Familienstrategien
Hi Nathalie,
Daß Erlebnisse von Grenzüberschreitungen (vor allem sexuelle) vor und während der Pubertät von Mädchen über lange Zeitspannen bis in höhere Lebensalter verdrängt werden, ist jedem Psychotherapeuten mit einiger Erfahrung ein sehr bekanntes Phänomen.
Insbesondere wenn diese Gewalthandlungen in Familien recht engem Zusammenhang stattfinden, gehört diese Langzeitverdrängung beinahe zur Standard-Konfliktstruktur.
Warum das so oft korreliert ist ein weites Feld und sicher hier nicht zu diskutieren.
Daß Eltern diese Gewalthandlungen vormals nicht wirklich wahrgenommen haben, muß oft in Frage gestellt werden. Daß sie es aber, wenn sie später davon erfahren (dann nämlich, wenn der Tochter durch wohlbestimmte Auslöse-Ereignisse die Verdrängung aufgebrochen wird) entweder leugnnen, sogar für Lüge oder Phantasie halten, oder - im günstigsten Fall - für unwichtig abzutun versuchen und damit den Täter decken, das hängt oft sogar kausal mit der Langzeitverdrängung der Frau zusammen.
Eine pathologische Familienkommunikation, in der das soziale Image der intakten, harmonischen und moralisch integren Familie rücksichtslos über intime Vertrauensverhältnisse dominiert, ist die Verdrängung für das Kind oft eine Überlebensstrategie - die Angst davor, den Familienkonnex explosiv zu zerstören, ist schon dem Kind sehr präsent, zumal solche Gewalthandlungen fast immer mit einer emotionalen Erpressung zur Geheimhaltung begleitet sind.
Das eigentliche Trauma kann dadurch überhaupt nicht verarbeitet werden, die Verdrängung wird durch den Druck des Familenverbundes sozusagen betoniert. Und umgekehrt wird oft vom Opfer der bestehende Familiendruck auch - zumindest unbewußt - als „Schutzfunktion“ ausgenutzt, um der Bewußtwerdung (und damit der Reaktualisierung) der Demütigung, die das Gewalterlebnis ja mindestens bedeutet hat, auszuweichen.
Das ist ein fataler Zirkel, der nicht nur die Langzeitverdrängung verständlich macht, sondern der auch die späte Aufarbeitung des ursprünglichen Traumas erheblich erschwert. Das vom Opfer vorausgesetzte (und jetzt bestätigte) Mißtrauen, und die ebenfalls jetzt bestätigte Angst vor dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit kann sogar als zusätzliche, sekundäre Traumatisierung angesehen werden.
Daß die Eltern leugnen oder versuchen, die Ereignisse für unwichtig zu erklären, ist umgekehrt der Versuch, ihr Familienimage zumindest vor sich selbst aufrecht zu erhalten, und außerdem natürlich der Versuch, sich vor dem Selbstvorwurf freizuhalten, in der früheren Zeit nichts bemerkt zu haben.
Die Frau wird dadurch nachträglich bzw immer weiter zum Opfer der vorgetäuschten moralischen Integrität. Die Folge ist dann, daß die Frau oft sich selbst eine Schuld am früheren Geschehen zuschreibt (was sie als Kind fast immer schon eh gemacht haben wird - aber das ist ein anderes Teilproblem).
Die Eltern arbeiten sogar systematisch daran mit, indem sie diese altbekannte heimtückische “wir werden krank daran“-Strategie fahren.
Von einem „in der Bude hocken“ kann ich in deinem Posting nichts erkennen. Aber der enge Familienzusammenhang (Wohnen im selben Haus oder in enger Nachbarschaft) ist sicher nicht nur ein Symptom, sondern auch ein Nährboden für diese dramatische Familienentwicklung.
Es wäre naiv, zu glauben, daß diese komplizierte Vernetzung durch ein simples räumliches Distanzieren von der Familie zu bewältigen wäre. Im Gegenteil: Die “wir werden krank daran“-Strategie verhindert das ja sogar – jedenfalls solange die Frau nicht gelernt hat, gegen diese Strategie radikal zu rebellieren, was unter dem moralischen Druck nicht ohne Weiteres möglich sein wird. Eine sicherlich der fast 30-Jährigen anzuratende Psychotherapie hat zusätzlich die Aufgabe, ein sinnvolles dialogisches Konfliktverhalten in der Familie zu erlernen. Man kann der Frau nur wünschen, daß sie für diesen langen Lernprozess genügend Geduld, Durchhaltevermögen und Mut aufbringt.
Mit guten Wünschen
Metapher