Nachbarschaft als soziales Netz
Wenn ich hier einige Antworten lese, dann kann ich eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln. Obwohl es andererseits nicht wirklich verwunderlich ist. Irgendwie scheint das gesunde Gefühl für Nachbarschaft bei einigen verloren gegangen zu sein.
Nachbarschaft sollte in meinen Augen auch in gewisser Hinsicht ein soziales Netz sein. Netz als ein solches gemeint, das gewisse Dinge abfangen kann, nicht als solches, das „gefangen nimmt“.
Ich glaube, in der glücklichen Situation zu sein, in einer solchen Nachbarschaft zu leben. Was das heißt?
- bei mindestens der Hälfte der Nachbarn hätte ich keine Hemmungen zu klingeln, wenn der Zucker alle ist (wörtlich und symbolisch gemeint)
- das schließt gegenseitige Aktionen wie: ey, mein Telefon ist gerade hin, der Anbieter bockt, kann ich mal bei euch / ihnen ins W-Lan
- wenn jemand länger krank ist, dann wird mal eine Tüte Milch mit eingekauft
- wenn jemand in Urlaub ist, gießt man gegenseitig Blumen
- der mit Auto übernimmt dann auch schon mal eine Baumarkttour für den ohne Auto und wird „in Naturalien bezahlt“ (Kuchen, Wein, etc.)
…
Das schließt dann aber auch irgendwie ein, dass man mitbekommt, wenn es dem anderen nicht gut geht. Dazu gehört dann auch, dass man sich dann mal mit einem Glas Wein in den Hof setzt oder ihn / sie zu einem Kaffee hinein bittet. Ebenfalls gehört dazu, dass ein Kind hier nicht vor der Tür steht, alle Kinder, die hier im Block leben (das sind round about 20 Wohnungen in mehreren Häusern) wissen, wo sie klingeln können.
All dies funktioniert, ohne dass man sich gegenseitig zu nahe tritt. Also nix mit Spion gucken: Bähh… wann ist der / die wieder nach Haus gekommen oder mit wer war über Nacht zu Besuch. (Einschränkung: ein Exemplar von der Sorte haben wir noch, nur hat die niemanden mehr, mit dem sie tratschen kann, seit no. 2 von der Sorte vor 3 Jahren ausgezogen ist
) All dies funktioniert auch deshalb, weil man dem anderen seinen Lebenswandel lässt! (Vorgelebt übrigens von der Vermieterin, die am Klima hier maßgeblich mit dreht.)
Ich behaupte mal schlicht und ergreifend: Bei uns würde eine solche Situation, wie sie hier beschrieben wird, nicht auftreten. Weil die meisten hier sie wesentlich besser einschätzen könnten. Hier tritt man nicht erst auf den Nachbarn zu, wenn es zu spät ist.
Das bedeutet: Jeder „Neue“ der hier hinkommt, wird sofort zumindest mal gegrüßt, sobald man sich begegnet. Meist ergibt sich daraus dann auch direkt der erste Smalltalk. Wer nicht will, der will nicht. Mit dieser offenen, aber nicht Krakenhaften, inspizierenden Art wüsste ich sofort gleich mehrere Nachbarn, die in so einem Fall die Kontaktaufnahme „intensivieren“ würden. Man kann auch Gelegenheiten suchen, mal mit jemandem ins Gespräch zu kommen, um Hilfe anzubieten etc. Erst wenn das nicht funktioniert, kann man über andere Dinge nachdenken. (Es sei denn, es gibt wirklich akuten Handlungsbedarf.)
Umgekehrt glaube ich, dass es hier den gleichen Leuten sauer aufstoßen würde, wenn jemand in so einem Fall direkt die Obrigkeit rufen würde, wenn Verdacht besteht.
Sicher ist es besser, die Behörden zu informieren, bevor man gar nichts macht. Noch besser ist es aber, sich selbst ein wenig in die Pflicht zu nehmen - und sei es nur, weil man es umgekehrt vielleicht auch nicht schlecht finden würde, wenn man in seiner Nachbarschaft nicht so völlig anonym ist.
LG Petra