Hallo Spanischinteressierte, insbesondere Helena u. Fabian,
Ich habe vor ein paar Tagen eine Frage zu einem Satz gestellt, woraus sich ein handfester Streit entwickelt hat. Ich fühle mich bemüßigt, die Infos zu ordnen und hier für alle zusammenzufassen:
Der deutsche Satz lautete: Spanien war ein einsames Land, und in seiner Einsamkeit hätte man es damals lassen sollen. Die Musterübersetzung in einem Übersetzungs-Übungsbuch lautet: España era un país solitario y entonces debería habérsele dejado en su soledad.
Meine Frage war, was das „le“ in habérsele soll. Ich meinte, dass mir jemand die syntaktische Funktion erklärt.
Dazu folgende Vorabbemerkungen, die sich v.a. an Helena richten.
Wenn man nach der syntaktischen Funktion fragt, fragt man nach dem Satzglied. Davon gibt es: Subjekt, Prädikat, Objekt, Adverbiale, Prädikativum, und als Satzgliedteil Attribut. Davon ist der Begriff Wortart zu unterscheiden. Wortarten sind z.B. Substantiv, Verb, Pronomen, Adverb. Ein Substantiv kann Subjekt sein aber auch Objekt oder ein anderes Satzglied. Und ein Subjekt kann aus einem Substantiv bestehen aber auch aus einem Verb (im Infinitiv) oder auch aus einem Gliedsatz.
An Objekten unterscheidet man im Spanischen:
- indirekte Objekte mit Präposition „a“, die im Deutschen Dativobjekt heißen und im Spanischen complemento indirecto (c.i.).
- direkte Objekte, von Sachen ohne Präposition, von Personen mit Präposition „a“, die im Deutschen Akkusativobjekt heißen und im Span. complemento directo (c.d.)
- Präpositionalobjekte, es gibt z.B. para-Objekte, de-Objekte u.a.
Die Begriffe Dativobjekt und Akkusativobjekt werden auch im Spanischen oft benutzt, z.B. von der RAE selbst. Aus der Tatsache, dass direkte Objekte von Personen mit der Präposition „a“ gebildet werden, genauso wie indirekte Objekte, resultiert offenbar, dass viele Spanier die Begriffe c.d. und c.i. oft durcheinanderhauen. Der Gebrauch von Dativ- und Akkusativobjekten stimmen im Deutschen und Span. weitgehend überein. Eine der seltenen Ausnahmen ist z.B. ayudar, das im Span. en c.d. verlangt, während das deutsche Pendant helfen den Dativ verlangt.
In Passivsätzen gibt es oft eine Angabe mit por, z.B. „La ventana fue rota por los niños.“ Dieses „por los niños“ ist aber eine freie Angabe (Adverbiale), die man complemento agente nennt. Sie kann aber fehlen und fehlt in den meisten Passivsätzen auch, denn das ist ja gerade der Gag des Passivs, dass das Agens nicht genannt werden muss, also die Valenz des Verbs reduziert wird. Auch der Begriff complemento agente scheint von Spaniern oft mit den Objekten durcheinandergebracht zu werden, weil das im Span. alles complemento soundso heißt, also begrifflich nicht zwischen Objekten und freien Angaben unterschieden wird.
Ohne dir zu nahe treten zu wollen, Helena, empfehle ich dir, sowohl eine deutsche als auch eine spanische Grammatik zu lesen, denn du hast in deinen Antworten überaus konsequent Wortarten und Satzglieder sowie c.d., c.i. und compl. agente durcheinandergewürfelt.
Nun meine Analyse zu dem oben zitierten spanischen Satz.
Es handelt sich entgegen meiner ursprünglichen Annahme nicht um eine pasiva refleja, sondern um ein se impersonal. Dabei gibt es kein Subjekt (man kann sich das so vorstellen, dass das „se“ dem deutschen „man“ entspricht). Das „le“ bezieht sich auf país (ich dachte erst zwanghaft an España, was zu meiner Unsicherheit beitrug). Offenbar wird das Wort país wie eine Person behandelt, so dass „le“ also direktes Objekt von dejar sein kann (leísmo) und hier auch ist, da dejar transitiv ist. (Nochmal @Helena: Der Leísmo wird in Spanien durchaus als schriftsprachlich korrekt angesehen, jedoch nicht in Lateinamerika.) Um das abschließend zu klären, müsste ein Muttersprachler mal klären, ob folgender Satz richtig ist, wobei ich nur le durch lo ersetze:
España era un país solitario y entonces debería habérseLO dejado en su soledad.
Ich freue mich auf eure Kommentare.
Gruß
Marco