Ursachen von 'Persönlichkeitsstörungen'

Hallo,

was mir oft auffällt und ziemlich missfällt:
wenn man von Persönlichkeitsstörungen im Internet liest, um sich über darüber zu informieren, findet man tausend Bezeichnungen ( z.B. dissozial, schizoid, histrionisch, paranoid etc pp…)mit langen Beschreibungen des Verhaltens und Abgrenzungsversuchen von wieder anderen Persönlichkeitsstörungen. Das ist ja alles schön und gut. Nur was bringt es für denjenigen oder für Freunde von jemanden, der solche Merkmale hat, wenn man kaum etwas über die Ursachen geschrieben wird?
Soll man darüber im Dunkeln gelassen werden? Seinen eigenen Beobachtungen zu folgen und viele verschiedene Bücher zu lesen, ist glaube ich sinnvoller als Aussagen wie „hat eine extrem hohe angeborene Sensibilität“. Ich frage mich, wie jemand so etwas behaupten kann? Hier wird ja suggeriert, dass die Gene dafür verantwortlich sind. Völliger Humbug, da man ja sieht, wie Menschen sich verändern, wenn sie verstanden werden und in einer anderen Umwelt sind. Zwangsläufig muss ich dabei an die Pharmabranche denken und ihren Medikamentenwahn. Nicht die Umwelt wird verändert, sondern eine Pille soll geschluckt werden, die nicht die Ursache bekämpft sondern nur die Symptome. Psychisch verändert hat sich nichts.
Statt immer neue Kategorien zu erfinden, sollten wir uns alle Gedanken machen, warum sich jemand so verhält wie er sich verhält.

Was haltet ihr von solchen Aussagen, die die genetische Disposition anführen und nicht viel mehr?

Hi

Was haltet ihr von solchen Aussagen, die die genetische
Disposition anführen und nicht viel mehr?

Etwa genauso wenig wie von denen, die alles auf die Umwelt und die Eltern schieben. :wink:
Als Psycho-Doc und Vater von 4 Kindern weiß ich inzwischen, dass jeder Mensch mit einer eigenen, schon ein wenig spezifischen, Persönlichkeit auf die Welt kommt, welche dann mit den Anforderungen und dem Unbill der Umwelt zusammenprallt. Der eine wird mit dem Temperament einer Flamenco-Tänzerin geboren, dem anderen kann man noch beim Laufen die Schuhe besohlen. So gehts schonmal los.
Auf die ersten Konflikte reagiert das eine Kleinkind entsetzt, panisch oder resigniert, das andere wütend, trotzig oder unbeirrt. Peu a peu bildet sich nun -meiner EWrfahrung und Meinung nach- aus dem Zusammenspiel der kleinen Urpersönlichkeit und den Begegnungen in der Welt draußen die spätere Persönlichkeit.
Natürlich sind Einflüsse wie „der begeisterte Glanz im Auge der Mutter“ wesentliche für das kleine Kind. Ein Narzissmus z.B. ist ja immer eine (früh) gestörter Narzissmus, d.h. unter dem, was uns als narzisstisch auffällt bei jemand ist eine sehr tief verunsicherte Persönlichkeit usw. usf.
Gruß,
Branden

Danke für deine Antwort.
Allein schon evolutionsbiologisch gibt es verschiedene Dispositionen.
Die Frage ist doch eher, ob die automatisch zu Persönlichkeitsstörungen führen? Das würde ich in 99% der Fälle bezweifeln.
Für alle Kinder ein und derselben Familie ist die Umwelt nie gleich. Das elterliche Verhalten ist nie genau dasselbe und die Geschwisterreihenfolge spielt natürlich auch mit hinein.
Ein Kind der gleichen Familie kann ein Bindungsproblem haben, ein anderes nicht.

Mit „und sonst nicht viel mehr“ habe ich danach gefragt, warum nicht mehr über die Umweltursachen geschrieben wird, wie z.b. auf Seiten wie wikipedia u.ä., obwohl diese längst bekannt sind und auch meines Erachtens ausschlaggebend für die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen sind.

Jenna

Hi

Die Frage ist doch eher, ob die automatisch zu
Persönlichkeitsstörungen führen? Das würde ich in 99% der
Fälle bezweifeln.

Da sind wir uns einig.

Für alle Kinder ein und derselben Familie ist die Umwelt nie
gleich. Das elterliche Verhalten ist nie genau dasselbe und
die Geschwisterreihenfolge spielt natürlich auch mit hinein.

Richtig - aber das angeborene „Temperament“ scheint mir noch ausschlaggebender zu sein.

Ein Kind der gleichen Familie kann ein Bindungsproblem haben,
ein anderes nicht.

Richtig. Und das hat er a u c h wegen seiner charakterlichen Anlage.

Mit „und sonst nicht viel mehr“ habe ich danach gefragt, warum
nicht mehr über die Umweltursachen geschrieben wird

Wir psychoanalytisch und entwicklungspsychologisch denkenden und arbeitenden Menschen haben uns ja jahrzehntelang erschöpft mit ausschließlich dem Nachspüren der Umweltursachen, der Eltern und Erzieher usw.
Das ist also nichts wirklich Neues, sondern in den letzten 100 Jahren ausgiebig erörtert worden. In den letzten 50 Jahren sogar nochmal spezifisch das erste Lebensjahr des Säuglings betreffend.
Gruß,
Branden

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ist ja komisch, dass eine mir bekannte Psychologin genau andersherum argumentiert! Sie ist der Ansicht, dass das Elternhaus ausschlaggebend ist.

Manchmal neigen wir leider dazu, den Kindern selbst die Ursache zuzuschreiben. Das hat dann Gründe, die eher bei denjenigen zu suchen sind, die so etwas behaupten. Um sich selbst zu schützen? Weil man etwas nicht wahrhaben möchte oder weil man den Grund für ihr Verhalten nicht erkennt. Es ist ja auch schwer aus seinem eigenen Denkmuster auszubrechen.

Bin ich froh, dass es Menschen wie Alice Miller gibt, die beim elterlichen Umfeld beginnen („Am Anfang war Erziehung“)

Jenna

ist ja komisch, dass eine mir bekannte Psychologin genau
andersherum argumentiert! Sie ist der Ansicht, dass das
Elternhaus ausschlaggebend ist.

Ja, das war ja auch der „mainstream“ seit den 60er Jahre und hat durchaus seine ehrenwerte Berechtigung. Es hat sich leider nicht in dieser Ausprägung halten können. Ähnlich wie bei der Entsstehung z.B. der Schizophrenie, wo wir in den 60er Jahren noch Eltern mit schizophrenogenem Erziehungsstil (z.B. häufiges „double bind“) als Hauptursache sehen wollten, es sich aber leider nicht bestätigt hat auf die Dauer.

Bin ich froh, dass es Menschen wie Alice Miller gibt, die beim
elterlichen Umfeld beginnen („Am Anfang war Erziehung“)

Alice Miller hat in den später 70ern und frühen 80ern nochmal auf die 60er Jahre Thesen draufgesetzt. Einiges ist sicherlich sehr schön erklärt, am berühmtesten ist wahrscheinlich ihr Buch „Das Drama des begabten Kindes“ mit dem sich natürlich 80% der Leser(innen) identifizierten, ähnlich wie bei „Wenn Frauen zu sehr lieben“. Da war eine große Tröstung und Entlastung drin. Auch mich hat zu Beginn der 80er Jahre A.Millers Buch „Dzu sollst nicht metrken“ beeindruckt. Ebenso wie mich Anfang der 70er Jahre der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ beeindruckt hat. Jahrzehnte später habe ich den Film nochmal gesehen und in Nicholsons Rolle eimnen stinknormalen borderliner erkannt, der eigentlich schon am Anfang bei dem demorkatisch agierenden Psychiater gut weg kam.
Naja, ein weites Feld, welches von berechtigten Hoffnungen und Idealismus stark getönt war/ist.
Gruß,
Branden

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Familie = 1.Ursache aller Persönlichkeitsstörung

Allein schon evolutionsbiologisch gibt es verschiedene Dispositionen.
Die Frage ist doch eher, ob die automatisch zu Persönlichkeitsstörungen führen? Das würde ich in 99% der Fälle bezweifeln.

Dem schließe ich mich an. Allerdings bin ich der Ansicht, dass A. Millers „Am Anfang war die Erziehung“ bei weitem nicht weit genugt geht. Aus der Tatsache nämlich, dass die Kinder aller Kulturkreise alle mehr oder weniger auffallend krank gemacht werden (- die Masse auf „normale“ Weise, also unauffallend in ihrem jeweiligen Kulturbereich), kann man schließen, dass dies nicht so sehr an der jeweils modischen Erziehungsform liegen dürfte, als in erster Linie an der „Familie“ selbst, in der sie alle geboren werden, aufwachsen und erzogen werden müssen. (Familie ohne „Erziehung“ artet in anarchisches Chaos aus: siehe 'antiautoritär erzogene Familienkinder). Freud ging diesem Phänomen einer weltweiten psychischen Deformation der Menschheit nach anhand einer These, wonach die Familie keine evolutionsbedingte Daseinsform darstellen kann (andernfalls würde sie die Kinder nicht schädigen), sondern eine von der Urmenschheit aus bestimmten (gut gemeinten) Gründen auf die Welt gesetzte, „erschaffene“ Institution. Die heutige psychoanalytische Forschung gibt Freud recht, sie ist jedoch nichts, das von A. Miller noch irgendwo anders an den Akademien vertreten wird…

Dass persönlichkeitsgestörte Menschen durch Veränderung der Umwelt ein „normales“ Erleben erlernen können, kann als Beleg dafür angesehen werden, dass die Umwelt darüber entscheidet.
Ein Mensch entwickelt sich durch Interaktion mit der Umwelt und nicht allein aus sich selbst heraus. Die Frage, die sich stellt, ist, wie diese Umwelt, der er ausgesetzt war, ausgesehen hat. Sendungen wie „Die Supernanny“ streichen das Verhalten und die Folgen für das Kind und sein Verhalten heraus (wenn man von den ersten Folgen absieht, als das Kind und sein Verhalten unabhängig von den Eltern betont wurde). Dass heutzutage viele Eltern erziehungsunfähig sind, muss ich nicht extra anführen. Die Gesellschaft in der wir leben, trägt dazu bei. Viele Menschen sind sozial isoliert, sehnen sich nach Geborgenheit und Kommunikation und übertragen ihre psychischen Probleme auf ihr Kind. Eltern müssen auf die Eigentümlichkeiten ihrer Kinder eingehen können.
Es gibt auch schon vorgeburtliche Einflüsse, die auf das ungeborene Kind Einfluss nehmen. Damit meine ich nicht nur Medikamenteneinnahme oder Alkoholkonsum, sondern auch Hormone (biochemische Prozesse), Ängste während der Schwangerschaft).Wenn ein Kind also geboren ist und scheinbar ein Bindungsproblem hat, dass von ihm ausgeht, wird der vorgeburtliche Umwelteinfluss nicht mit beachtet. Hier nur auf die Gene zu schauen, würde in die falsche Richtung führen.

Hi

Die heutige
psychoanalytische Forschung gibt Freud recht, sie ist jedoch
nichts, das von A. Miller noch irgendwo anders an den
Akademien vertreten wird…

Die sogenannte akademische Psychologie (also das an den deutschen Universitäten real existierende Psychologie-Studium) vertritt ja nicht einmal Freuds Psychoanalyse - wie sollte sie dann Verzweigungen wie Alice Miller, Wilhelm Reich u.a.m. vertreten? Die Psychoanalyse fristet nach wie vor ein außer-akademisches Leben, leider.
Allerdings entsteht ja zur Zeit gerade die Sigmund-Freud-Universität in Berlin, eine Privatuniversität, ein Projekt, bei dessen Entstehung ich neulich anwesend war und guten Mutes eine Koopefration zwischen meinem psychoanalytischen Heimat-Istitut und der SFU entstehen sah.
Gruß,
Branden

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Dass persönlichkeitsgestörte Menschen durch Veränderung der
Umwelt ein „normales“ Erleben erlernen können, kann als Beleg
dafür angesehen werden, dass die Umwelt darüber entscheidet.

Was nichts mit der Entstehung der Perslönlichkeitsstörung zu tun hat.

Ein Mensch entwickelt sich durch Interaktion mit der Umwelt
und nicht allein aus sich selbst heraus.

Richtig. Nichts anderes habe ich je behauptet.Es ist eben genau diese I n t e r a k t i o n zwischen dem schon angelegten Grundcharakter und der Umweltr, welcher dann die Persönlichkeit und ggf. ihre Störungen herausbildet.

Hier nur auf
die Gene zu schauen, würde in die falsche Richtung führen.

Absolut. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Es ist eben diese Zusammenspiel, diese Interaktion, zwischen Grundkonstellation und Umwelt.
Gruß,
Branden

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Weiter zur 1.Ursache aller Persönlichkeitsstörung

Die sogenannte akademische Psychologie (also das an den deutschen Universitäten real existierende Psychologie-Studium) vertritt ja nicht einmal Freuds Psychoanalyse - wie sollte sie dann Verzweigungen wie Alice Miller, Wilhelm Reich u.a.m. vertreten? Die Psychoanalyse fristet nach wie vor ein außer-akademisches Leben, leider. Allerdings entsteht ja zur Zeit gerade die Sigmund-Freud-Universität in Berlin, eine Privatuniversität, ein Projekt, bei dessen Entstehung ich neulich anwesend war und guten Mutes eine Koopefration zwischen meinem psychoanalytischen Heimat-Istitut und der SFU entstehen sah.

Man darf also gespannt sein, ob es wenn schon nicht Miller ect. ff, dann endlich diesem Projekt gelingen wird, die eigentliche Nachfolge Freuds anzutreten, auch hinsichtlich seiner Auffassung über die neurotisch ignorante akademische Psychologie. Ein inhaltlich entscheidendes Kriterium dafür wäre: Seiner in Totem und Tabu postulierten These über die ‚künstliche Herkunft der deswegen ausnahmslos alle ihre Kinder krankmachenden Familie‘ weiter nachzugehen, indem diese Annahme anhand der erst heute habbaren ethologischen Befunde - etwa aus dem Experiment Summerhill* und den anderen primatenspezifischen Kindergruppe bei unseren nächsten tierischen Verwandten - geprüft wird.

/* Das läuft übrigens nach wie vor bestens. (so weiß ich nicht, woher Du Dein Wissen? über sein Aus-den-Fugen-Geraten beziehst/s.o., Athens Eulen). Wäre das nicht der Fall, z.B. weil die gesunde Beziehungsdynamik so einer Kindergruppe eines genialischen erwachsenen Führers bedürfte, hätte sich Neills psychoanalytisch inspiriertes Postulat über das bei Kindern (noch) zur Verwirklichung gelangen könnende Prinzip der evolutionär-genetisch („ES“-/verankerten „Selbstorganisation“ erübrigt. So aber besteht die Aufgabe der anwesenden Erwachsenen weiterhin lediglich darin, die Kinder materiell (mit Nahrung, Obdach) und mit dem Angebot von Lernstoff aus dem Bereich der kulturell-zivilisatorischen Errungenschaften zu versorgen, sich ansonsten auf die gleiche (Mitbestimmungs)Stufe wie sie stellend, anstatt die körperlich-geistige Überlegenheit des Erwachsenen für die Ausübung von erzieherischer Macht zu mißbrauchen.

Danke,
es ist erfrischend dass zu lesen, dass mal jemand nicht immer gliech mit den Genen argumentiert, das ist ja wieder sehr in Mode gekommen, ach ja lest doch mal was zur Drapetomanie „Die irrwitzige Idee wegzulaufen“, die Krankheit die amerikanische Sklaven diagnistiziert wurde, die von ihrem Sklavenhalter weglaufen wollten, was ist wohl die heutige Drapetomanie, wo werden heute wohl Gesunde fälschlicherweise als krank diagnostiziert ?
Ach ja, was ist denn aus der Psychosynthese geworden ?
Gruß
Oli

Aber wodurch werden denn die kleinen Urpersönlichkeiten als erstes gestört wenn nicht durch das Umfeld ?