Ja, das waren andere Zeiten (ich will nicht sagen, dass sie besser waren)! Bis in die 70er hinein konnte man Großprojekte im Sinne von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und im militärischen Bereich in Hinblick auf die Bedrohung im Rahmen des kalten Krieges noch recht schnell und einfach umsetzen. Da gab es noch einen recht großen gesellschaftlichen Konsens im Sinne des Strebens nach Wohlstand, der eine Opferbereitschaft im Sinne von “ich ertrage das Kraftwerk und Du den Flughafen” beinhaltete, und eine Fortschrittsgläubigkeit, die teilweise recht unkritisch war. Natur- und Umweltschutz spielten noch keine große Rolle, und es waren eher kleine Gruppen von “Spinnern”, die man noch recht leicht ignorieren konnte, zumal der Rechtsschutz in diesem Bereich noch nicht so weit ausgeprägt war.
Heute ist es vollkommen egal, was für ein Großprojekt Du wo auch nur zart in ersten Andeutungen erwähnst, und schon hast Du massenhaft Leute auf der Matte stehen, die nur darauf warten, sich “mal wieder engagieren zu können”. Natürlich gibt es bei solchen Projekten viele echte Betroffene, denen man Opfer abverlangen muss, natürlich gibt es Menschen, die von echten Bedenken in Sachen Natur- und Umweltschutz getragen sind, … Aber es gibt eben auch viele “Gelangweilte”, viele “aus Prinzip dagegen”, viele, die aus eigenen wirtschaftlichen Interessen agieren, … und wir haben inzwischen Standards im Rechtsschutz und in den Verfahren etabliert, die schon lange das Maß dessen weit überschritten haben, das man noch als sinnvoll, angemessen und wünschenswert in einem funktionierenden Staat betrachten kann. Das erlebt man gerade im Bereich der Energiewende täglich schmerzhaft. Der von @Aprilfisch angesprochene Südlink ist ein aus mehreren Gründen hier eher unpassendes Beispiel, weil u.a. viele Verzögerungen aus politischen Entscheidungen/Gründen herrühren, also nichts mit der eigentlichen Planung zu tun haben, und das Projekt wirklich außerordentliche technische Herausforderungen wie die Elbquerung hat. Es geht in der Masse der Projekte durchaus deutlich schneller. Aber was da oft - gerade auch von Leuten und Gruppen, die große Erfahrung haben, und die genau wissen, wie der Hase läuft - so getrieben wird, um Dinge vorsätzlich wider besseres Wissen zu eskalieren, Betroffene aufzuwiegeln, zu verzögern und auf Kosten zu treiben (Geld mit dem man andere Projekte finanzieren könnte), geht auf keine Kuhhaut.
Leute die vorgestern gegen Kernkraft und gestern gegen Kohlekraftwerke auf die Straße gegangen sind, rennen heute mit einem geraden Strich als rein schematischer Skizze einer neu benötigten Freileitung zwischen A und B für die Energiewende von Haus zu Haus, und stacheln Leute mit dem Märchen von der Leitung über ihrem Garten auf, obwohl sie das aufwändige und extrem zeitintensive Trassierungsverfahren, an dessen Ende dann eine an jedem dritten Mast verspringende Strecke raus kommt, die bestmöglich versucht alle berechtigten Schutzinteressen zu berücksichtigen, natürlich kennen, und genau wissen, dass keine Leitungen quer über Wohnbebauung errichtet werden.
Da findet sich dann auf einer intensiv landwirtschaftlich genutzten Fläche (mit vollem Einsatz der Agarchemie) eine kleine Senke, in der sich gelegentlich etwas Wasser sammelt, und dann dürften da hunderttausende Euro für den Schutz eines “Biotops” ausgegeben werden, durch das nach Abbau der Schutzzäune der Bauer gleich wieder mit dem großen Schlepper und der Spritze durchfährt.
Da gibt es in SH massenhaft landschaftstypische Knicks, kleine Erdwälle, die die Bauern zwischen Flächen zur Abgrenzung irgendwann mal angelegt haben, auf denen sich dann alles mögliche Buschwerk von ganz alleine kurzfristig angesiedelt hat, und dies bei Zerstörung auch wieder tun wird. Jeder einzelne Eingriff in einen solchen Knick muss genehmigt werden, die Sträucher müssen auf den Stock gesetzt werden, einzelne Teilstücke müssen insgesamt im Stück entfernt, gelagter, gepflegt und dann wieder in ursprünglicher Reihenfolge eingebaut werden. Was der Spaß kostet, kannst Du Dir nicht vorstellen. Ich bin selbstverständlich dafür, das Landschaftsbild und die Ökologie vor Ort bei Baumaßnahmen zu schützen, aber wir reden hier von Dingen, die sich ganz von alleine kurzfristig wieder normalisieren würden.
Ich war an einem millionenschweren Projekt beteiligt, mit dem die “negativen Auswirkungen einer für die Energiewende gebauten Freileitung für das Landschaftbild” kompensiert werden sollten. Man hat jahrelang nach einer Möglichkeit gesucht, diese gesetzliche Pflicht irgendwo ansatzweise sinnvoll erfüllen zu können.
Dieses Projekt fand in freier Natur mit minimalen Anwohnern statt, und hätte man grundsätzlich in einem Jahr realisieren können (Naturschutzauflagen steckten es dann auf zwei Jahre, ein defektes Kabel auf drei). Das wäre gut vergleichbar mit einer zusätzlichen Kanalquerung in Berlin (HDD unter Fluss/Kanal hindurch). Die Baustelleneinrichtungsfläche auf beiden Seiten der Querung brauchte deutlich mehr als ein Fußballfeld, und die Schutzrohre mussten vor Ort aus Stücken auf die Gesamtlänge vorab verschweißt werden. D.h. man brauchte eine ganz erhebliche Fläche, diese Rohre vorzubereiten. Dazu ganz erheblicher Baustellenverkehr für die Anlieferung von Bentonit zur Stabilisierung der Bohrungen und Abfuhr von Bohrgut. Die Bohrmaschinen sind auch nicht gerade leise. Dazu eine ganz erhebliche Wasserhaltung, die gerade in Berlin auch schon immer erforderlich war, und gerne auch mal zu Rissen in Gebäuden in der Nachbarschaft führt. Viel Spaß dabei, so ein Projekt heutzutage in Berlin auf den Weg zu bringen!