Hi,
Hat sie sich dieses „viel mehr“ denn verdient?
Gibt (oder gab) sie denn auch „viel mehr“?
Wenn ich ehrlich bin, hat sie mehr verdient, als sie bekommt.
Okay, das ist ja schonmal was. Dann bleibt noch die Frage, ob Du überhaupt derzeit in der Lage bist, das zu leisten Ganz offensichtlich ist das ja nicht der Fall - aber dazu unten mehr…
Schon verloren. WENN Du diesen Weg gehst, dann musst Du auch
tabula rasa machen.
Ich habe es schonend versucht, nach dem Motto, immer ein
wenig.
Das mein ich ja: „ein wenig“ ist da manchmal nicht genug.
Es gibt auch bei solchen Dingen eine Schwelle, die manchmal überschritten werden muß.
Ein etwas unpassender Vergleich ist vielleicht der Alkoholiker: Er muß erst GANZ UNTEN sein, von allen verlassen, total am Boden, bis er sich wieder aufrichten kann. Jeder, der meint, mit ihm behutsam umgehen zu müssen, schadet ihm mehr, als er ihm nützt.
Zumindest wollte ich mal antasten, wie sie darauf
reagiert. Sie hat meine Eindrücke nachvollziehen können, aber
es gibt keine Besserung.
Klar, weil sie sie nicht wirklich _begriffen_ hat. „Ja, ja“ sagen ist einfach, aber das auch wirklich zu fühlen ungleich schwerer.
Ich persönlich würde mich überfordert fühlen, wenn mir jemand
100 Wünsche bzw. Kritikpunkte entgegenbringt… Kritik ist ja
ok, aber in Maßen…
Das ist es ja eben. Überforderung ist der Sinn der Sache, um die Blockaden zu durchbrechen.
Sie denkt halt noch, ich bin „die Kleine“ und werde ewig Kind bleiben.
In gewissem Maße ist das bei Eltern wohl so, aber eben nur in gewissem Maße.
Was Dir bleibt, ist ihr zu ZEIGEN, daß Du das eben nicht mehr bist.
Ihr zu zeigen, daß Du unabhängig bist.
Ihr zu zeigen, daß Du als eigene Person ernstzunehmen bist.
Ihr zu zeigen, daß Du Dich nicht um den Finger wickeln lässt.
Sie hat niemanden außer mich. Daher übernehme ich alle
Funktionen, die sonst Freundeskreis, Ehemann, weitere Kinder,
Familie usw. tragen. Besser gesagt, ich habe es bisher getan.
Im Moment versuche ich eine „typische“ Tochter zu sein… ich
denke, ich erfülle diese Position. Auch wenn ich mich in
meiner Rolle noch nicht wohl fühle. Und meine Mutter vermisst
natürlich die anderen Positionen, die zur Zeit unbesetzt
sind…
Ich hoffe, es ist verständlich, was ich sagen will.
Sicher ist das verständlich. Versteh mich bitte nicht falsch, ich will Dich nicht dazu überreden, blind mit dem virtuellen Knüppel auf Deine Mutter einzuprügeln, darum geht es nicht. Überleg Dir einfach mal, welche Alternativen Du so hast und wie sich die Zukunft damit jeweils entwickeln wird. DU wirst schnell zu der Erkenntnis kommen, daß Du mit „gemäßigtem“ Vorgehen nichts erreichen wirst. Es wird sich nichts ändern, an Deinem Dilemma nicht und an der Ignoranz Deiner Mutter auch nicht. Was sie tut, hat schon ein bißchen was von emotionaler Erpressung… und mit Erpressern verhandelt man nicht. Sie bekommen nie genug, und lassen ihre Geiseln niemals einfach frei.
Du hast also nur die Wahl, radikal vorzugehen und etwas zu verändern - mit aller Liebe, die Du noch aufbringen kannst. Es geht nicht darum, Deine Mutter zu verletzen, sondern darum, daß Du für Dein Wohlbefinden Verantwortung übernimmst und Konsequenz zeigst. Dann besuchst Du sie eben mal ne Weile nicht, und? Es wird nicht ewig dauern, bist Du sie mal wieder sehen möchtest - aus freiem Willen! Und dann tust Du das eben. Nach ein paar Malen sieht sie dann vielleicht, daß Du sie eben nicht ablehnst, sondern ja „trotzdem“ kommst, obwohl Du so „garstig“ zu ihr warst.
Die andere Möglichkeit ist die (sich etwas brutal anhörende) Variante, daß Du Dich da durchbeisst, bis sie das Zeitliche segnet, was durch die Krebsdiagnose ja nicht ewig weit weg sein wird. Kann man machen, gibt’s auch gute Argumente für, in meinen Augen betrügt man damit aber nur sich und den anderen, eben weil die Aufmerksamkeit, die man gibt, nicht von Herzen kommt, sondern vom Gewissen, sie ist nur vorgespielt. Du wirst das jedesmal wissen und spüren, wenn Du Dich dem hingibst, und Deine Mutter wird das auch spüren.
Das wichtigste ist, daß Dir klar wird, daß egal, was Du tust, es stets DEINE Entscheidung ist.
Niemand verpflichtet Dich, etwas zu tun. Niemand bestraft Dich für etwas, das Du nicht tust.
Wenn Du Dich dabei nicht wohlfühlst, dann bist Du da selbst dran Schuld.
Wenn sie sich nicht wohlfühlt, ist das ihr Problem, nicht Deins.
Du kannst die Verantwortung dafür weder anderen abnehmen noch ihnen aufbürden.
Es liegt in Deiner Hand, wie Du weitermachst, aber meine Prognose sieht so aus, daß Du bei der bisherigen Lage irgendwann entweder austicken oder zusammenbrechen wirst. Du lädst Dir immer mehr an Schuld und Verantwortung auf und weisst schon jetzt, daß Du das nicht (er-)tragen kannst.
Du kannst nur wählen, diese Last kontrolliert abzubauen oder es eben bis zum Eklat kommen zu lassen - und der kommt mit Sicherheit. Deine Mutter ist krank, und dies zu ertragen erfordert gerade von Dir als ihrem Kind besonders viel Kraft, die Du nur dann aufbringen kannst, wenn Du Dich nicht permanent aussaugen lässt, sondern immer mal wieder Gelegenheit hast, Deine Akkus aufzuladen.
Mein Gefasel hilft Dir konkret vermutlich auch nicht viel weiter, aber vielleicht reicht’s ja für nen Denkanstoß und von den anderen hier im Forum kommen bestimmt auch noch ein paar gute Gedanken.
Gruß,
Malte.