Hallo,
Was die Beurteilung aus heutiger Sicht angeht, zitiere ich
Metapher, den fleißigen Mitdiskutierer hier in diesem Brett,
der sinngemäß sagte: "Es kommt nicht darauf an, was es damals
bedeutete, sondern was es für uns heute bedeutet.
Dem würde ich sicher zustimmen. Nur, wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, dann ist es auch wichtig, zu verstehen, wie welche Entscheidungen/Lehren etc. zustande kamen. Die Vorläufigkeit und eventuellen Folgen unseres eigenen Denkens und Tuns können uns nur so bewußt werden (nun, der Theologe spricht da vom „eschatologischen Vorbehalt“
)
Aber: Luther hat strikten Gehorsam gegenüber der Obrigkeit
gepredigt, worin viele die Ursache für obrigkeitsstaatliches
Denken in Deutschland sehen, was man heute wohl bestenfalls
zähneknirrschend hinnehmen kann. Calvin, wesentlich
intelektueller als Luther, dessen Lehren dann mehr im
angelsächsischen Bereich Fuß fassten, hat das nicht getan.
Worauf vielleicht die frühere Aufklärung und Parlamentarismus
zurück gehen.
Mh, auf Calvin geht ja auch angeblich die Erfindung des Kapitalismus zurück. Auch für Calvin war die Obrigkeit Dei vicarii, wobei er wahrscheinlich eine aristrokratische Regierungsform einer Monarchie vorzog. In Genf versuchte er eine Art „Bibliokratie“ durchzusetzen, der von Calvin verordneten Kirchenzucht fielen einige zum Opfer. Der Puritanismus hat seine Wurzeln im Calvinismus - auch mit seinen negativen Formen. Allerdings gebt es, auch wenn Calvin selbst wohl eher aristrokratische/oligarchisch dachte, tatsächlich wohl einen Zusammenhang zwischen Demokratisierung und Calvinismus, da dieser u.a. erwachsen ist aus dem Kapf gegen absolutistische (kath) Fürstentümer (Genf: Savoyen). Zudem waren die „Laien“ von Anfang an an kirchlicher Willensbildung beteiligt.
Bei Luther darf man nicht die wirkungsgeschichtlich bedeutende tatsache vergessen, daß er als erster auf die Idee kam, sich vor weltlicher und kirchlicher Obrigkeit auf sein Gewissen zu berufen (sein berühmtes: hier stehe ich, ich kann nicht anders… in Worms). damit hat er übrigens auch unser säkulares Denken von heute vorbereitet (wollte er bestimmt nicht). Luther kannte auch eine Grenze des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit: das Gebot Gottes. Dabei plädierte er für verbalen Widerstand und gestand nur der Aristrokratie einen gewaltsamen Widerstand gegen der Kaiser zu.
Der bedeutsame Beitrag Luthers liegt aber wohl eher in seinem Berufsverständnis (jede Tätigkeit ist Beruf=Berufung=Gottesdienst), wodurch er den substantiellen Unterschied zwischen Klerus und Laien aufhob und dadurch ein „Gleichberechtigungsdenken“ der Laien förderte.
Lassen wir das, das ist politische/historische Philosophie
(oder Filosofie).
Sorry, ich konnte nicht anders:wink:
„Verehrt“ ist
vielleicht nicht der ganz richtige Ausdruck, aber immerhin hat
er als einer der ganz großen Deutschen eine gewisse
Vorbildfunktion und wird ja auch so hin gestellt!
Ich habe mit Vorbildern meine Schwierigkeiten. Sie können nie absolut gelten. Was man an Luther lernen kann, ist sein Mut, eigenständig zu denken, man kann auch von ihm lernen, wie anfällig man für überflüssige Eitelkeiten, Inkonsequenzen und Sünde (um in seiner Sprache zu bleiben) sein kann. Wir sollten alle unsere Vorbilder auch immer als solche betrachten, aus deren Fehlern wir für unser eigenes Leben lernen können.
Christ sein ist in gewissem Maße natürlich
zeit-/epochenabhängig. Wie man gegenüber anderen Menschen
redet und handelt,sollte aber weitgehend unabhängig sein - so
wird’s jedenfalls seit mehr als 2000 Jahren in den 10 Geboten
gepredigt!
Ich verstehe das hier jetzt nicht ganz! Wenn es Dir um Kontextunabhängigkeit einer historischen Persönlichkeit geht, die ist nun wirklihc nicht möglich. Daher ist ja auch bei Luther zu fragen, was er uns heute bedeutet (s.o.) und daher ist auch so manches über Bord zu werfen, wenn auch nicht zu verdrängen.
Im Vergleich zu dem sonst Üblichen hat Luther sich zunächst
für die Juden eingesetzt.
Das weiss ich jetzt nicht. Nenne mal Beispiele.
In den frühesten Quellen wirft Luther den Juden „Unbußfertigkeit und Selbstgerechtigkeit“ vor.
Diese Haltung änderte sich ab 1516 im Laufer der Römerbriefvorlesung, als er die Aussagen über die Verheißung des Heils für das jüdische Volk und das Doppelgebot der Liebe neu betrachete.
1523 veröffentlichte Luther die Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“. Er betont, daß das Heil von den Juden her gekommen sei und Christen und Juden sich gemeinsam freuen müßten. Da die Christen die Juden ständig mißhandelten, wären diese vom Christentum abgeschreckt. Gegen diese Mißhandlungen tritt Luther hier ein (z.B. wendet er sich dagegen, an Orten, wo man Juden vertrieben oder sogar hingerichtet hat, Kirchen zu bauen). Auch erklärt er die Vorwürfe gegen Juden (Ritualmorde, Brunnenvergiftungen und was es sonst noch so gab) für haltlos. Klar ist, daß er dies aus missionarischen Eifer getan hat. Das solidarische Verhalten mit den Juden sollte ihren Übertritt zum Christentum zur Folge haben.
Im damaligen Judentum wurde diese Schrift trotz des unverkennbaren Missionseifers sehr positiv aufgenommen.
Man sollte zumindest festhalten, daß, wenn er missionieren
wollte, er niemanden etwas Böses wollte, sondern
tatsächlich aus Nächstenliebe gehandelt hat.
Das hat man bei denen, die man auf den Scheiterhaufen gestellt
hat, auch gesagt!
Ja, das ist leider so! Und das ist wohl auch das Erschreckende, daß ein Mann, der zu einem so großen (hier meine ich das reformatorische) Denken fähig war, sich selber und seiner eigenen Erkenntnis so untreu geworden ist. Denn aus obigen, denke ich, ist ersichtlich, daß man zu seiner Zeit wohl nicht verlangen kann, historisch gesehen, daß jemand nicht missionieren wollte, aber man konnte sehr wohl verlangen, und Luther war ja dazu fähig, daß die Menschen nicht mehr an die Vorurteile gegen Juden glaubten und daraus mörderische Konsequenzen zu ziehen. Man kann Luther von ihm selbst aus kritisieren, insofern eben aus seinem eigenen historischen Kontext heraus. Ihm wird man so gerechter und es ist schon interesant, daß all diejenigen durch die Jahrhunderte hindurch, die Judenvertreibung und -morden forderten, immer nur die zweite Schrift („Von den Juden und ihren Lügen“, 1543) zitierten, die auch hier in diesem Thread immer wieder zitiert wird. Da man sonst immer gerne den jungen Luther zitiert hat und auch noch zitiert, gerade für gut-lutherische Positionen, ist schon interessant, daß man sich hier eines gewissen Eklektizismus bedient hat! Zumindest hätte einen ja die Inkonsequenz Luthers mal zum Nachdenken bringen müssen…
ABER: Sie haben als Staat, als Gesellschaft eine
besondere, „kollektive“ Verantwortung gegenüber anderen
Völkern, denen sie in der ganz und gar nicht fernen (!)
Vergangenheit so übel mitgespielt haben! Und wenn ich dann
heute das Gezerfe um Schuldenerlass für die dritte Welt sehe,
wenn ich sehe, wie die westliche Wirtschaft u.a. in Afrika
alles tut, um sich billige Rohstoffe zu sichern, dann sehe
ich, dass man dieser Verantwortung nicht einmal in Ansätzen
gerecht wird.
richtig!
Es sind immer die Menschen, die etwas
draus machen. Z. B. wenn die Hauptverantwortliche für den
Völkermord in Südamerika, Königen Isabella die Kotholische von
Spanien, aus Anlass des 500. Jahrestages der Entdeckung
Amerikas 1992 (!) heilig gesprochen werden soll, dann
zweifele ich doch, dass da eine Einsicht vorhanden ist.
naja, die Katholische Kirche ist nun wirklich nicht die Sachverwalterin der wahren christlichen Lehre…
Und dann zweifele ich daran, dass das eine geeignete
Philosophie/Religion/Ideologie ist, die uns sagen kann, wo es
im Leben lang gehen soll, was Wahrheit, was Moral ist! Punkt,
aus, Feierabend!
„Uns“ vielleicht nicht, aber vielleicht so manchem, der auch vor Deinem kritischen Blick bestehen kann…
Genug, wir kommen ab!
Ja, ich glaube, meine Antwort ist auch recht lang geworden…
Gruß, Stucki
gruß,
Taju