sie eine Stellvertreterfunktion hätte, dann wäre eine Konfrontationstherapie allein nicht empfehlenswert.

Wie sieht es aber mit sozialen Ängsten aus, die ganz stark mit
schlechten Erfahrungen zusammenhängen?
Dazu gehört seit jeher ein schlechtes Selbstwertgefühl, bis
hin zu Zweifeln an der eigenen Existenzberechtigung.

In diesem Fall scheint mir auf den ersten Blick die Angst auf ein dahinterliegendes Problem zu weisen, nämlich das niedrige Selbstwertgefühl. Wenn das so ist, wäre Konfrontation allein nicht ausreichend.

Allgemeiner gesprochen:

Wenn die sozialen Ängste auf „tiefer“ liegende Ursachen zurückgehen, dann ist eine Therapie angezeigt, in die diese „tiefer“ liegenden Ursachen mit angegangen werden.

Wenn die sozialen Ängste vorwiegend auf schlechte Erfahrungen aufgrund mangelnder sozialer Fertigkeiten zurückgehen, dann ist eine andere Art von Therapie angezeigt.

Ein bißchen mehr dazu findest Du hier:

http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Psy…

Es heißt oft, man müsse sich den Ängsten stellen -
aber Konfrontation birgt das Risiko, wiederum solche negativen
Erlebnisse zu haben,

Ja, das ist eine Gefahr, u.a. bei einer schlechten Therapie.

Beste Grüße

Hallo!

Soziale Ängste sind am besten im SKT (Soziales Kompetenztraining) aufgehoben. Da übt man innerhalb einer Patientengruppe in Form von Rollenspielen bestimmte soziale Situationen.
Vorteil ist, dass man verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren kann, schauen kann, was einem liegt und was nicht, und direkte Rückmeldung von den anderen Teilnehmern bekommt (also hat man auch mal eine neutrale Außensicht). Die Rückmeldungen sind immer kosntruktiv, so dass man im geschützten Rahmen übt. Am Anfang kostet das Spielen sicherlich einige Überwindung, aber in den 6 Monaten, wo ich selber SKT durchgeführt habe, haben alle Patienten sehr profitieren können! Ich kann SKT also nur wärmstens empfehlen…

Alles Gute für Dich oder die Person, für die Du gefragt hast! :smile:

Nina

Hallo Nina,

Soziale Ängste sind am besten im SKT (Soziales
Kompetenztraining) aufgehoben.

so pauschal kann man das nicht sagen. Ein soziales Kompetenztraining ist dann indiziert, wenn die sozialen Ängste in erster Linie auf unzureichende soziale Fertigkeiten zurückgehen. In den Fällen, in denen soziale Ängste in erster Linie auf dysfunktionale Überzeugungen über sich selbst, die Welt und die Zukunft zurückgehen, reicht SKT nicht aus.

Beste Grüße

Dysfunktionale Überzeugungen über sich selbst, die Welt und die Zukunft klingt nach kognitiver VT nach Beck. :wink:

Aber auch im SKT kann man dysfunktionale Schemata sprengen, da man ja direkte Rückmeldungen aus der Gruppe kriegt. Viele negative Überzeugungen basieren ja auf einer fulminanten Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung, die einem im SKT deutlich gemacht wird. Zudem sitzen da andere Patienten, die vielleicht noch glaubwürdiger (weil auf einer Stufe) beim Patienten ankommen.

Fazit:
SKT und KVT sind eine schöne Kombination. Pauschalaussagen kann man im Bereich Psychotherapie sowieso nicht machen.

Konfrontation wird vorbereitet
hi,

konfrontation birgt das risiko erneuter unangenehmer erfahrung -stimmt. deswegen muss das auch richtig vorbereitet werden, dafür sind therapeuten spezialisten. für die (auch mögliche) einfach-drauflos-konfrontation muss man eine ausreichende rest-stabilität haben, wenn man die spürt, sollte man ohne therapeuten versuchen, das zu tun, was einem angst macht, und zwar klein anfangen, so dass die situation auch bewältigt werden kann. wird sie nicht bewältigt, hast du mit deiner beschreibung recht, das wird´s irgendwie finsterer…

daher: abstufung aufschreiben -wer höhenangst hat, sollte erst mal auf einen stuhl steigen, dann auf eine mülltonne, dann auf eine telefonzelle, dann vom treppenhaus runtergucken und als letztes erst in den dolomiten auf dem berggrad balancieren.

für soziale angst gilt dasselbe: bewusst situationen aufsuchen, die unangenehm sind, aber bewältigt werden können, wenn man nicht vermeidet. dann wird es besser und man kann die nächste schwierige aufgabe angehen.

Hallo,

in meiner Kindheit habe ich viele Verletzungen erfahren, ich hab hier schon mal darüber geschrieben. Meine Mutter war 17 als ich zur Welt kam, ich war also alles andere als ein Wunschkind. Das wurde mir auch so vermittelt, ich war zu allem zu blöd, nichts aber auch gar nichts konnte ich meiner Mutter und meinem Stiefvater recht machen. Sprüche, wie „Du hast zwei linke Hände, am besten Du läßt sie Dir amputieren“ habe ich fast täglich zu hören bekommen.

Mit 14 hatte ich einen Unfall. Als Fußgänger bin ich bei rot über die Ampel (der Schulbus wartet nicht) und in ein Auto gelaufen. Ich hatte mir damals beide Beine mehrfach gebrochen, also ein Bruch mit Kniebeteiligung rechts, linker Oberschenkelbruch sowie zweigradig offene Unterschenkeltrümmerfraktur links. Allesamt mußten operativ versorgt werden. Ich durfte über 31/2 Monate nicht aufstehen, wurde in dieser Zeit 5 x operiert. Mein Unterschenkel war so geschwollen, das ein Entlastungsschnitt gemacht werden mußte. Das bedeutet das die Haut aufgeschnitten wird und der Muskel freigelegt wird. Hier mußte täglich ein Verbandwechsel gemacht werden. Ich weiß nicht ob ich wirklich so schmerzempfindlich bin, kann sein, aber mir wurde immer wieder gesagt, du bist verweichlicht, stell dich nicht so an. So weh kann das nicht tun. Mein Unfall passierte damals kurz vor Weihnachten. Als ich geweint habe, weil ich nach Hause wollte, hat meine Mutter mir gesagt, wenn ich nicht aufhöre kippt sie mir ein Glas Wasser ins Gesicht, was soll ich sagen, das Wasser landete in meinem Gesicht…

Heute ist es so, daß mein Leben eine einzige Gradwanderung ist und ich nie weiß wann der Absturz droht. Da können einen schon Kleinigkeiten aus der Bahn werfen.

Einiges ist besser geworden, heute traue ich mich wieder in ein Lokal zu gehen, ohne das ich vor Angst verkrampfe, mir könnte dort ein Mißgeschick passieren. Um vieles muß ich aber Tag für Tag kämpfen. Ich habe mir „Mauern“ aufgebaut, diese Mauern haben den Vorteil, daß einiges an Verletzungen einfach nicht an sich herangelassen wird. Der Nachteil besteht aus sozialer Isolation.

Ich habe versucht, erst mal in einem Forum, wie diesem, wieder Vertrauen zu Menschen aufzubauen, ist leider nicht so gut gelaufen, siehe Plauderbrett mein Beitrag zu Babyborn.

Schuld bin ich selber, ich wollte wissen ob Babyborn ein Troll ist oder nicht. Ich war mir da nicht sicher, manches sprach aus meiner Sicht dafür, manches auch nicht. Vielleicht habe ich das nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht.

Jedenfalls haben mich einige der Kommentare doch so getroffen, daß mir momentan nur der Rückzug aus diesem Brett bleibt - Selbstschutz, meine Mauern halt.

Eine Spinnenphobie, die nicht auf schlechten Erfahrungen mit diesen Tieren beruht, ist in der Tat eine Verschiebung, und zwar von schlechten Erfahrungen mit Menschen, weshalb sich hierbei letzlich die gleiche Problematik ergibt wie die in der von Dir angeführten Frage. Bevor es hierbei zu konkret therapeutischen Maßnahmen kommt: eben die vorsichtige Konfrontation mit Situationen, die ähnlich denen sind, in denen die Ängste ursprünglich entstanden, sollten diese Ursachen tiefenpsychologisch geklärt werden, z.B. auf dem Wege der Traumanalyse. Sie macht die in das „Unbewusste“ verdrängten Störungen des frühkindlichen Urvertrauens (wieder)bewusst, auf denen alle sozialen Phobien samt deren stellvertretenden Symboliken beruhen, und allein diese aus den Botschaften der eigenen Träume gewinnbaren Erkenntnisse wirken schon sehr beruhigend und fördern den Mut.

Außerdem: Die Arbeit mit dem Analytiker führt früher oder später, so wie während jeder anderen engen Beziehung auch, zu einer sog. „Übertragung“, durch die man gefühlsmäßig in die Situation seiner frühen Kindheit zurückfällt, dabei dem jeweiligen Gegenüber die Rolle der ersten Bezugspersonen zuschreibend, ein meißt höchst problematisches Verhältnis. Dessen nachträglich gemeinsame (zwischenmenschliche) Verarbeitung / Forschung nach den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten, wird also automatisch zu einem Bestandteil der oben genannten konkreten Therapie.

Hallo Tinchen,

es ist in einem Internetforum so, daß einige Personen dort eine niedrigere Hemmschwelle haben, aggressive und verletzende Kommentare zu äußern, als im „realen“ Leben, von Angesicht zu Angesicht.

Obwohl ich mir denke, das darf man darum nicht so ernstnehmen, würden mich solche Antworten auch treffen. Deshalb scheue ich auch eher davor zurück, z. B. in diesem Brett ein eigenes Problem darzustellen. In diesem Thread habe ich zu dem Trick der unpersönlichen Formulierung gegriffen. Natürlich sind „soziale Ängste“ aber mein Thema.

Meine Geschichte war anders als Deine, das Resultat ist aber vielleicht so ähnlich, und die Gratwanderung, die Du beschreibst, erlebe ich auch. Kleine soziale Mißerfolge können mir für eine ganze Zeitlang den Mut nehmen, meine Stimmung in den Keller schicken, und an einer unverhofft positiv verlaufenen Begegnung schöpfe ich überproportional Hoffnung und halte mich daran fest.

Liebe Grüße,

I.

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