Hallo Annie,
nach dem ich Deine Zeilen gelesen habe, versuche ich mal ein paar Gedanken zu formulieren.
Als erstes möchte ich gratulieren, auch wenn Du das sicher nicht hören möchtest/kannst. Und wenn ich darauf hinweise, dass sich viele Frauen überbordend freuen würden, da sie die abenteuerlichsten Versuche unternehmen, um dieses Ergebnis zu erzielen, dann soll das nicht anklagend sein.
Für Dich scheint es es großes Pech zu sein, da Deine und auch die Lebensplanung Deines Freundes dieses Resultat nie als mögliches „Nebenprodukt“ auf der Rechnung hatte. Aber, auch das soll nicht anklagend und belehrend sein: Zum Kindermachen gehören immer noch zwei, und wenn die beiden sich einig sind, dass sie keine Kinder wollen, dann sollten beide verantwortungsvoll verhüten.
Jetzt ist aber der Ernstfall eingetreten.
Ich bin einfach nicht der Typ dafür, ich habe absolut keinen Bezug :zu Kindern, fühle mich unwohl in ihrer Gegenwart-mehr noch: Ich kann :Kinder nicht leiden. Ihr Geschrei,selbst ihr Lachen nervt mich, :macht mich aggressiv.
Das klingt wirklich hart. Aber Du bist ehrlich - vor allem zu Dir selbst. Das wird Dir - egal wie Deine Entscheidung ausfällt - bei der endgültigen Wahl - Kind ja oder nein - helfen.
Ich kann es nicht erklären, es ist einfach so. Hatte einfach
nie Muttergefühle. Für mich war immer klar, würde ich
schwanger werden, würde ich das Kind abtreiben-ohne lang zu
zögern.
Muttergefühle kann man nicht antrainieren. Du bist schließlich kein Hund, der apportieren lernen soll. Ob Du nach einem Abbruch nicht letztlich doch Schuldgefühle haben würdest, diese Frage kann Dir auch keiner beantworten.
Doch jetzt bin ich in dieser Situation und so einfach, wie
ich es mir immer vorgestellt habe, ist es wirklich nicht.
Plötzlich habe ich Zweifel, ob ein Abbruch wirklich die
richtige Lösung ist, dabei kann ich meine Zweifel nichtmal
erklären.
Du hast noch 4 Wochen Zeit, Dich und Deine Gefühle und Wünsche zu erforschen. 4 Wochen sind kurz/lang. Persönliche Zweifel kann man nach meiner Erfahrung nicht erklären. Das ist mehr so ein Bauchgefühl: Der Kopf sagt so - der Bauch ganz anders, aber es scheinen viele Fragen trotz Rationalität nicht eindeutig geklärt.
Nach wie vor kann ich mich als Mutter nicht vorstellen.Ich mit
einem Baby im Arm, an meiner Brust?Nachts alle 2 Stunden
aufstehen und stillen, Windeln wechseln, es beruhigen, ihn den
Schlaf singen?
Alle zwei Stunden nachts aufstehen ist i. a. nicht die klassische Nachgestaltung. Jedes Kind ist anders. Und Mutter wird man zwar rein formal mit der Entbindung, aber letztlich ist das ein Entwicklungsprozess. Und der dauert - und keiner ist vollkommen.
Ich glaube einfach,und davor habe ich Angst, dass ich das Kind
nicht lieben kann.Ich weiss nicht,ob ich das will, ständig und
allzeit für dieses Kind da zu sein.
Klar macht das Angst: Mit einem Male ist man nicht nur für sich und seine Taten, sondern auch für ein kleines hilfloses Etwas verantwortlich. Das stellt das Leben auf den Kopf, bestimmt über den kompletten Tag/die Woche/das Jahr - und das über viele Jahre/Jahrzehnte hinweg. Aber besser Angst haben und sich Gedanken machen, als rosarote Brille - BABY TOLL - und dann vor einem Scherbenhaufen stehen.
Ich habe zu meiner Mutter gesagt: Was soll ich mit einem
Kind?Wie soll ich mit einem Säugling einen Job in der
Gastronomie finden, bei den Arbeitszeiten?
Meine Mutter würde das Kind versorgen,während ich arbeiten
bin, so dass ich mir um das Finanzielle keine Gedanken machen
muss.Ich würde dann auch gerne wieder Vollzeit arbeiten.
Dass Du die Unterstützung Deiner Mutter hast, finde ich toll. Das erleichtert den Start ins Abenteuer Leben mit Kind. Aber Deine Mutter ist nicht die Mutter Deines werdenden Kindes.
Ich will,dass alles so bleibt wie es ohne Kind ist.
Genau das aber passiert nicht, wenn Du Dich für das Kind entscheidest.
Mein Ex,der allerdings nicht der Vater ist,sondern mein
aktueller Freund, hat mich gefragt: Warum willst du das Kind
bekommen, wenn du so weiter machen willst wie bisher?Wenn du
nicht bereit bist, die Dinge zu ändern,die sich zwangsläufig
durch ein Kind ändern?Wenn du nicht bereit bist, Verantwortung
zu übernehmen?
Ich konnte ihm keine Antwort geben,denn er hat Recht. Ist es
Sinn und Zweck,ein Kind auszutragen, das ich, nur damit ich
mein Leben wie bisher leben kann, zu meinen Eltern schiebe?
Das sind alles wirklich sehr gute Fragen. Beruflich klappt delegieren von Aufgaben, privat kann das auch funktionieren, aber man muß bei beiden Varianten einplanen, das die Aufgaben nach der Delegierung vielleicht doch nicht so gelöst werden, wie man es gerne hätte.
Mein Freund will dieses Kind auch nicht, bzw. generell keine
Kinder, wir waren uns immer einig.Mir fehlt ein wenig seine
Unterstützung und sein Rückhalt. Er sagt zwar,letztendlich ist
es meine Entscheidung und er würde mich nicht verlassen, wenn
ich das Kind austragen würde,aber ich möchte natürlich mit ihm
gemeinsam entscheiden. Das Kind ist doch nicht alleine auf
meinen „Mist“ gewachsen.
Wenn Ihr Euch einig wart, ein Leben ohne Kinder zu führen, dann habt Ihr beide gepatzt. Dass Du Dich mit ihm gemeinsam entscheiden möchtest, ist ja löblich, aber letztlich ist es immer die Entscheidung der Frau, ob das Kind zur Welt kommt oder nicht.
Wenn ich das Kind wollte, wäre es mir natürlich „egal“,wenn
mein Freund sich dann aus dem Staub macht.Dann ist es halt
so,das beeinflusst mich jetzt nicht in meiner Entscheidung.
Geh einfach mal anders heran: Auch wenn man verheiratet ist und Nachwuchs bekommt, heißt das noch lange nicht, dass die Ehe Bestand haben wird. Ein Kind kann reine Freude und Horror zugleich sein. Es kann eine Partnerschaft noch fester und inniger werden lassen, kann aber durch die Belastungen des Alltags auch eine gefestigt erscheinende Ehe zum Scheitern bringen.
Das Gute ist: Du wirst in den nächsten vier Wochen EINE Entscheidung fällen müssen.
Das Schlechte: Wenn das Kind da ist, wirst Du in kürzester Zeit immer neue Entscheidungen treffen müssen. Und jede einzelne ist wichtig und Du hast nicht immer Zeit, gründlich nachzudenken. Viele zukünftige Entscheidungen werden dann spontan getroffen werden müssen, weil es einfach nicht anders geht. DAS KANN ANGST MACHEN. Aber es kann auch ganz neue Stärken in Dir wecken.
Aber ich weiss eben nicht, was ich will bzw. warum ich es
jetzt doch für möglich halte, das Kind auszutragen.Wie kann
ich Zweifel haben, wenn ich doch immer einen klaren Standpunkt
dazu hatte?
Weil das Leben und die eigenen Befindlichkeiten in ständiger Veränderung sind und man leider - oder besser bloß gut - nicht alles für alle Zeit entgültig vorausentscheiden kann und sollte.
Ich weiss,keiner kann mir die Entscheidung abnehmen, aber ich
brauche eine paar neutrale Meinungen, Gedanken, Ratschläge.
Ich drücke Dir ganz fest die Daumen. Vielleicht solltest Du nochmals die Hilfe von Pro Familia in Anspruch nehmen. Das geht auch per Online-Beratung, aber vermutlich wäre in Deinem Falle ein persönlicher Termin nutzbringender.
Alles Gute für Dich und ein schönes WE wünscht Lari