Hallo Martina,
Hier also wie ich es (in meinem Kontext) verstanden habe:
Das Lehen des Lundastiftes besteht aus 2 Kirchspielen.
Wobei ich die Kirchspiele immer Gemeinden genannt habe - ist
das verkehrt?
Verkehrt nicht, es ist modern. Gemeinde lässt zuallererst an Bewohner denken, die mit Rechten ausgestattet sind, sich also gemein-sam organisieren können. Die Bauern aus Deinem Text kannst Du Dir etwa so vorstellen wie das Hauspersonal in der Botschaft von Saudi-Arabien: leibeigene Sklaven, die sich im Eigentum des Stiftes befinden, so wie dessen Getreidevorrat. Wenn das Stift bauen will und einen interessanten Kredit braucht, gibt es - wenn es grade viel davon hat -dem Bänker vielleicht noch ein Dutzend Bauern dazu. Wenn der Bänker ein Venezianer ist, kann er mit diesen seine Zweitgaleere tunen.
Und das Wort Lehen kennen die meisten meiner
Leser bestimmt genauso wenig wie ich - kann man es nicht
einfach Verwaltungsbezirk nennen?
Dann lieber „Herrschaft“. Was nicht ganz genau ist, aber nahe kommt. Es geht nicht nur um die Verwaltung, sondern um ein (je nach Entwicklungsstand der Feudalverfassung) auf Zeit, lebenslänglich oder erblich vom König verliehenes Eigentum an Grund & Boden und an den unfreien Bewohnern, verbunden mit Gerichtsbarkeit, Anspruch auf den Grundzins und allerlei Abgaben und Dienste, im Gegenzug Waffendienst für den König oder entsprechende Zahlungen; im Fall des Stiftes eventuell auch Messen für sein Seelenheil oder dergleichen. Der Lehensnehmer kann Teile seiner Rechte weitergeben, ebenfalls mit Gegenleistung: Z.B. Altarpfründen, Brückenzollrechte, Landnutzung & Wohnrecht, Mühlen- und Ausschankrechte etc.
Kurz: Es geht zwar um ein Territorium, aber das, was dran hängt, ist ein ganzer Komplex von Rechten, Pflichten und Ansprüchen. „Herrschaft“ kommt mir verwendbar vor.
In diesem Lehen (wenn wir es mal so nennen wollen) ist ein
„Huvudgård“, ich vermute also mal ein Vogtshof, denn da
wohnten wohl Adlige.
Ja. Die übliche Weise, geistlichen Besitz verwalten zu lassen. Selber gewirtschaftet (d.h. mit eigenen Laienbrüdern oder Konvertiten) haben im wesentlichen Zisterzienser, teilweise Benediktiner und Prämonstratenser. In einer Dokumentation betreffend die Grundwerwerbe des Prämonstratenserklosters Schussenried, die ich mal aus barockem Kursiv transskribiert habe, findet sich standardmäßig die Formel bei Neuerwerbungen „Omnibus rusticis expulsis…“, also „Nachdem alle Bauern vertrieben worden waren… (ließ der Abt dieses oder jenes mit dem Grundstück tun)“.
Dann wird jedoch das Lehen laut Text Rittergut. (Kann ein
Lehen zum Rittergut werden?).
Ja. Die Herrschaft ist vom Stift an einen Adligen übergegangen. In dieser Richtung selten. Kann das um die Reformationszeit gewesen sein? Wie wurde in Schweden generell mit Kirchenbesitz nach der Reformation verfahren? Denkbar wäre „Heimfall“, d.h. die Herrschaft fällt an den König zurück, in Ermangelung eines Rechtsnachfolgers des - vielleicht säkularisierten? - Stiftes. Das Lehen wird dann neu vergeben. Möglich ist auch eine Abtretung oder ein Tausch.
Daraufhin wird einer der Höfe „Sätesgård“ (also Haupthof).
Ja. Wenn der Vogt Adliger war, kann es sogar sein, dass dieser jetzt draufsitzt, so dass sich bloß der Umfang seiner Rechte geändert hat, aber sein Job im wesentlichen gleich geblieben ist.
Die Bauernhöfe der Gegend sind steuerfrei - um noch einen
unsicheren Begriff in die Diskussion zu werfen - und die
Bauern bewirtschaften die Felder auf dem Vogtshof.
Damit haben sie also bloß Fron- und Gespanndienste zu leisten, aber keinen Grundzins, möglicherweise auch nicht die übrigen „Gefälle“ (= Abgaben zu besonderen Anlässen, z.B. das Besthaupt = das beste Stück Vieh im Stall, wenn der Hof auf den Nachfolger übergeht).
Befreiungen von Abgaben hat es insbesondere in schwierig zu bewirtschaftenden Gebieten gegeben, auch weiter gehende Freiheiten. Beispiel die Stedinger Bauern, die wegen der verantwortungsvollen Deichpflege nie ganz zuende feudalisiert worden waren, und die den lächerlichen letzten Kreuzzug der Geschichte, der zu ihrer restlosen Eingliederung in die Feudalherrschaft veranstaltet wurde, mit dem Legende gewordenen „lever dood as slaav!“ beantworteten. Diese Verfahrensweise, dass Bauern einige Freyheidten gelassen wurden, sie sozusagen als „Partner“ in der Lehenspyramide anerkannt blieben, wenn sie an schwer zu bewirtschaftenden Orten oder in Gegenden mit militärisch unruhigen Grenzen wohnten, ging manchmal ziemlich nach hinten los: Die „alten Rechte“ blieben auf diese Weise im Bewusstsein und wurden auch eher verteidigt, bekannteste Geschichte ist die der Eidgenossen im Konflikt mit den Habsburgern - auch wenns den Tell Willi selber wahrscheinlich nicht gegeben hat.
Schöne Grüße
MM