Hallo,
was heisst „NEU zu definieren“? Man muss nur hinreichend
Bekanntes laut sagen. Frage: Wer hat Interesse daran? Die
Amtskirche? Wohl kaum. Die Gläubigen? Ich habe z.B. „Luthers
Aussagen“ bei einigen angesprochen und dabei immer das Gefühl
gehabt, man wolle ihnen etwas weg nehmen. „Das darf man nicht
aus heutiger Sicht betrachten!“ „Andere haben auch Schlimmes
gesagt“ oder es wird einfach verdrängt, weg gewischt.
Wenn man darauf aufmerksam macht,daß Luther in einem bestimmten historischen Kontext gelebt und gedacht hat, heißt das noch lange nicht, daß man irgendetwas wegwischt! Du hast auf die - tatsächlich teilweise etwas sehr irritierende - Antwort Raimunds geantwortet, man dürfte Luther nicht als Kind seiner Zeit ansehen, weil er einerseits heute verehrt werde, andererseits weil er sich Christ nannte. Das finde ich schon eigenartig. Erst einmal ist es mir neu, daß Luther verehrt wird (vielleicht brauche ich da eine Definition). Andererseits sollten man doch fairerweise auch jemanden, der sich als Christ bezeichnet, nicht als ein Überwesen ansehen, der die Entwicklung der nächsten 600 Jahre überblickt und sich schon denken kann, wer ihn für was mißbraucht.
Luther und die Juden sollte man auch in seinem KOntext betrachten (wenn auch nicht entschuldigen): Im Vergleich zu dem sonst Üblichen hat Luther sich zunächst für die Juden eingesetzt. Allerdings hat der das mit missionarischen Eifer getan in der Überzeugung mit der Rückführung der Kirche zu ihren Wurzeln auch die Juden bekehren zu können. Bevor jetzt alle aufheulen, sollten sie sich ihrer eigenen begrenzten Denkweise bewußt werden und sich fragen, was man vielleicht über die Postings hier in 100 Jahren denken werde (ich schließe mich dem an:wink: ). Denn für Luther was es völlig selbstverständlich, daß, wer nicht getauft, auch nicht gerettet wird. Man sollte zumindest festhalten, daß, wenn er missionieren wollte, er niemanden etwas Böses wollte, sondern tatsächlich aus Nächstenliebe gehandelt hat. (Meinen nicht auch wir, die Demokratie sei die beste Staatsform…?) Nun waren die Missionsversuche nicht von Erfolg gekrönt, woraufhin Luther sich zu den hinlänglich bekannten Äußerungen veranlaßt sah. Was man ihm mehr vorwerfen muß als die Fehler der Menschen 600 Jahre nach ihm, ist, daß er in seiner persönlichen Enttäuschungen seinen eigenen theologischen Erkenntnissen nicht gerecht geworden ist!
Hinzuzufügen ist, daß ich Kuengs Äußerungen hinsichtlich einer speziellen Verantwortung der Lutherischen Kirchen doch für etwas fragwürdig halte! Und wenn wir schon dabei sind, die Verantwortung auf historische Phänomene in ekklektischer Manier zu schieben, warum eigentlich nicht die katholische Kirche, aus der Luther kam, Johannes Chrysostomos mit seinen antijüdischen Reden, oder vielleicht Paulus oder Jesus selbst, ohne Jesus hätte es keine Christen gegeben und ihne die Christen dann ja auch kein Gegenüber zum Judentum (sorry, ich weiß, daß Du das so nicht gesagt hast, aber mich nervt diese Tendenz, sich etwas aus der Geschichte herauszuholen und unter Absehung anderer Traditionen diesen einen Aspekt für alles verantwortlich zu machen…).
Zu der „Amtskirche“: Ich nehme an, die evangelischen/lutherischen sind gemeint. Die evangelischen Kirchen haben gleich nach dem WK II das Stuttgarter Schuldbekenntnis abgelegt. Es ist aus heutiger Sicht viel zu wenig und theologisch viel zu schwammig, aber immerhin!
Wichtiger ist wohl, daß in den offiziellen Verlautbarungen der EKD („Denkschriften“) gerade das Thema Luther und Juden bearbeitet wird und Luthers Äußerungen eindeutig abgewiesen werden. Zumindest die westfälische Landeskirche ist gerade dabei, in ihrem „Grundgesetz“ einen Passus zum Verhältnis zum Judentum hinzuzufügen, der die theologische Stellung der Juden eindeutig im Sinne einer Nicht-Überlegenheit der Christen eindeutig klärt.
Warum fühlen die Leute sich eigentlich der „Amtskirche“ so ausgeliefert! Zumindest, wer Protestant ist, hat durchaus die Möglichkeit an der Leitung der Kirche und Verabschiedung von Lehrsätzen aktiv mitzuarbeiten…
Man muss auch versöhnlicherweise sagen, dass
- es vielleicht weniger „das Christentum“ war, als „die
Europäer“, in anderen Teilen der Welt waren die Christen
erheblich friedfertiger und toleranter:
Vielleicht hat es ja auch etwas mit unserer europäisch-zentrierten Geschichtssschreibung zu tun, daß wir uns für schlimmer als alle anderen halten (wobei es als ein wissenschaftlicher Fortschritt anzusehen ist, wenn wir die eigene Geschichte kritisch betrachten)? es gibt sicherlich europäisch-chauvinistische (kommt übrigens von „Calvin“) Tendenzen, aber an eine besondere Schlechtigkeit der Europäer im Vergleich zu anderen kontinenten kann ich nicht glauben… Die Europäer hatten sicherlich die Macht und die Mittel zu Unterdrückung. Aber was wäre das, wenn der Europäer an sich intolerant und massenmörderisch veranlagt wäre? Müßten wir ihm das entsprechende Gen herausnehmen…?
- es auch Gegenbeispiele gibt.
Einzelne Gegenbeispiele haben immer etwas arg apologetisches! Das es nicht das Christentum ist, was böse ist, beweist wohl vielmehr der gesamte Thread: Denn die Anklagen basieren immer darauf, daß man nicht das Eigentlich Christliche getan hat. Wenn wir Nächstenliebe postulieren, die gleichheit aller Menschen, so sitzen wir alle auf einer ursprünglich jüdischen Tradition, die Paulus und das Christentum bis hier hinaus ins kalte Germanien gebracht haben…
Gruß,
Taju