gerade bin ich ziemlich schockiert. Ich habe erfahren dass mein Stiefvater in erbärmlichem Zustand total verkrebst im Krankenhaus liegt, kaum noch sprechen kann und offenbar nicht mehr lange zu leben hat.
Normalerweise wäre es keine Frage, den Mann zu besuchen.
Aber es gibt da eine Vorgeschichte.
Meine Mutter hat ihn geheiratet als ich 6 Jahre alt war und meine Erinnerungen sind keine guten. Ich habe viele Schläge von ihm bekommen, extreme Prügel. Ich hatte immer große Angst vor ihm. Erst als ich erwachsen wurde wurde das Verhältnis „besser“, und wir haben uns einigermassen verstanden. Besonders als mein erstes Kind geboren wurde war er kaum wieder zu erkennen, er liebte die Kleine abgöttisch und war ein toller Opa für sie. Unser Verhältnis verbesserte sich dadurch ebenfalls.
Meine Mutter liess sich nach 21 Jahren Ehe vor 15 Jahren von ihm scheiden. Die ersten drei Jahre hatten wir noch Kontakt, dann lernte er eine Frau kennen die ihm sozusagen den Kontakt zu mir untersagte, da ich ja nicht mal sein Kind sei und sie wolle es nicht, dass wir uns sehen. Und er hat offenbar nicht dagegen aufbegehrt, denn unser Kontakt war damit beendet. Anfangs war es schlimm für meine Tochter, aber im Laufe der Zeit vergaß sie ihren Opa. Ich war sehr wütend auf ihn.
Tja, also keine guten Vorzeichen. Warum nimmt es mich dann so mit nun zu hören dass es ihm so extrem schlecht geht? Ich bin hin und her gerissen, einerseits möchte ich ihn besuchen und ihm, falls es ihm ein Bedürfnis wäre, sagen dass alles gut ist und er sich keine Vorwürfe machen braucht. Andererseits, womöglich macht er sich gar keine Vorwürfe, bzw. ist es ihm ziemlich egal. Ach ich weiss nicht, was würdet ihr tun?
vielleicht bereust Du später ihn nicht besucht zu haben?
Höre auf Dein Bauchgefühl,ich glaube es sagt Dir spontan die Antwort.
Und aussprechen muß man ja vielleicht auch garnichts mehr groß.
Vielleicht fühlst Du Dich danach wohl ihm ein letztes Lächeln geschenkt zu haben…
allein daß Du Dir diese Gedanken machst zeigt mir, daß Du Dich noch mit ihm verbunden fühlst und zwar nicht (nur) negativ.
Das wäre für mich ein ziemlich sicherer Fingerzeig, daß ich ihn besuchen würde/müsste.
Und aussprechen muß man ja vielleicht auch garnichts mehr
groß.
Vielleicht fühlst Du Dich danach wohl ihm ein letztes Lächeln
geschenkt zu haben…
Da möchte ich aber unbedingt nochmal Petras Hinweis unterstreichen, nicht mit zu großen Erwartungen hinzugehen. Todkranke Menschen sind nicht immer nur freundlich, ruhig, liebevoll und versöhnungsbereit.
Manchmal ist jemand verbittert, gereizt durch Schmerzen und Übelkeit, unzufrieden mit der Krankheit, dem Leben und dem Tod, hat Angst und weiß sich nicht zu helfen. Ist doch eigentlich zu verstehen.
Es kann dann trotzdem oder auch gerade gut sein, hinzugehen. Aber es kann eben sein, dass es nicht das Wohlfühlprogramm mit Lächeln wird. (Entschuldige, das ist polemisch geschrieben.) Man muss dann aushalten und kann unter Umständen dadurch etwas Verbundenheit zeigen.
Vielleicht gibt es die Möglichkeit, vorher anzurufen und zu fragen, ob er besucht werden möchte? Dann hätte er (vorausgesetzt, er ist soweit bei Bewusstsein) auch die Möglichkeit, sich auf das Wiedersehen einzustellen.
Stimme Dir voll zu,hatte aber vorausgesetzt,da die UP ja keine 16 jahre ist,daß sie das auch nicht erwartet.
Hatte auch jemanden mit dem Wissen ihn das letzte mal gesehen zu haben,im Krankenhaus besucht. Derjenige hatte es mir manchmal auch nicht leicht gemacht,aber er hatte niemanden mehr,und ich fühlte mich besser,als wenn ich nicht hingegangen wäre.
Nehme gerne von Dir auf"etwas Verbundenheit zeigen",nicht mehr und nicht weniger.!
dann sind wir ja einig! Ich denke auch, dass es gut und wichtig sein kann, in so einer Situation hinzugehen, für einen selbst und für den Sterbenden.
Hatte auch jemanden mit dem Wissen ihn das letzte mal gesehen
zu haben,im Krankenhaus besucht. Derjenige hatte es mir
manchmal auch nicht leicht gemacht,aber er hatte niemanden
mehr,und ich fühlte mich besser,als wenn ich nicht hingegangen
wäre.
Da möchte ich aber unbedingt nochmal Petras Hinweis
unterstreichen, nicht mit zu großen Erwartungen hinzugehen.
Todkranke Menschen sind nicht immer nur freundlich, ruhig,
liebevoll und versöhnungsbereit.
Manchmal ist jemand verbittert, gereizt durch Schmerzen und
Übelkeit, unzufrieden mit der Krankheit, dem Leben und dem
Tod, hat Angst und weiß sich nicht zu helfen. Ist doch
eigentlich zu verstehen.
Das kann ich nur unterschreiben.
Der ältere Bruder meines Mannes ist damals mit 26 Jahren an Darmkrebs verstorben. Mein Mann sagte mir mal, dass er bis zuletzt sehr genervt fast wütend war auf alle die ihn besuchten.
Ich würde also hingehen auf die Gefahr hin, dass er nicht so gut drauf ist. Einfach da sein, zuhören.
Ihn besuchen. Und nicht auf eine „Aussprache“ hoffen - das ist im finalen Stadium meist gar nicht mehr möglich. Großzügig sein, verzeihen, Abschied nehmen. Es wird für Dich ein Geschenk sein - so oder so.
Mir kam spontan das Stockholm-Syndrom in den Sinn.
Dieser Mann verdrischt dich als Kind auf übelste Art und Weise, will später nichts mehr mit dir zu tun haben und du überlegst jetzt, ob du ihm noch deine Aufwartung in der Klinik machen könntest und leidest mit ihm, weil er dahinsiecht? Wie sehr muss man von seinen Gefühlen abgekapselt worden sein, um sich in dieser Situation immer noch zu einem solchen Kriminellen emotional hingezogen zu fühlen? Für mich ist eine Person, die Kinder verprügelt, Abschaum, mehr nicht.
Ich persönlich würde maximal ein letztes Mal in die Klinik gehen und ihm deutlich zu verstehen geben, was für ein charakterloser Idiot er ist und wie sehr es mich freut, dass er am Ende seines Lebens endlich die Quittung bekommt.
Ich bin
hin und her gerissen, einerseits möchte ich ihn besuchen und
ihm, falls es ihm ein Bedürfnis wäre, sagen dass alles gut ist
und er sich keine Vorwürfe machen braucht. Andererseits,
womöglich macht er sich gar keine Vorwürfe, bzw. ist es ihm
ziemlich egal.
In den Zeilen geht es nur darum, was ER eventuell denkt oder will-- ABER-- was willst DU???
Wenn es DEIN Bedürfnis ist, dann gehe hin und rede…- wenn es DIR wichtig ist ihm zu sagen, daß alles gut ist-- tue es!
verständlich deine Frage. Ich würde mir die Frage stellen, wie es für mich wäre, wenn ich nichts gewusst hätte von seiner Krankheit und nur von seinem Tod erfahren hätte…Würde ich mir dann wünschen ich hätte es eher gewusst? Hätte ich mit ihm noch etwas klären wollen?
Vielleicht besteht diese Option nur noch einmal!?
Ich bin hin und her gerissen, einerseits möchte ich ihn besuchen und
ihm, falls es ihm ein Bedürfnis wäre, sagen dass alles gut ist
und er sich keine Vorwürfe machen braucht.
Wenn es das ist, was dich bewegt, dann solltest du ihn besuchen. Dein Abschluss der Geschichte.
Andererseits, womöglich macht er sich gar keine Vorwürfe, bzw. ist es ihm
ziemlich egal.
Dir aber scheinbar nicht. Und das ist das Entscheidende.
Warum nimmt es mich dann so mit nun zu hören dass es ihm so extrem schlecht :geht?
Weil du ein empathischer Mensch bist?
Ich kann gut verstehen, dass eine ordentliche Portion Hass und Wut auf diesen Mann im Spiel ist. Andererseits sind Hass und Wut destruktive Gefühle, die letztendlich nur dem Hassenden selbst schaden. Auch wenn dein Stiefvater dich sehr verletzt hat, würde ich ihn an deiner Stelle besuchen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass du mit dir selbst im Reinen bist. Es darf kein Besuch aus Häme sein. Auch kein Besuch, um zu verzeihen oder das Geschehene zu „klären“ (dafür ist es jetzt zu spät). Und auch keiner, um zu prüfen, ob du die Reife/Stärke hast, dem Mann gegenüber zu treten.
Wenn es dir ein Bedürfnis ist, deinen Stiefvater noch einmal zu sehen und sich von ihm zu verabschieden, geh hin - wenn nicht: lass es bleiben. Ich würde vermutlich hingehen…
Was mich an dem ganzen Posting extrem stutzig macht:
ER verprügelt dich als Kind, ER bricht den Kontakt zu dir ab und du schreibst:
„falls es ihm ein Bedürfnis wäre“ … möchte ich ihm sagen, „dass alles gut ist und ER sich KEINE Vorwürfe machen braucht.“
Möchtest du ihm die Absolution erteilen? Wenn ja, warum? Absolution kann aber nur jemand erteilen, wenn sich der andere seiner Schuld bewusst ist. Davon ist er weit entfernt. Ausserdem hat ER den Kontakt zu dir abgebrochen. Warum ist es dir also überhaupt ein Bedürfnis, hinzugehen, wenn er ganz nichts mehr von dir will?
alle, die dazu raten, nicht hinzugehen, nicht zu verzeihen etc. vergessen eben genau das:
Hass und
Wut [sind] destruktive Gefühle, die letztendlich nur dem Hassenden
selbst schaden.
Wenn es dir ein Bedürfnis ist, deinen Stiefvater noch einmal
zu sehen und sich von ihm zu verabschieden, geh hin -
Das sollte sie für sich selbst tun (eben wenn es ihr ein Bedürfnis ist, was ich aus ihren Zeilen lese).