Hallo Branden,
…denn er vergisst und verliert ständig Sachen, die ganz
wichtig für ihn sind.
Persönliche Wichtigkeiten sind aber andere als diejenigen, die von der Gesellschaft auferlegt werden!
Gerade erst hat er seine Tasche (oder Rucksack) mit Handy,
Geld und allem möglichen wichtigen Zeugs auf dem U-Bahnhof
oder S-Bahnhof stehen lassen und fuhr ohne was weiter.
Diese Dinge sind wichtig im Sinne der gesellschaftlichen Ordnung, nicht aber zwangsläufig für uns persönlich. So leicht wir Regenschirme etc. vergessen, so schwerlich vergessen wir unseren eigenen Geburtstag, den Namen der Menschen, die uns etwas bedeuten, das Datum des Urlaubstarts u.a.
Alles äußerst wichtige Sachen. Für ihn wichtig.
Aber nur in zweiter Hinsicht, d.h. erst in der Konsequenz des Verlustes, erst dort greift die Wichtigkeit bezüglich solcher Dinge wie Personalausweiß, Mobiltelefon etc.
Die persönlichen Wichtigkeiten aber greifen in erster Hinsicht, also von vornherein, sie sind uns bewußt nicht erst dann, wenn wir sie verlieren. Sie sind uns bewußt, weil wir sie nicht verlieren (oder auch nur Tendenzen in diese Richtung ausschließen) wollen. Da liegt der Unterschied.
Ich neige also dazu, ähnlich wie Gandalf, zu sagen: Es ist
komplizierter. Möglicherweise hat es mit unbewussten
autodestruktiven oder selbstbestrafenden Tendenzen zu tun.
Ich glaube vielmehr, daß die Art des unbewußten Umgangs gesellschaftsfähig geworden ist, ebenso wie gängige Entschuldigungen hierfür („ich bin halt vergesslich - Punkt“).
Wenn die eigene Schlusigkeit so erklärt wird, gibt es nichts mehr zu hinterfragen, das Thema ist abgehakt und die anderen haben sich zwangsläufig damit zu arrangieren. Eine ganz einfache Sache für den Vergesslichen, denn er hat ja selbsternanntermaßen ‚keinen Einfluß darauf‘, ob er etwas vergißt oder nicht. Jemand, der so argumentiert denkt offensichtlich nicht Chef seiner Taten zu sein, sondern von vorgegebenen (genetischen/vererbten/anerzogenen, was auch immer als Entschuldigung herangezogen wird) Strukturen marionettenhaft fremdbestimmt zu werden. Das mag tw. so sein, gleichwohl ist es jedoch jedem Menschen freigestellt sich in Sachen Aufmerksamkeit weiterzuentwickeln, selbst aus einer erdachten Fremdbestimmung heraus.
Wichtig ist, was wir uns wichtig machen und nicht das, was uns als wichtig vorgesetzt wird.
In diesem Sinne erscheint mir dein Sohn (unbekannterweise) mit diesem Vergesslichkeitspunkt weitaus sympathischer als jemand, der o.g. gesellschaftliche Wichtigkeiten an erste Stelle setzt, sprich seine Geldbörse/Papiere nie verliert, dafür aber bspw.den Geburtstag des besten Freundes.
So gesehen ist die Rucksack-Vergesslichkeit deines Sohnes gesünder und menschlicher als es für manche zunächst erscheint. 
Freundliche Grüße sendet Shebop