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Viele Grüße,
J~ [Moderator]
Berlin hatte, auf Anraten von Lobbyisten, sein Stromnetz an Vattenfall verscherbelt. Für den kurzfristigen Gewinn werden die Stadt und auch die einzelnen Verbraucher noch lange Zahlen müssen. Der komplette Umbau des Netzes auf Ausfallsicherheit bei Anschlägen wird vermutlich noch Jahrzehnte brauchen.
Bis vor wenigen Jahren sah man aber offenar auch keine Gefahr durch Brandanschläge von Terroristen, die sich selbst als „links“ bezeichnen, auf Infrastruktur wie Strommasten oder Strombrücken.
Wie sieht das eigentlich in anderen großen Städten aus? Ist man da so aufgestellt, dass jedes Viertel mindestens zwei Zuleitungen hat? Dann dürfte es doch praktisch keine Stromausfallzeiten mehr in Deutschland geben.
Tatsächlich sind die Stromausfälle in Deutschland so selten bzw. in Summe so kurz wie in kaum einem anderen Land (Platz 3 in Europa) und tatsächlich steht Berlin innerhalb der Bundesländer - je nachdem, welche Größe man heranzieht - ziemlich gut da und liegt bei den Stadtstaaten mit großem Abstand auf Platz 1.
Um das in Zahlen auszudrücken: Verbraucher hatten in Deutschland in den letzten 20 Jahren in keinem Jahr mehr als drei Minuten keinen Strom (im Schnitt, wohlgemerkt).
Am kleinen Ausschnitt der Grafik ist aber zu erkennen, dass der Wert sich in den letzten knapp 20 Jahren fast halbiert hat.
Aber vielleicht meinst Du auch einen ganz anderen Wert:
In der Statistik der Bundesnetzagentur werden alle Versorgungsunterbrechungen im deutschen Stromnetz erfasst, die länger als drei Minuten dauern. So hätten die 830 Netzbetreiber im vergangenen Jahr insgesamt 164.645 Versorgungsunterbrechungen im Nieder – und Mittelspannungsnetz übermittelt. Die Zahl der Störmeldungen hat sich damit gegenüber 2023 um etwa 6300 erhöht, in Summe seien sie jedoch schneller behoben worden, so dass sich die durchschnittliche Unterbrechungsdauer leicht verbesserte. Nicht in die Erfassung fließen Ereignisse ein, die auf höhere Gewalt zurückzuführen sind. Insgesamt verzeichnete die Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr 9,2 Minuten an Versorgungsunterbrechungen in der Mittelspannung und 2,4 Minuten in der Niederspannung.
Quelle: oben verlinkter Artikel
Anmerken möchte ich nochmals, dass keine Ereignisse erfasst werden, die auf höhere Gewalt zurück zu führen sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass Brandanschläge wie der in der dieser Woche und der im letzten Jahr in Adlershof als höhere Gewalt gewertet werden.
Kapitel 1.4 Störungsanlässe / Punkt 5 (Seite 4) - leider kann ich den Text nicht direkt kopieren.
Das sind die gleichen Zahlen. Ich sprach ja vom Verbraucher und für den sind Ausfälle im Bereich der Niederspannung relevant.
Das war mir tatsächlich nicht bekannt. Das nimmt mir aber auch die Sorge, dass irgendwelche Idioten einen aufgrund von Anschlägen sprunghaft angestiegenen SAIDI-Wert für Deutschland als Argument dafür herangezogen wird, dass die Energiewende „wie erwartet“ mit höherer Instabilität im Netz erkauft wird.
Naja, „mich“ sehe ich da nicht eingeholt. Ich mache die Zahlen ja nicht.
Ist wohl so und den wenigsten Menschen ist wahrscheinlich nicht so bewusst, dass nicht nur Internet und Licht am Strom hängen, sondern es bei größeren Ausfällen auch zu Problemen bei der Wärme- und Wasserversorgung geben kann.
technisch interessanter fände ich die Frage, weshalb Krankenhäuser und Pflegeheime in Steglitz-Zehlendorf angeblich über keine ortsfest installierten Notstrom-Diesel verfügen, die anlaufen, sobald die Versorgung über das öffentliche Netz die Grätsche macht und der Anschluss an dieses automatisch abgeworfen wird.
Ich frage mich, warum es diese in Trizonesien überall, nicht nur in allen Einrichtungen der medizinischen Versorgung, sondern u.a. auch an Stellwerken bedeutender Bahnhöfe gibt - schätze, dass das eine Erinnerung an den Kalten Krieg ist, wo etliche Strategen wohl tatsächlich glaubten, nach dem nuklearen Erstschlag bzw. dessen Beantwortung gäbe es noch irgendwas oder irgendwen, der mit Strom versorgt werden müßte…
Die haben sie durchaus, aber sie sind darauf ausgelegt, maximal 24 Stunden zu überbrücken. Der Ausfall hier kann bis zu 5 Tagen dauern.
Der Ausfall betrifft nur einen sehr kleinen Teil von Berlin (5% der Fläche, 35.000 von 2.000.000 Haushalten), so dass es in vielen Fällen einfacher und sicherer ist, betroffene Einrichtungen zu evakuieren als einen Notfallbetrieb zu unterhalten, bei dem es dann keine Reserve mehr gibt.
Kann es so etwas auch in kleineren Bahnhöfen geben, z. B. zum Betrieb der Signale, etc. nach einem großen Stromausfall? In Beratzhausen/Opf. ist mir zumindest ein kleineres Gebäude aufgefallen, aus dem ein Auspuffrohr ragt. Das gibt es auch in ein oder zwei weiteren Bahnhöfen an der Strecke Nürnberg—Regensburg.
Du hast drei Spannungsebenen.
Die Mittelspannung (meist 10 kV) kenne ich ausschließlich als Ring- oder Maschennetz. Mittelspannung lässt sich gut beherrschen und liegt in armdicken Kabeln unter den Gehwegen.
Wenn da ein Segment defekt ist, schaltet man es beidseitig frei und kann in Ruhe den Fehler beheben. Natürlich nur, wenn dann der Rest nicht überlastet ist.
Die Niederspannung (230 / 400 V) versorgt die einzelnen Häuser. Diese Netze sind in aller Regel auch maschenförmig gebaut, wobei die Maschen nicht zwangsläufig geschlossen sind. In meiner Geburtsstadt waren die RWE zuständig, die haben die Maschen offen gelassen. Wenn es da in einem Bereich kräftig geknallt hat, war immer nur ein Transformator betroffen.
Wenn der Trafo selber defekt war, dann setzt man schnell ein paar Brücken in den Straßenverteilern und schon konnte man auf den defekten Ortsnetztrafo verzichten, weil die Nachbartrafos dann übernahmen.
Die Stadt, die meine Geburtsstadt 1974 einverleibt hat, hatte den Netzbetrieb nicht vergeben sondern von den Stadtwerken erledigen lassen. Die fahren mit geschlossenen Maschen. Besserer Ausgleich von Spitzen im Normalbetrieb (es reichen weniger und kleinere Trafos), aber im Störfall ärgerlicher.
Fehler im Nieder- und Mittelspannungsbereich lassen sich meist schnell beheben, behelfsweise schließt man Bereiche zusammen und nimmt defekte Kabel aus dem Verbund heraus.
Kommen wir zum unangenehmen Teil, der Hochspannung. Das deutsche Hochspannungsnetz (Übertragungsnetz) ist im Wesentlichen ein Maschennetz mit etlichen Knotenpunkten.
Es gibt hier die n-1 Regel. Das Übertragungsnetz gilt als gerade noch ausreichend stabil, wenn ein beliebiges Segment ausfallen kann. Hätten die Deppen also eine 380 kV Leitung rings um Berlin zu Fall gebracht, dann hätte der Betrieb schnell wiederhergestellt werden können.
Nun haben wir hier aber einen Bereich mit Hochspannung, der betroffen ist, der nicht zum Übertragungsnetz gehört sondern Teil des städtischen Verteilnetzes ist. Es gibt hier das Heizkraftwerk Lichterfelde, wo mehrere innerstädtischen 110 kV Leitungen zusammentreffen. Die betroffenen Stadtteile haben einen Ring aus 110 kV Leitungen, der die Umspannwerke Kopernikus, Dahlem, Schlachtensee und Claszeile versorgt. In den Umspannwerken wird aus den 110 kV die Mittelspannung erzeugt.
Die den Ring einspeisenden Leitungen führen aber leider alle an derselben Stelle über den Teltowkanal.
Solche „Stichleitungen“, die ganze Gegenden nicht-redundant versorgen, hast du öfter.
Das Stromnetz ist an solchen Stellen besonders vulnerabel.
Durch gleichzeitige Anschläge auf mehrere Hochspannungsleitungen der Übertragungsnetze kannst du halb Europa wochenlang ins Mittelalter bringen. Trassen und Masten sind quasi nicht zu überwachen. Wenn an ein paar Hochspannungsmasten in Europas Wäldern gleichzeitig herumgesägt wird, bekommt man das erst mit, wenn die Dinger am Boden liegen.
Hast du eine Quelle? Ich kann das für Krankenhäuser nicht glauben. Die haben für die wichtigsten Bereiche normalerweise immer Netzersatzanlagen.
Dann muss nachgetankt werden. Die können auch wochenlang laufen.
Aber machen wir uns nichts vor: Ein Krankenhaus, bei dem die OPs und die Intensivstation vollständig mit Strom versorgt werden, ansonsten bis auf die Notbeleuchtung komplett dunkel ist, ist nicht voll funktionsfähig. Vermutlich wird nur ein Aufzug versorgt werden, Funktionsbereiche wie Wäscherei und Küche sind wohl tot.
An Bahnhöfen sind meistens Batterie basierte Notstromversorgungen installiert.
Die Bahn hat aber größtenteils ihr eigenes Stromnetz, daß vom sonstigen Stromnetz unabhängig ist. Mit eigenen Kraftwerken, eigenem Übertragungsnetz und so weiter. Es gibt zwar Verbindungspunkte, so daß bei Bedarf Strom zwischen dem Bahnstromnetz und dem öffentlichen Netz ausgetauscht werden kann, aber letztlich kann der Bahnstrom autark laufen.
Allerdings weiss ich jetzt nicht genau, wie das aktuell noch ist. Im Zuge der Privatisierung wurde auch hier vieles eingespart, kann sein, daß der Bahnstrom nicht mehr so unabhängig ist wie früher mal.
Der Bahnstrom ist einerseits recht autark, aber andererseits wird er oft als Mitnahme auf den Freileitungen anderer Netzbetreiber über weite Strecken geleitet. D.h. wenn z.B. ein Wintersturm ein paar Masten eines VNB oder ÜNB umlegt, dann kann davon auch die Bahn betroffen sein, wenn die an den Masten ein eigenes System hängen hat.
Unabhängig von nem Anschkag mzss man doch mit Unfall, Brückenzerstörung oder auch nur technischem Defekt im Kabel rechnen.
Wäre das System in Berlin korrekt gebaut, hätt es beim Ausfall einer Leitung nur ein kurzes Lichtflackern gegeben, wenn überhaupt. Wenn man natürlich alle Leitungen an einer Stelle verlegt, puh ist das doof, da fehlen einem doch die Worte..
Ja, klingt auf den ersten Blick so. Aber dann schauen wir uns mal den Aufwand an, in einer so eng in diversen Generationen über Jahrhunderte überbauten Stadt wie Berlin mit all ihren (Rüstungs-)altlasten zusätzliche Trassen für solche Kabel zu anzulegen. Von den Kosten der Realisierung von besser gesicherten Gewässerquerungen, z.B. als HDD-Bohrung unter dem Kanalbett hindurch, noch gar nicht gesprochen. Und solche Stellen im Netz sind keine kuriosen Einzelfälle, sondern sind über die Jahrzehnte an tausenden von Orten entstanden. Die zu beseitigen ist eine Aufgabe von diversen Jahrzehnten. Und wenn Du heute schon am Strompreis verzweifelst, dann überlege Dir mal, wie sich der entwickeln würde, wenn man solche Projekte mit Hochdruck in großer Zahl kurzfristig vorantreiben würde (von der Verfügbarkeit von Fachpersonal in Planung, Genehmigung und Realisierung noch gar nicht gesprochen).
Natürlich zwingt uns die aktuelle weltpolitische Entwicklung dazu viele Dinge neu zu überdenken und zu bewerten, und es wird jetzt schon viel Geld und Gehirnschmalz investiert, um das Stromnetz resilienter zu gestalten. Aber dabei konzentriert man sich zunächst auf besonders kritische Punkte im Netz, und es ist einfach eine Illusion zu glauben, dass es finanzier- und machbar wäre, die Versorgung jedes Wohnhauses im Krisenfall sicherzustellen.
Dafür sollen zwei Leitungen, die bisher nicht miteinander verbunden waren, zusammengeführt werden. Das sei allerdings sehr kompliziert, weil hier zwei verschiedene Kabeltechnologien im Einsatz seien: Ein Kunststoffkabel trifft auf ein Ölkabel. Für die Verbindungen der beiden Technologien brauche es speziell ausgebildete Experten, Plusgrade, eine rund 14 Meter lange, tiefe Baugrube und eine möglichst staubfreie Umgebung.
Wir reden bei den hier betroffenen Kabeln nicht von Zeug, dass man in jedem Baumarkt bekommt, sondern Dingen, die man nicht einfach mit ein paar Lüsterklemmen zusammen tüdelt. Kabel und Muffen, … bilden hier Gesamtsysteme, bei denen man nicht einfach mal so alles mit allem verbinden kann. Hier sind verschiedene Technologien aus unterschiedlichen Zeiten betroffen, deren Verbindung schon recht herausfordernd ist. Schließlich will man nicht nach einer halben Stunde wieder den nächsten Ausfall haben.
45000 Haushalte mit wievielen Betroffenen? 100000? 200000? Das ist keine Kleinigkeit, hier muss es sehr wohl Redundanz geben. Ein so großer Ausfall hätte nicht passieren dürfen, egal wodurch. Vielleicht lernen die Verantwortlichen draus. Aber bei Berlin und Lernen siehts düster aus.
Ich komme dann mal wieder aus der Risikoecke: man kann ein System nicht gegen alle denkbaren Risiken absichern. Stromnetze legt man im Allgemeinen so an, dass sie ihren Zweck erfüllen und das ist die Versorgung mit Strom. Natürlich wurden im Zeitverlauf Risiken mit eingeplant, aber das waren vor allem technische Ausfallrisiken. Was ist, wenn ein Kraftwerk ausfällt? Was ist, wenn eine Leitung ausfällt?
Für ein System dieser Komplexität funktioniert das System sehr gut. Ich erwähnte bereits die im internationalen Vergleich extrem niedrigen Ausfallzeiten für Privathaushalte.
Nun sieht man sich mit ganz anderen Risiken konfrontiert: gezielte Anschläge/Sabotageakte auf die Stromversorgung (also die Leitungen; in der Vergangenheit standen vor allem die AKW im Vordergrund - auch literarisch/filmisch), Extremwetterereignisse (siehe Schnee im Münsterland 2004; Hitze, siehe dazu auch Ausfall in den USA 2003), Hackerangriffe.
Ein System, das aber so komplex, so groß und so vulnerabel ist (und bei uns ist ein Großteil der letzten Meile und der Mittelspannung fast vollständig unterirdisch verlegt - das ist längst nicht überall der Fall), komplett zu schützen, ist praktisch nicht möglich und wenn, dann nur zu irren Kosten, die am Ende auch nicht die völlige Sicherheit bringen können.
Natürlich wird man sich nun das ganze System noch einmal aus einem anderen Blickwinkel anschauen müssen, aber die Erwartung, wir müssten zu jeder Zeit auf jedes Risiko vorbereitet sein bzw. dieses minimieren können, geht leider viel zu weit.
Ich habe mal versucht, die Karte zu verstehen, die @X_Strom in Beitrag 17 verlinkt hat. Eines fiel mir dabei auf: es ist noch immer weitgehend der ehemalige Grenzverlauf um West-Berlin erkenntlich.
Das betroffene Gebiet war früher die südwestliche Ecke Westberlins. Dorthin gibt es weder Leitungen (110 kV oder größer) aus dem Süden oder dem Westen (alles ehemals DDR). Auch anderen Stellen könnte man Verbindungen zu Hochspannungsleitungen im Umland schaffen, um ein Netz mit vielen Zugängen zu haben - so rein optisch.
Aber wie @C_Punkt und @Wiz schon schrieben: die Kosten würden sicher elend hoch werden und halb Berlin müsste noch weiter untertunnelt werden - mit allen Einschränkungen für die Bevölkerung und den Verkehr. Keine Aufgabe für Jahre, sondern Jahrzehnte.
Welchen Anteil an der derzeitigen Situation die zeiteilige gewinnorientierte Privatisierung des Stromnetzes hatte, kann sicher jemand mit Wirtschaftswissen besser beleuchten.
Die Planfeststellungs- und das Aussschreibungsverfahren.
Der anschließende Bau wäre, wie König Donald I. sagen würde, ein Jahrhundert-, wenn nicht Jahrtausendwerk…
Obwohl „Südlink“ mit einer Dauer zwischen erstem Beschluss und Inbetriebnahme von „voraussichtlich“ 19 Jahren, d.h. vermutlich etwas weniger als 25 Jahren zeigt: Wenn „wir“ was wirklich wollen, dann können „wir“ das auch…
Schöne Grüße
MM
- freut sich darauf, die Wiedereröffnung des sanierten Mannheimer „Suezkanals“ nach über elf Jahren Bauzeit (mit kurzer Unterbrechung) vielleicht doch noch zu erleben