Struwelpeter

Moin Leutz!
ich hoffe ich bin hier richtig im Brett mit der folgenden Thematik,
wenn nicht, sagt mir wo ich richtig wäre :wink:

folgendes:
fast alle von uns dürften doch in ihrer Kindheit das Buch gelesen haben,
mit Struwelpeter,Hans-Guck-In-Die-Luft, dem Daumenlutscher und dem Suppenkaspar,

jetzt bin ich 24 und hab ein Kind und die Diskusion kam letztens halt auf dieses Buch,

ich bin mir sehr sicher, das dort dem Daumen-Lutscher der Daumen abgeschnitten wird, Hans-Guck-in-die-Luft & Suppenkaspar sterben …

ist es wirklich empfehlenswert, kinder schon so früh mit gewalt & tod zu konfrontieren?

ist es wirklich empfehlenswert, kinder schon so früh mit
gewalt & tod zu konfrontieren?

Hallo, Mathias,
ob nun gerade der Struwwelpeter heutzutage noch das rechte Mittel ist, um Kinder mit dem Leben vertraut zu machen ist sicher eine Diskussion wert.

Kinder mit den Tatsachen des Lebens vertraut zu machen ist das Ziel der Erziehung. Dass aber unweigerlich zum Leben auch der Tod gehört, wird spätestens bei Anblick eines toten Tieres oder der abendlichen Fernsehnachrichten deutlich werden. Dann schnell eine kindgerechte Erklärung aus dem Hut zu zaubern dürfte manchen überfordern.

Warum also nicht den Struwwelpeter nehmen, der zu körperlicher Sauberkeit mahnt, Mitleid mit Mensch und Tier lehrt, den Unsinn von Fremdenfeindlichkeit zum Thema macht, die Folgen leichtfertigen Umgangs mit Feuer verdeutlicht, kindliche Unarten anprangert?

Sicher, die Geschichten sind drastisch, die Figuren stereotyp und das ganze Setting ein wenig antiquiert, aber gerade dies macht die Geschichten für Kinder zwar greifbar irreal, enthält dennoch aber soviele Parallelen zur eigenen Erlebniswelt, dass die Lehren nachvollzogen werden können.

Speziell an diesen märchenhaften Geschichten kann man die Realitäten und Gefahren des Lebens bis hin zum Tod Kindern recht gut näherbringen, finde ich.

Dass man Kindern den Struwwelpeter nicht unkommentiert in die Hand geben sollte ist wohl ebenso klar wie dass man sie nicht unbegleitet vor den Fernsehapparat setzen kann.

Gruß
Eckard

Hallo Mathias
Ein wundervolles und unter uns Alt-68ern immer wieder gern diskutiertes Thema. Habe es neulich wieder mal am Wickel gehabt.
Klar, ich hatte in den 50er Jahren auch meinen Struwelpeter und er hat mir auch zum Teil Angst gemacht. Aber eben nur zum Teil. Die abgeschnittenen Daumen waren schon recht bös. Fasziniert hat mich aber mehr der am Ende mit seinem Regenschirm in die lichten Weiten des Äthers entschwindende Robert (oder wie er hieß). Wo der wohl landet?! Das hat mich mehr beschäftigt. Und die beiden Katzen, die da immer MIAU, MIO riefen, als die Kinder die Bude abfackelten, das hat mich ebenfalls stark beeindruckt. (Die Kinder waren mir als Kind wurscht, aber die Katzen taten mir leid.)
Nun gut, die Märchen, die man sonst den Kindern vorlas, strotzten auch vor Grausamkeit. Anscheinend müssen Erwachsene jeder Zeitperiode ihre sadistischen Seiten auch irgendwie loswerden Als Eltern haben wir unsere Kinder jedenfalls nicht mit dem Struwelpeter des konservativen, latent sadistischen Herrn Hoffmann (ich glaube, der Mann war Kollege, wenn ich mich nicht irre, sogar Kinderarzt) behelligt und ich würde das letztlich wohl auch nicht ernsthaft empfehlen. Das Buch taugt nur was für nostalgische Sammler, jedenfalls Erwachsene, und nicht für Kinder.
Gruß,
Branden

Tach zusammen!

Ich hatte mit meiner Mutter letztens eine Diskussion über das Buch „Der Struwelpeter“ mit der gleichen Fragestellung. Sie hat mir das Buch früher sehr oft vorgelesen, allerdings nicht mit dem Hintergrund, mir Angst machen zu wollen oder mich einzuschüchtern. Ich war fasziniert vom Daumenlutscher, weil ich selbst am Daumen lutschte, hatte aber nie Angst, dem gleichen Schicksal zu erliegen. Das Mädel, das mit Minz und Maunz allein zu Hause ist und verbrennt, fand ich auch immer ungeheuer aufregend, vor allem, weil am Ende nur noch Asche über ist. Ich kann mich nicht erinnern, Angst gehabt zu haben. Sicher lag das auch daran, dass meine Mutter immer wieder gesagt hat, dass es nur Geschichten sind und nicht die Wahrheit. Trotzdem kann man sich verbrennen, wenn man mit Feuer spielt und wenn man nur nach oben guckt beim Laufen, dann fliegt man irgendwann auf die Nase (oder landet im Wasser). Besser ein Kind lernt dies durch Geschichten, als durch ausprobieren! ;o)

Die damalige Pädagogik war sicher strenger als die heutige und das Buch sollte wohl ursprünglich dazu dienen, Kinder einzuschüchtern, doch ich finde es auch für die heutige Zeit wertvoll. Vor allem die Reime gefallen Kindern sehr gut und tragen sicher auch zur Entwicklung des Sprachvermögens bei! Wenn man Kinder völlig gewaltfrei erziehen wollte, müsste man sämtliche bekannte Märchen übrigens auch ausklammern, wird doch Rotkäppchen gefressen, Schneewittchen soll erschossen werden und Hänsel und Gretel verbennen eine alte Frau! Kinder nehmen Märchen ganz anders wahr als Erwachsene und ich bin eindeutig dafür, möglichst viel vorzulesen! (Wen das Thema Märchen und Kinder interessiert, dem kann ich nur Bruno Bettelheim mit „Kinder brauchen Märchen“ ans Herz legen!)

So und was sagt ihr dazu? :o)
Anna

Ein wundervolles und unter uns Alt-68ern immer wieder gern
diskutiertes Thema. Habe es neulich wieder mal am Wickel
gehabt.

ich gehör zwar nicht zu den Alt-68ern, aber ihr Steckbrief verrät einiges an wissen

Fasziniert hat mich aber mehr der am Ende mit seinem
Regenschirm in die lichten Weiten des Äthers entschwindende
Robert (oder wie er hieß). Wo der wohl landet?! Das hat mich
mehr beschäftigt. Und die beiden Katzen, die da immer MIAU,
MIO riefen, als die Kinder die Bude abfackelten, das hat mich
ebenfalls stark beeindruckt. (Die Kinder waren mir als Kind
wurscht, aber die Katzen taten mir leid.)

jeder liest die Geschichten anders, jeder erinnert sich an andere Dinge, obwohl wir wohl alle das gleich buch gelesen haben, findet man unter den antworten verschieden Stellen, an die man sich besonders erinneren kann

Als Eltern haben wir unsere Kinder jedenfalls nicht
mit dem Struwelpeter des konservativen, latent sadistischen
Herrn Hoffmann (ich glaube, der Mann war Kollege, wenn ich
mich nicht irre, sogar Kinderarzt) behelligt und ich würde das
letztlich wohl auch nicht ernsthaft empfehlen.

war ein kinderarzt!, klingt aber mehr nach weltanschauung(68), als nach ernster Auseinandersetzung mit der Frage

Das Buch taugt
nur was für nostalgische Sammler, jedenfalls Erwachsene, und
nicht für Kinder.

welche „moderenen“ Bücher/Geschichten zu diesem Thema wären denn empfehlenswert?

Hi,

fast alle von uns dürften doch in ihrer Kindheit das Buch gelesen haben,

natürlich

ist es wirklich empfehlenswert, kinder schon so früh mit gewalt & tod zu konfrontieren?

und? hat es dir Schaden zugefügt?

Mich wundert es sehr, daß diese Frage tatsächlich auch heute immer wieder diskutiert wird. Es gehört schon eine Menge Unverständnis für die Denk- und Erlebensweise eines Kindes dazu, wenn man im Buch von Hoffmann eine Gefahr zu erkennen meint. Übrigens hatte der Arzt Hoffmann diese und andere Zeichnungen und Reime gemacht, um Kinder zu beruhigen, und nicht um ihnen Angst und Schrecken vor der sog. Wirklichkeit einzujagen.

Mit adultem, elterlichem Sadismus, durch den z.B: ein Daniel Paul Schreber vermutlich zerstört wurde, hat das also herzlich wenig zu tun.

Auf die Schnelle ein Kurzabriss zu Heinrich Hoffmann:
http://www.bikonline.de/histo/struwwelmaking.html

und ebenda auch eine interssante Literaturliste für die, die sich mit diesem Thema etwas gründlicher beschäftigen wollen:
http://www.bikonline.de/histo/struwwellit.html

Kinder verstehen sich sehr gut darauf, abstruse Übertreibungen richtig einzuordnen - und hinter ihnen die ernsthafte Sorge und Mahnung zu erkennen. Und gerade die ironische „Überzeichnung“ gibt ihnen Kriterien an die Hand, ernsthafte Bedrohungen als solche zu erkennen - z.B. Bestrafungen in Form von „Liebesentzug“ oder gar Seklusion oder Prügel, wenn sie nicht so sind, wie die „Großen“ es gerne hätten.

Der Vergleich zu Märchen liegt nahe, aber gerade in diesem Typus von Märchen (sogenannte Verwandlungsmärchen, wie sie sich vor allem in der Grimmschen Sammlung finden), wo Erwachsene „Grausamkeit“ in ihnen erkennen zu müssen meinen, handelt es sich wieder um ganz andere „Rituale“ als das, was Kinder von der gesellschaftlichen Realität automatisch mitkriegen, wenn sie mit offenen Augen durch den Tag zu gehen gelernt haben.

Ich kenne zahlreiche Eltern, die das „Struwwelpeter-Problem“ heftig diskutieren, aber andererseits ihre Kids beliebig vor der Glotze abhängen lassen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was diese dort an Gewalt und abstruser, unreflektierter Gut-Böse-Dichotomie aufgedröhnt bekommen.

Wenn du ihnen heute den Struwwelpeter zeigst und vorliest, werden sie bereits eine gute Dosis sonstiger Comic-Gattungen durch andere Medien inhaliert haben. Wie es schon hier gesagt wurde: Ein begleitender elterlicher Schmunzel-Kommentar dazu ist immer gut, aber daß der Struwwelpeter oder ähnliches „angsterzeugend“ aufzufassen sei (und DANN erst auch angsterzeugend wirkt), lernen Kinder meist durch ebendiese Kommentare und nicht aus diesen Literaturen selbst.

Gruß

Metapher

Hi Leute,
ich will mich nicht in eine Psychologie-Debatte einmischen - da habe ich als Biologe KEINE Ahnung…
Als modernen und sicher kindgerechten Struwwelpeter-Ersatz möchte ich auf folgendes Buch verweisen:
„So ein Struwelpeter“ von Hansgeorg Stengel (prima unblutiger Text) und Karl Schrader (tolle Illustrationen), erschienen im Der KinderbuchVerlag.
Gruß
Manfred

Hallo,

ich fand das als Kind super.

Kinder halten solche Grausamkeiten wohl viel besser aus als Erwachsene, weil sie sie nämlich gar nicht aus dem echten Leben kennen. Jeder Erwachsene weiß, wie brennende oder verletzte Menschen „in echt“ aussehen - aus dem Fernsehen, aus Filmen. Er erkennt also die Wirklichkeit in den Geschichten wieder.

Kinder finden es einfach nur spannend und wissen gar nicht, was es bedeutet. Kinder haben auch wenig Probleme mit dem Tod. Als meine Mutter starb, kommentierte das mein fünfjähriger Neffe ganz lapidar mit „gestorben halt“. Es hat für Kinder keine Bedeutung und keine gefühlte Wirklichkeit bzw. wird ganz einfach so akzeptiert.

Deshalb finde ich solche Bücher wie den Struwelpeter unproblematisch.

Gruß
Moriarty

Struwwelpeter + der Mohr
Hallo Eckard,

In der Frage, ob man Kinder mit Gewalt und Tod bekannt
machen soll (muss?), stimme ich dir und den meisten zu.
Ob man das mit dem Struwwelpeter machen kann/soll, ebenfalls.
Ich finde persoenlich auch sehr interessant, dass
im Struwwelpeter sehr bekannte Kindertypen beschrieben
werden:
Kinder mit Anorexia, hyperaktive Kinder, ADS-Kinder ohne
Hyper (–> vertraeumt), ODS-Kinder (oppositional defiant syndrome),
usw.

Aber:

den
Unsinn von Fremdenfeindlichkeit zum Thema macht,

hier muss ich (wie erwartet?) doch etwas Einwerfen.

Meine Jungs haben auf die Geschichte so reagiert, dass
sie die Seiten zugeklebt haben wollten bzw. das ganze
Buch nicht mehr sehen wollten (obwohl sie vor allem die
Geschichte von Hase und wildem Jaegersmann ausgesprochen
lustig fanden) - und zwar deswegen:
‚Und lachten aerger als zuvor
Ueber den armen schwarzen Mohr.‘
und
‚Was kann denn dieser Mohr dafuer,
dass er so weiss nicht ist wie ihr?‘

Sie haben beide recht frueh erkannt (weiss nicht mehr,
wie alt sie waren), dass das mit dem ‚nicht foppen‘ ja
schon ein alter Hut sei, aber dass es in der Geschichte
trotzdem so klingt, als sei es irgendwie nicht so gut
‚schwarz‘ und nicht ‚weiss‘ zu sein. Abgesehen von dem
gemalten Stereotyp-Mohr, mit dem sie sich so gar nicht
identifizieren wollten, aber durchaus verstanden, dass
sie zum Teil doch so gesehen werden.

Nur so als Denkansatz.

Gruesse
Elke

ich bin mir sehr sicher, das dort dem Daumen-Lutscher der
Daumen abgeschnitten wird, Hans-Guck-in-die-Luft &
Suppenkaspar sterben …

ist es wirklich empfehlenswert, kinder schon so früh mit
gewalt & tod zu konfrontieren?

Na, mit Gewalt und Tod muss man sicherlich auch Kinder zu irgendeinem Zeitpunkt konfrontieren - aber beim Struwwelpeter geht es doch nicht um eine kindgerechte Auseinandersetzung mit diesen beiden Themen (und den Ängsten, die Kinder damit verbinden), sondern Gewalt und Tod sind im Struwwelpeter jeweils „Strafen“ für unerwünschtes Verhalten. Hier wird Angst gemacht, um Kinder zu disziplinieren.
Selbst wenn einige der Prinzipien, die in diesem Buch vermittelt werden sollen, auch heute noch Sinn machen, ist die Methode doch mehr als fragwürdig. Einem Kleinkind würde ich diese Geschichten ganz sicher nicht vorlesen - und generell denke ich, es reicht, dieses Buch erst dann kennenzulernen, wenn man es im historischen Kontext sehen kann.

Messalina

Hallo Mathias

welche „moderenen“ Bücher/Geschichten zu diesem Thema wären
denn empfehlenswert?

Schwer zu sagen. Ganz allgemein würde ich heute Bilderbücher vorziehen, die „nicht so einen Stress machen“ (um nicht zu sagen: die weniger autoritär aufgebaut sind), wie z.B. F.K.Waechters „Natürlich guckt wieder kein Schwein“ oder was von dem wunderbaren Michael SOWA, den ich neulich zufällig auf einer Fete getroffen habe.
Aber das sind alles mehr Sachen für Erwachsene. Es gibt jetzt schöne bibliophile Ausgaben von „KALIF STORCH“ und anderen Märchen!
Gruß,
Branden

halb so wild
Hallo,

ist es wirklich empfehlenswert, kinder schon so früh mit
gewalt & tod zu konfrontieren?

Ja, die können nämlich gut damit umgehen. Kurze Geschichte dazu: Im Naturkundemuseum werden Schlangen, Chamäleons, etc mit lebenden Tieren (Mäusen, Ratten, Insekten) gefüttert. Aufschrei von mehreren Eltern („Zumutung für die Kinder!“), also mußte fortan ein Warnschild aufgestellt werden. Interessanterweise waren die Kinder extrem interessiert und aufmerksam, nur die Eltern fanden es ecklig und ihre Kinder zu jung dafür. Heißt Kinder haben es eher akzeptiert als Eltern, oder die Kinder haben noch nicht die weitreichenden Konsequenzen von Tod und Sterben begriffen, also auch nicht schlimm!

Und zum Struwelpeter. Ich fand als Kind die Reime toll, Angst hatte ich keine. Meine Oma hat die mir immer vorgelesen und obwohl mein Bruder Philipp heißt, habe ich nie geglaubt das es ihm wie einem Zappelphilipp ergeht.

Gruß
Julia

Dank an alle
Danke an alle,die hier diskutiert haben,

ich glaub wenn man als erwachsener so was liesst, ist das schon was anderes als wenn man das als Kind liesst.

hab mich entschieden meiner Tochter das buch
und auch das buch „der neue Struwelpeter“ vorzulesen.

Schaden kanns ja nicht, wir sind ja auch alle was geworden :wink:

Hai, Mathias,

ich bin zwar nicht in irgendeiner Form psychologisch gebildet, aber ich scheine zur Briefkasten-Tante für alle Bekannten mit Kinder-Problemen gemacht worden zu sein (da hab ich wohl kurz mal nicht gekuckt :wink: ), so daß ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern kann.

Und meine Erfahrung sagt folgendes: je besser Kinder vor „Grausamkeiten“ wie dem Struwwelpeter „geschützt“ werden, desto eher scheinen sie Angst-Probleme zu bekommen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Kinder ein Monster brauchen, vor dem sie sich auch mal fürchten können und so mit dieser Furcht umgehen lernen. Setzt man ihnen sozusagen kein Monster vor, machen sie sich selber welche, die dann aber schlecht benannt und auch schlecht besiegt werden können.

Z.B. der Sohn einer Freundin; sie hat empört alle Märchen-Bücher, incl. Struwwelpeter, entsorgt, die sie von ihrer Mutter geschenkt bekam, weil sie die Märchen für viel zu grausam hielt. Als ihr Sohn dann mit ca. vier Jahren anfing, Alpträume zu bekommen, war sie ziemlich ratlos - bis der Kleene eines nachts unbemerkt in der Tür stand, während das Schlaflied der Ärzte lief ("…Du weinst, doch Du bist allein zu Haus - das Monster kratzt Dir die Augen aus…"). Ab dem Tag hat er allabendlich erstmal das Lied gesungen (einmal gehört - prompt auswendig gekannt), hat sich von Mama bestätigen lassen, daß kein Monster am Fenster wartet und konnte dann ruhig schlafen.

Da ich Ähnliches bei mehreren Kindern erlebt habe, bin ich zu der Meinung gelangt, daß Kinder mit benanntem Bösen wesentlich besser klarkommen, als wenn ihre Ängste kein Ziel haben - allerdings „funktioniert“ das nicht, wenn eine Vorlese-Kassette eingelegt wird und fertig, es muß schon jemand da sein, der am Schluß z.B. sagen kann „…nur gut, daß es in Wirklichkeit gar keine bösen Hexen gibt…“ oder so.

Gruß
Sibylle
der man Struwwelpeter vorgelesen hat, nachdem sie mit ungefähr zweieinhalb die Couch angezündet hat…

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen !
Hallo Sibylle,

Ich habe
den Eindruck gewonnen, daß Kinder ein Monster brauchen, vor
dem sie sich auch mal fürchten können und so mit dieser Furcht
umgehen lernen. Setzt man ihnen sozusagen kein Monster vor,
machen sie sich selber welche, die dann aber schlecht benannt
und auch schlecht besiegt werden können.

Gott sei Dank bin ich genauso wenig wie Du durch ein langwieriges Studium der Psychologie vollends verblendet bzw. blind für Kinder.

Ich habe den selben Eindruck wie Du gewonnen. Kleine Kinder sehnen sich geradezu danach mit ‚bösen Figuren‘ erzählerisch und spielerisch konfrontiert zu werden. Das Wichtigste bei jedem Märchen, jedem Film war für meinen kleinen Sohn immer zu wissen wer die Guten und wer die Bösen sind.

Er genoß es … furchtsam und lachend zugleich, wenn ich ihm (durch lautes Fußgetrappel) die böse Hexe machte … vor der er dann laut schreiend und lachend zu gleich … floh.

Und ein Zweites hast Du ebenfalls sehr gut benannt:

Kinder bauen sich auf jedenfall ihr eigenes Weltbild. Kleinen Kindern scheint es sehr wichtig zu sein Gut von Böse zu trennen. Ignoriert man diesen Trieb (?) … schustern sich die Kinder (wie in dem Beispiel des Sohnes Deiner Freundin) ihr eigenes und womöglich noch viel grausameres/angstvolleres Weltbild zusammen.

Gruss Jacobias

aber beim Struwwelpeter
geht es doch nicht um eine kindgerechte Auseinandersetzung

Verehrte Messalina,

ach, hätten Sie doch nicht ganz so lang Psychologie studiert in heißem Bemühen.

‚kindgerecht‘ … dieses deutscheste aller deutschen Worte … an was erinnert es mich nicht alles … empörte Mama, eifrigst bemüht all die Waffen, die mein Sohn mir an den HH-Domständen aus dem Kreuz leierte … heimlich im Hausmüll wieder zu entsorgen … weil : sowas ist ja schließlich nicht kindgerecht, zumal es ja auch noch aus Plastik und nicht aus pädagogisch wertvollem und bienenwachs versiegeltem Holze geschnitzt ist … empörte Kindergärtnerinnen … die das eine oder andere ernsthafte Gespräch mit mir führen mußten … etc … alle übrigens wußten aus ihrem Psychologiestudium ganz genau heraus, was ‚kindgerecht‘ ist.

Hier wird Angst gemacht, um Kinder zu disziplinieren.

Siehe Sibylle, die mir diesbezüglich Fachfrau zu sein scheint, weil sie nicht Psychologie studiert hat

Die einzige Geschichte, die ich im Struwelpeter diesbezüglich bedenklich finde, ist die des Daumenlutschers. Der Reiz des Struwelpeters besteht auch in seinen Reimen. Kinder reimen nun einmal unglaublich gern.

liebste Grüsse,

Ihr tapferer Jacobias

Hallo Sibylle

Es ist ahenlich wie mit den Allergien: Wer in hygienisch reinen
Verhaeltnissen aufwaechst, entwickelt eher Allergien als jemand, der
auch im Dreck spielen darf. Die Abwesenheit von Keimen, an denen sich
das Immunsystem staerken kann, fuehrt dazu, dass es natuerliche
Umweltreize zu seinen Gegnern erklaert, wie aus Langeweile.
So reagiert wohl auch die Psyche. Hat sie keine Feinde, vor denen
Angst zu haben sinnvoll ist, beginnt sie sich vor Alltaeglichem zu
fuerchten. Keine Funktion hat die Natur uns ohne Grund mitgegeben,
die Angst auch nicht. Nur muss sie geeignete Objekte finden.

Diese Erklaerungen sind zwar nicht sehr wissenschaftlich und die
Verallgemeinerungen sind wohl etwas zu grosszuegig, aber irgendwie
scheint die Theorie wohl wahr zu sein.

Gruss, Tychi

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aber beim Struwwelpeter
geht es doch nicht um eine kindgerechte Auseinandersetzung

Verehrte Messalina,

ach, hätten Sie doch nicht ganz so lang Psychologie studiert
in heißem Bemühen.

Na ja. Man kann offenbar auch Medizin studieren und zu einem ähnlichen Ergebnis kommen.

‚kindgerecht‘ … dieses deutscheste aller deutschen Worte …
an was erinnert es mich nicht alles … empörte Mama, eifrigst
bemüht all die Waffen, die mein Sohn mir an den HH-Domständen
aus dem Kreuz leierte … heimlich im Hausmüll wieder zu
entsorgen … weil : sowas ist ja schließlich nicht
kindgerecht, zumal es ja auch noch aus Plastik und nicht aus
pädagogisch wertvollem und bienenwachs versiegeltem Holze
geschnitzt ist … empörte Kindergärtnerinnen … die das
eine oder andere ernsthafte Gespräch mit mir führen mußten …
etc … alle übrigens wußten aus ihrem Psychologiestudium ganz
genau heraus, was ‚kindgerecht‘ ist.

Schön - kenn’ ich auch, solche Mütter. Aber ich hab’ weder ein Problem mit Spielzeugwaffen, noch mit Barbies, noch mit Plastikspielzeug. Und auch nicht mit Geschichten, in denen den Ängsten von Kindern eine Gestalt gegeben wird, um sie so benennbar, greifbar, handhabbar zu machen.
Aber wie bereits ausgeführt: Genau dies geschieht im Struwwelpeter nicht. Dort geht es um die Vermittlung von Disziplin, nicht um den Umgang mit Ängsten.

Hier wird Angst gemacht, um Kinder zu disziplinieren.

Siehe Sibylle, die mir diesbezüglich Fachfrau zu sein scheint,
weil sie nicht Psychologie studiert hat

Die einzige Geschichte, die ich im Struwelpeter diesbezüglich
bedenklich finde, ist die des Daumenlutschers.

Nahezu jede Geschicht im Struwwelpeter ist diesbezüglich bedenklich. Zumindest nahezu jede, an die ich mich erinnere.

Der Reiz des
Struwelpeters besteht auch in seinen Reimen. Kinder reimen nun
einmal unglaublich gern.

Isses wahr? Das ist ja dann das ultimative Argument. Denn Reime für Kinder sind bekanntlich schwer zu finden.

liebste Grüsse,

Ihr tapferer Jacobias

All dies, Jacobias, ist kein Argument für den Struwwelpeter. Es ist richtig, dass Kinder sich gerne spielerisch gruseln - aber mit der Gewissheit, dass es nicht ernst ist, dass am Ende alles gut wird…

In Märchen, den Grimm’schen Volksmärchen zumindest, ist dies auch gewährleistet: Am Ende sind die Gefahren überwunden, das Gute siegt. Aber das ist NICHT die Botschaft des Struwwelpeter. Sondern: Wenn du dich nicht brav verhältst, wird es böse mit dir enden.
Dieses Buch war immerhin als Erziehungshilfe gedacht.

Übrigens:

Das Wichtigste bei
jedem Märchen, jedem Film war für meinen kleinen Sohn immer zu
wissen wer die Guten und wer die Bösen sind.

Wer sind denn beim Struwwelpeter die Guten, und wer die Bösen?

M.

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Hallo, Messalina,

Aber wie bereits ausgeführt: Genau dies geschieht im
Struwwelpeter nicht. Dort geht es um die Vermittlung von
Disziplin, nicht um den Umgang mit Ängsten.

dazu der Verfasser:

http://www.esslinger-verlag.de/weiter/struwwelpeter.php

Gruß
Kreszenz

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